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Der neue Lidl - eine Gefahr für den Görlitzer Einzelhandel?

26.07.2022
Der Discounter Lidl will den Markt an der Christoph-Lüders-Straße erweitern. Doch der Stadtrat will keine größere Filiale. Das dürfte mit einem Projekt ganz in der Nähe zu tun haben.

Von Sebastian Beutler

Lidl ist kräftig dabei, zu bauen. Der Discounter erweitert seinen Einkaufsmarkt an der Reichenbacher Straße. Die Pit-Stop-Werkstatt in der unmittelbaren Nachbarschaft des Marktes war schon Anfang des Jahres gefallen, jetzt ist bereits zu sehen, wie weit der neue Markt in den früheren Fußgänger- oder Fahrbereich reichen wird. Bis Herbst will Lidl die Arbeiten hier abgeschlossen haben, anschließend wird die Filiale dann rund 1.350 Quadratmeter Verkaufsfläche haben, 15 Prozent mehr als bislang. Die größere Fläche soll nicht nur eine bessere Präsentation der Waren zur Folge haben, sondern auch breitere Gänge aufweisen. Alles in allem zeitgemäßer.

Ganz ähnliche Pläne verfolgt Lidl auch an seinem zweiten Standort in Görlitz, an der Christoph-Lüders-Straße. Auch hier soll ein moderner Einkaufsmarkt entstehen. Dazu soll die Fläche um knapp 40 Prozent auf 1.418 Quadratmeter wachsen, sodass der Markt dann vergleichbare Dimensionen wie der in Rauschwalde aufweisen würde. Auch hier ist nicht die Erweiterung des Sortimentes das Ziel, sondern breitere Gänge, bessere Präsentation, zeitgemäßes Einkaufen. "Auch in Görlitz", so erklärt Lidl auf Nachfrage gegenüber der SZ, "wollen wir unseren Kunden moderne Einkaufsstandorte mit attraktiven Einkaufsbedingungen bieten".

Stadtrat sieht seine Pläne durch Lidl-Erweiterung gefährdet

Der Stadtrat hat dem aber zuletzt einen Riegel vorgeschoben. Mit den Stimmen von CDU, Bürgerfraktion, Motorgrüne und Linkspartei beschloss der Rat, dass kurzfristig an diesem Standort nichts verändert werden darf. Langfristig soll ein Bebauungsplan verhindern, dass Lidl sich erweitern kann. Nur die AfD sieht in dem größeren Markt kein Problem. Für den Bebauungsplan nimmt der Stadtrat sogar 10.000 Euro in die Hand, damit die Verwaltung diesen Plan aufstellen kann. Bislang war das Geld im Haushalt nicht vorgesehen. Es muss in die Haushaltsjahre 2023 und 2024 neu eingeplant werden. "Mittelvorgriff" heißt das im Verwaltungsdeutsch.

Der Stadtrat sieht durch eine Erweiterung des Lidl-Marktes seine Einzelhandelspläne gefährdet. Der Markt an der Christoph-Lüders-Straße sei weder ein Nahversorger noch versorgt er zentrale Bereiche der Stadt. Mit anderen Worten: Es wohnen zu wenige Menschen im Umfeld des Marktes. Das tut aber der Beliebtheit des Lidl-Marktes keinen Abbruch. Sowohl in der Woche als auch am Wochenende, wo sich die Laubenpieper der benachbarten Gartensparten mit den üblichen Waren für ein Wochenende eindecken.

Baurechtlich steht der Erweiterung des Lidl-Marktes nichts entgegen. Weil die Markterweiterung über das Baurecht also nicht zu verhindern ist, griffen die Stadträte zum Instrument des Bebauungsplanes. Es ist das rechtlich schärfste Schwert, was ihnen an der Stelle zur Verfügung steht.

Lidl prüft die derzeitige Situation

Lidl selbst gibt sich zurückhaltend nach der Stadtratsentscheidung. "Derzeit befinden wir uns intern in weiteren Abstimmungen", erklärt die Lidl-Sprecherin, "wir bitten um Verständnis, dass wir darüber hinaus aktuell keine weiteren Angaben machen können."

Andere finden dafür umso klarere Worte. Beispielsweise Martin Braun, Vorsitzender der FDP in der Stadt Görlitz. "Wir sollten froh sein, dass Lidl in der Innenstadt beziehungsweise innenstadtnah an seinem Standort festhält, wo bereits Bodenversiegelung besteht", sagt er. Braun findet auch die Argumentation von Lidl nachvollziehbar. Studien des Einzelhandels belegten mit Blick auf die älter werdende Bevölkerung, dass Märkte vor allem für Einkaufsrollatoren und ein Einkaufserlebnis umgebaut werden müssten, das ein längeres Verweilen ermöglicht. "Der Erweiterungswunsch des Lidl-Marktes ist eine logische Konsequenz bei der Entwicklung der Lebensmittel-Discounter vor Ort."

Der Stadtrat bezieht sich bei seiner Ablehnung auf das erst im vergangenen Jahr beschlossene Einzelhandels- und Zentrenkonzept sowie auf die Ziele der Stadtentwicklung. Zugleich ist dem Beschluss zu entnehmen, dass die Stadt durchaus für möglich hält, dass sich ein Teil des großzügigen Parkplatzes am Lidl-Markt auch noch für die Ansiedlung weiterer Handelseinrichtungen eignen könnte. Wenn sich jetzt aber Lidl erweitert, wäre diese Möglichkeit verbaut. Andererseits hat der scheidende Bürgermeister Michael Wieler vor dem Stadtrat erklärt, die Stadt wolle an der Stelle keine "Auto-Versorger". Das würde bei anderen Handelseinrichtungen nicht viel anders sein.

Eine Gefahr für den Rewe-Markt?

Vor allem aber soll Lidl sich nicht erweitern, um den geplanten Rewe-Markt im Werk 1 nicht zu gefährden. Der soll mit 2.200 Quadratmeter Verkaufsfläche deutlich größer ausfallen als ursprünglich geplant. Zu der Erweiterung hieß es, Imbisse und Bäckerei bräuchten mehr Platz, aber auch der Eingang falle größer aus. Mit anderen Worten Rewe begründet seine größeren Pläne ganz ähnlich wie Lidl. In dem Stadtratsbeschluss heißt es nun, die Lidl-Erweiterung hätte "nicht nur unwesentliche schädliche Auswirkungen auf zentrale Versorgungsbereiche".

Mindestens einen weiteren gravierenden Unterschied gibt es aber in der Tat bei den Erweiterungen der beiden Lidl-Märkte in Görlitz. Während der bestehende an der Reichenbacher Straße erweitert wird, würde Lidl den an der Christoph-Lüders-Straße durch einen Neubau ersetzen: mit umweltfreundlicher Technik und ökologischer Bauweise. "Beispielsweise mit einem integralen Anlagesystem, LED-Beleuchtung und einer Fotovoltaikanlage", erklärt die Lidl-Sprecherin gegenüber der SZ.

Das ist bei Neubauten auch bei Discountern mittlerweile Standard, wie ein gleich gelagerter Neubau eines Aldi-Marktes in Löbau zeigt. Den Plänen zufolge arbeitet der neue Aldi-Markt energie-autark und ohne Gasheizung, dafür aber mit einer Fotovoltaikanlage.

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