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Der digitale Sprung

03.08.2020
Der Dresdner Logistikplaner Logsol operiert weltweit - und ist in der Krise besonders gefragt.

Von Peter Ufer

Volkswagen investiert in Argentinien rund 800 Millionen US-Dollar (720 Mio Euro). Zu dieser Investition gehört unter anderem der Bau eines neuen SUV-Modells für Lateinamerika. Der Wolfsburger Autokonzern will den neuen Stadtgeländewagen Tarek bauen und steckt dafür rund 650 Millionen Dollar in die Anlagen im Werk in Pacheco, 36 Kilometer von der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires entfernt. Das verkündete VW im vergangenen Februar, kurz bevor die Corona-Krise weltweit ausbrach.

Die Nachricht von der Millionen-Investition wurde von Uwe Wenzel in Sachsen mit Freude zur Kenntnis genommen, denn ihn verbindet mit Lateinamerika ein spannender Auftrag. Der Pirnaer arbeitet seit 2008 als einer der beiden Geschäftsführer des Logistikplaners Logsol mit Sitz in Dresden. Schon in Zwickau entwickelte die Firma spezielle Lösungen für ein Werk von VW. Das Unternehmen, das Wenzel gemeinsam mit Stefan Bohne führt, optimiert logistische Prozesse und bietet Logistik-Software an. "Wir entwickeln Standortstrategien, Analysen für den Materialfluss, für Transporte und Logistik-IT-Konzepte. Wir planen Verpackungskonzeptionen, Produktionsabläufe, Versorgungsstrategien, sowie den dafür notwendigen Mitarbeiterbedarf."

In Argentinien umfasst das Netz des deutschen Autobauers 96 Händler. Im Jahr 2019 wurden 117.097 Fahrzeuge der VW-Gruppe an Kunden ausgeliefert. Doch allein der Verkauf von Fahrzeugen des Marktführers reicht nicht. Sie müssen gewartet und repariert werden. Dazu benötigen die Werkstätten im ganzen Land Ersatzteile. Zu dem Millionen-Investitionsprogramm der Wolfsburger gehört deshalb ein Ersatzteilverteilzentrum in Pacheco. Das befindet sich auf dem über 709.486 Quatradmeter großen VW-Werksgelände, das insgesamt über 275.160 Quadratmeter Gebäude verfügt. 60.000 Quadratmeter soll die neue Halle für die Ersatzteile messen.

Sämtliche Abläufe in dem neuen Verteilzentrum werden in Dresden von einer Projektgruppe der 75 Mitarbeiter von Logsol geplant. "Das ist bei unserem Jahresumsatz von rund sechs Millionen Euro ein Auftrag mit einem sechsstelligen Betrag", sagt Uwe Wenzel. Dazu gehören neben Zustandsanalyse, die Potentialbewertung bis hin zur Konzeption, Feinplanung und die Begleitung beim Bau der Halle sowie die Anlaufbetreuung. Neben VW gehören über 300 Kunden wie Bosch, BMW, Porsche, Schenker, Von Ardenne oder die Drewag zum Portfolio von Logsol. "Aktuell bearbeiten wir 130 Projekte", sagt Uwe Wenzel, der an der Technischen Universität Dresden Wirtschaftsingenieurwesen studierte. Um Projekte umzusetzen, verfolgt Logsol den Weg der Nähe. So sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht nur zeitweise in Argentinien oder auch China, sondern auch in Deutschland und ganz Europa unterwegs. Und um nicht permanent weite Weg fahren zu müssen, gründete das Dresdner Unternehmen zwei Niederlassungen in Stuttgart und in Nürnberg. Aber auch in Dresden sind Wenzel und seine Leute aktiv, erarbeiteten kürzlich für DAS-Environmental Expert GmbH logistische Lösungen.

Die DAS entwickelt Technologien zur Abgas- und Abwasseraufbereitung und wollte seine Produktionsstätte erweitern. Logsol unterstützte das familiengeführte Unternehmen bei der Standortkonzeption in Dresden-Nickern. Uwe Wenzel sagt: "Projektziel war es, die optimale Flächenaufteilung, unter Beachtung der Wachstums- und Innovationsanforderungen, zu ermitteln. Den Kunden überzeugte hierbei insbesondere unsere kennzahlenbasierte Kapazitätsbetrachtung, die anschauliche Darstellung der Transportwege und Strukturen, Produktionsabläufe, Erweiterbarkeit und der Umwelteinflüsse. Zum Projektabschluss traf die DAS eine fundierte Entscheidung für den Standort Dresden." Nach dem Corona-Lockdown hält VW an dem Argentinien-Auftrag fest, der Start wurde etwas verschoben, jetzt geht es im November 2020 los. Auch diese Nachricht nahm Uwe Wenzel kürzlich mit Freude zur Kenntnis. "Aus heutiger Sicht kann ich feststellen, dass wir stabil durch die Corona-Krise gekommen sind", sagt der Geschäftsführer. Projekte seien zwar teilweise zeitlich verschoben worden, aber sie sind weiterhin aktuell. "Fast verdoppelt haben sich die Anfragen bei der Softwareentwicklung und beim Verkauf von Softwarelösungen", sagt der Wirtschaftsingenieur. Der Bedarf an effizienteren Abläufen in Unternehmen sei in der Zeit enorm gestiegen.

"Wir unterstützen zudem Unternehmen aktuell auch dahingehend, Lieferketten, Lagerbestände und Kapazitäten auf globale Shutdown-Zustände vorzubereiten. Gerade im logistischen Umfeld liegen dabei viele Potenziale." Für eine endgültige Bilanz sei es allerdings noch zu früh, aber drei wesentliche Erkenntnisse würden sich jetzt schon in der Logistik-Branche offenbaren. Erstens sei der Sprung der Digitalisierung enorm beschleunigt worden. Zweitens würden künftig die Umweltbilanzen durch effizientere logistische Lösungen verbessert. Und drittens, so Wenzels Prognose, müssten Unternehmen sich darauf vorbereiten, dass die enormen Schulden, die jetzt der Staat aufnehme, irgendwann vom Endverbraucher zurückgezahlt werden müsse, egal ob in Deutschland oder Argentinien.

Dieser Artikel ist in der Juli-Ausgabe von Wirtschaft in Sachsen erschienen.

 

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