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Der moderne „Minoli“

25.05.2020
Eine der letzten Tankstellen aus der alten DDR-Welt in Leipzig hat nach vielen Jahren einen neuen Pächter. Der hält den gelben Gummi-Pirol weiter in Ehren.

Lila Kapuzenpulli, grüne Cargohose, schwarzbraune Sneaker: Florian Richter sieht nicht aus wie ein typischer Tankwart aus alten Zeiten. Er hat kein Öl an den Händen, keine Latzhose an und auch keinen Abschluss als Kfz-Schlosser oder Anlagenmonteur – und dennoch führt der 34-jährige Leipziger jetzt als einer der Letzten seiner Art ein Unikat in der deutschen Tankstellenlandschaft: Die Minol-Tankstelle in Leipzig, ein Dinosaurier der alten DDR-Marke. In der Lützner Straße stehen eingeengt zwischen alten Gründerzeithäusern seine vier lila Zapfsäulen. Dahinter liegt der geduckte, weiße Flachbau aus den 50ern, über der schmalen Ladentür steht „Minol Shop“.

Das etwas aus der Zeit gefallene Ensemble ist eines der letzten Überbleibsel des einstigen VEB-Kombinats Minol, das 1992 von der Treuhand an den französischen Elf-Aquitaine-Konzern verkauft wurde und heute zur Total-Kette gehört. Neben der Leipziger Tankstelle gibt es nur noch drei weitere Ableger in Heidenau, Zeitz und im mecklenburgischen Wesenberg.

Von Total zu Minol

Vor wenigen Wochen hat Florian Richter das Geschäft von Peter Karrow übernommen, ein Urgestein unter den „Minolis“. Er hatte 1976 den Dienst an der lila Zapfpistole übernommen und durch alle Stürme behalten. Nun aber ist er Rentner und hat den Job an den jungen Mann übergeben, was kein Zufall war.

Florian Richter hat vor einigen Jahren bei einem alten Jugendkumpel Karrows angefangen, auf einer Total-Tankstelle am Stadtrand. Dort hat er eine Ausbildung zum Einzelhändler absolviert und sich geschickt angestellt. Für Autos und die Technik an Tankstellen hat er sich immer schon interessiert. Bald durfte er den Chef vertreten, wenn der in den Urlaub fuhr. Als Karrow einen Nachfolger suchte, wurden sich die drei schnell einig, wer dafür geeignet wäre. Richter absolvierte im Fernstudium zwei Jahre lang die Ausbildung zum Unternehmer und Betriebsleiter Tankstelle, dann wurde auch er selbstständiger Pächter – und „Minoli“.

Heute steht er selbst jeden Tag an der Kasse, kümmert sich um Büro, Buchführung, Bestellungen und belegte Brötchen. „Bei uns ist das ganze Jahr geöffnet, von früh bis spät, auch an den Feiertagen – dafür muss man gemacht sein“, sagt er. Um die vielen Stunden abzudecken, helfen vier Teilzeitkräfte und eine Aushilfe als Hausmeister.

Manche kommen wegen Nostalgie

Im Regal neben der Kasse steht auch der „Minol-Pirol“, ein gelber Gummivogel mit roter Latzhose für 14,95 Euro. „Er gehört einfach dazu“, sagt Richter. Ein paar Figuren hat er noch am Lager, aber er muss bald nachbestellen. Der Pirol ist begehrt. „Manche ältere Kunden kommen aus nostalgischen Gründen gezielt zu uns, manche sogar von weiter weg, um sich Minol noch einmal anzuschauen“, erzählt Richter, der selbst erst 1986 geboren ist. Er hört gern den Geschichten zu und erklärt etwas zur Historie – wenn er denn kann. „Das meiste kenne ich ja selbst nur vom Erzählen.“

Dass es das Relikt im Zeichen des Pirols überhaupt noch gibt, hat etwas mit alten Rechten zu tun. Der Total-Konzern muss die Marke „Minol“ mindestens an drei Standorten weiter betreiben, damit sie dem Unternehmen nicht genommen werden kann.

Unter Richters Regie soll nicht alles anders werden am Fossil der DDR-Zeit, nur ein paar kleine Änderungen hat Richter vor: Shirts und Pullover mit Minol-Abzeichen will er sich anfertigen lassen. Von der alten Waschanlage, die schon länger nicht mehr funktioniert, wird ein Teil umgebaut und so das Bistroangebot vergrößert. „Der Shop macht den wesentlichen Umsatz, an Benzin und Diesel verdient ein Tankwart kaum etwas“, sagt Richter. Ohnehin habe er mit dem Spritgeschäft wenig zu tun: „Die Preise werden von Total aus der Ferne gesteuert – nicht von mir“, betont er. Auch um die Wartung und Reparatur der Tankanlagen kümmere sich der Mineralölkonzern. Zweitakter-Gemisch gibt es auch nicht mehr, das müssen die letzten Trabi-Kunden selbst mixen. Einen anderen Wunsch will Richter sich aber noch erfüllen. Wenn er über alle Zulassungen als Ausbilder verfügt, möchte auch er junge Leute ausbilden – und sein gesammeltes Wissen weitergeben.

Von Sven Heitkamp

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