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Das Vampir-Angebot für die Leipziger Blutbank

20.07.2020
Um Deutschlands führende Nabelschnurblut-Bank Vita34 in Leipzig tobt ein heftiger Machtkampf. Das Ziel: Die größte Stammzellbank Europas.

Von Sven Heitkamp

Leipzig. Ende der 90er-Jahre gründet der Stammzell-Mediziner Eberhard Lampeter in Leipzig die erste private Nabelschnurblut-Bank Europas. Sie lagert Blut ein, das nur bei der Geburt eines Babys gewonnen werden kann und dann ein Leben lang als Reservoir für Spezialbehandlungen dient. Vita34 verspricht Heilung in der Not – und macht sich bei werdenden Eltern schnell einen Namen. Doch die Erfolgsstory des inzwischen börsennotierten Unternehmens ruft zunehmend auch fremde Investoren auf den Plan: Die Frankfurter Investmentgesellschaft Active Ownership Capital (AOC) Health hat in jüngster Zeit 31,2 Prozent der Anteile an Vita34 erworben und damit die Kontrolle über das Unternehmen erlangt. Mehr noch: Derzeit macht der Investor anderen Aktionären ein Pflichtangebot und baut damit seine Macht weiter aus.

Dahinter steckt Kalkül: Die AOC-Gruppe ist eine eigentümergeführte Beteiligungsgesellschaft. Sie erwirbt nennenswerte Anteile an mittelständischen, börsennotierten und ihres Erachtens unterbewerteten Unternehmen, um deren Wert zu steigern: „indem wir die Umsetzung von operativen, strategischen und strukturellen Verbesserungen fördern“. Das Pflichtangebot an die Vita34-Aktionäre hat sie unter einem etwas bissigen Namen ins Internet gestellt: vampire-offer.com – Vampir-Angebot. Bis Ende Juli läuft die Frist zum Preis von 10,76 Euro je Aktie. Ein Preis, der jedoch unter dem aktuellen Börsenkurs von 12 bis 13 Euro je Aktie liegt.

Was wird aus dem Standort Leipzig?

Besonders heikel wird das Angebot aber, weil AOC Health zugleich gut 62 Prozent an der großen polnischen Nabelschnurblutbank PBKM (für Polski Bank Komorek Macierzystych) mit rund 350.000 eingelagerten Proben unter dem Label FamiCord besitzt. Erklärtes Ziel ist eine Fusion beider Unternehmen. Ein Zusammenschluss von Vita34 in Leipzig mit FamiCord in Warschau dürfte laut Analysten die mit Abstand größte Stammzellbank Europas und damit ein Marktführer der Branche auf dem ganzen Kontinent werden. Synergieeffekte und Kursgewinne inklusive. Doch was aus dem Leipziger Unternehmenssitz mit rund 120 Mitarbeitern und eigener Forschungsabteilung wird und ob der Hauptteil der Arbeitsplätze nach Polen verlagert wird, ist offen. Diese Fragen dürften auch ein Thema werden, wenn Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) Anfang Oktober mit sächsischen Unternehmern nach Warschau reist. 

Eine Schlüsselfigur in der Geschichte ist der frühere Mitbegründer und Großaktionär André Gerth. Der promovierte Agraringenieur hatte zu DDR-Zeiten am Institut für tropische Landwirtschaft in Leipzig studiert und nach der Wende zunächst die Stammzell-Datenbank für Pflanzen Bioplanta aufgebaut. 2012 wurden Bioplanta und Vita34 vereinigt, Gerth wurde Vorstandschef – bis er 2018 überraschend als Unternehmenslenker abberufen wurde. Doch im Hintergrund mischt der Mitbegründer als Anteilseigner weiter mit. 

Umsätze stagnieren seit Jahren

Nun hat sich Gerth bereit erklärt, seine knapp neun Prozent Anteile an der Vita34 an die Frankfurter Investoren abzutreten und bekommt im Gegenzug Anteile an der AOC-Holding. Gerth sieht die neuesten Entwicklungen daher mit gemischten Gefühlen: „Der Weg an sich ist richtig: Vita34 ist zu klein, um dauerhaft allein auf dem europäischen Markt fortzubestehen“, sagte der frühere Vorstandschef der SZ. Schade sei allerdings, dass die Investition nicht von Vita34 selbst ausgegangen sei, wie er es schon 2017 geplant hatte. „Es wäre gut, wenn man die Entscheidungshoheit bei Vita34 in Leipzig behalten und den Standort gestärkt hätte – statt die Entwicklung einem externen Finanzinvestor zu überlassen.“ Gerth ist heute Geschäftsführer der deutschen Gesellschaft des polnischen Konkurrenten FamiCord – nun will er sein Know-how bei der geplanten Zusammenführung einbringen.

Vita34 lagert das Nabelschnur-Blut und weiteres Gewebe in großen Edelstahltanks mit flüssigem Stickstoff bei minus 190 Grad ein – und kann die Stammzellen bei Bedarf für lebenswichtige medizinische Präparate bereitstellen. Inzwischen sorgen rund 240.000 Familien aus mehr als 20 Ländern mit einem Zelldepot in Leipzig vor. Trotz wachsender Zahlen von eingelagertem Material stagnieren die Umsätze von Vita34 seit Jahren bei rund 20 Millionen Euro. Die Geschäftsführung hält sich indessen mit Äußerungen zum Eigentümerwechsel bedeckt: PBKM und Vita34 könnten sich gut ergänzen, teilen Vorstand und Aufsichtsrat vorsichtig in einer Stellungnahme an die Aktionäre mit, die der SZ vorliegt. Allerdings hätten sie keine detaillierten Informationen über Tätigkeit und wirtschaftliche Lage der PBKM. „Inwieweit ein Zusammenschluss zu Synergievorteilen führen kann, können Vorstand und Aufsichtsrat nicht abschließend beurteilen.“

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