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Der Online-Unterricht bleibt so auf der Strecke

01.04.2021
Matthias Hundt, Geschäftsführer der Sachsen Digital Consulting und der Fibre Holding, über verpasste Chancen bei der Digitalisierung an Schulen.

Das Thema digitale Sicherheit in Schulen gestaltet sich gerade jetzt in der Corona-Krise auf mehreren Ebenen als Herausforderung. Wie erleben Sie diese Zeit?

Ich muss da zuerst etwas grundsätzlich ausholen. Sicherheit in der IT verbinden viele mit Technik, Firewalls, Router und denken damit ist das Thema erledigt. Diese Komponenten sind aber nur ein kleiner Baustein bei diesem Thema. Die großen Faktoren sind aber der Mensch, die Prozesse und die Strukturen.

Ich möchte das mal an einigen kleinen Beispielen erläutern. Ich habe vor kurzem eine Onlinekonferenz zum Thema Digitalisierung organisiert. Teilnehmer waren, Fachreferenten, Eltern und Politik. Die Anforderung war ein sicheres Onlinemeeting mit Logindaten. 80 Prozent der Teilnehmer hatten Schwierigkeiten an der Konferenz teilzunehmen, weil es ungewohnt war, bei einem Onlinemeeting Zugangsdaten einzugeben. Wir haben dann 35 Minuten benötigt, bis alle Teilnehmer online waren.

Es wurde dann auch die aktive Forderung erhoben, das wir bei der nächsten Konferenz bitte einfach Zoom verwenden möchten, dann kann man den Link einfach anklicken und kopieren und man muss keine Zugangsdaten eingeben.

In der aktuellen Zeit vermutlich kein Einzelfall...

Nein. Ein anderes Beispiel war aktuell in den Medien. Viele Schüler bundesweit verwenden die Anton-App. Das ist schön einfach und bietet viele Möglichkeiten. Jetzt wurde durch einen Journalisten eine massive Sicherheitslücke entdeckt. Alle privaten Schülerdaten waren im Klartext einsehbar. Wenn man sich die wunderbar geschrieben Datenschutzerklärung des Anbieters anschaut, erkennt man das eigentliche Problem. Datenschutzerklärungen werden inzwischen von Rechtsanwälten geschrieben, wodurch es nicht mehr auf den Inhalt ankommt, sondern nur noch, das die Datenschutzbestimmungen den aktuellen Rechtsanforderungen nachkommen und nicht angreifbar sind.

Das eigentliche Datenleck ist, wenn man es sich mal genau anschaut, nicht auf einen Fehler zurückzuführen, sondern auf ein strukturelles Problem in der Entwicklung und fehlende Prozesse. Der zuständige Landesdatenschutzbeauftragte hat aber nur überprüft, ob die Datenschutzbestimmungen die gesetzlichen Anforderungen erfüllen. Der Schulträger, welcher eigentlich die Anwendungen an den Schulen genehmigen und überprüfen müsste, kann diese Leistung überhaupt nicht erfüllen, da hier kein Fachpersonal vorhanden ist. Man verlässt sich dann auf den Landesdatenschutzbeauftragten.

Keiner hat also einen Fehler gemacht...?

Aber auch keiner hat sich um das Thema gekümmert. Hinzu kommt dann auch noch, dass die Bundesbildungsministerin und die Staatsministerin für Digitalisierung diese App auch noch promoten. Dann wird davon ausgegangen, das wird schon alles in Ordnung sein.

Dabei wirft das ja nur neue Probleme auf - oder?

An diesen Beispielen kann man die eigentlichen Probleme bei dem Thema Sicherheit ganz gut erkennen. Eine App, die cool und einfach, aber völlig unsicher ist, wird an Schulen angewendet. Aber ein System z.B. von Microsoft Education, das alle geforderten Sicherheitsanforderungen erfüllt, wird nicht genehmigt, da die Landesdatenschutzbeauftragten einen teilweise ideologischen Feldzug führen und sich nicht äußern. Der Schulträger sagt dann, Microsoft Education wäre nicht sicher und darf nicht verwendet werden.

Und der Online-Unterricht als eigentliches Thema leidet weiter?

Die Wahrheit ist, die Landesdatenschutzbeauftragten sagen gar nichts, weil – wie es so schön heißt–einen Tod muss man sterben und das will keiner. Da keiner was sagt, macht man lieber nichts, dann macht man auch nichts falsch. Das eigentliche Thema, der Onlineunterricht spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle und bleibt auf der Strecke. Die Schulen müssen aber Onlineunterricht anbieten und versuchen sich dann zu helfen und machen irgendwas mit irgendwelchen Systemen und Programmen, weil in der Schule muss unterrichtet werden.

Wie sehen Sie als Fachmann das Ergebnis dieser Vorgehensweise?

Das was dann dabei herauskommt, ist der eigentliche IT-Sicherheits-GAU. Die Verantwortung für IT-Sicherheit wird dann auf die Lehrer verlagert, welche dafür weder ausgebildet, noch mit den nötigen Zeitressourcen und Mitteln ausgestattet sind. Zum Schluss schauen wir mal auf die IT Infrastruktur einer Schule. Bis jetzt bestand die IT in einer Schule zum Großteil aus einem PC Kabinett. Mit dem DigitalPaktSchule ändert sich das gravierend. Die Infrastruktur wird plötzlich wesentlich komplexer als die eines Unternehmens.

Wie sieht das konkret aus?

Digitale Anzeigetafeln bestehen zum Großteil aus einem Android-Betriebssystem und einem Windowsrechner. Dazu kommen dann mobile Endgeräte der Schüler in den Klassen, welche Android-, Windows- oder Apple-Betriebssysteme haben. Und dazu wiederum kommen dann noch WLAN und aktive LAN-Komponenten mit Linuxsystemen, dann die privaten Handys der Schüler und Lehrer. Viele dieser mobilen Endgeräte werden von den Schülern und Lehrern auch zu Hause verwendet und dann wieder mit in die Schule gebracht.

Spätestens jetzt schlägt ein Fachmann die Hände über dem Kopf zusammen und auch einem Laien wird klar, das kann so nicht funktionieren, sondern benötigt klare Strukturen und Prozesse, welche weder die Schulträger noch die Lehrer leisten können. Von Aspekten wie Nachhaltigkeit, Gesundheit, Datenschutz und BSI haben wir noch nicht mal geredet. Deshalb meine Aussage, der Faktor Mensch, die Struktur und die Prozesse müssen stimmen, bevor man über Technik und Sicherheit spricht.

Gesprochen wird ja eigentlich permanent über das Thema...

Wenn wir von der Digitalisierung an Schulen reden, kochen die Emotionen aktuell immer wieder hoch, es wird sehr intensiv diskutiert und man überhäuft sich gegenseitig mit Vorwürfen. Das von mir beschriebene Thema Sicherheit ist dabei nur ein Aspekt. Digitalisierung von Schulen muss einer Strategie folgen. Technik folgt der Pädagogik und nicht umgekehrt. Das bedeutet aber auch, digitaler Unterricht unterliegt anderen Mechanismen als ein einfaches Onlinemeeting. Viele von uns haben lernen müssen, das Onlinemeetings anders sind als Präsensveranstaltungen und auch ein Onlinemeeting zu moderieren muss gelernt sein. Viele beherrschen dies bis heute nicht.

Beim Onlineunterricht müssen nicht nur digitale Kompetenzen der Lehrer vorhanden sein, sondern auch noch mit digitalen Lernmitteln, digitale Lernkompetenzen an die Schüler vermittelt werden und das mit technischen Mitteln, welche noch nicht überall verfügbar sind. Alleine das Beherrschen der Technik erfordert ein gewisses Training.

Eine Erfahrung, die aktuell nicht nur die Lehrer machen...

Wenn wir jetzt mal in uns hineinhorchen und uns fragen, dass wir uns diese Kompetenzen neben unserer eigentlichen Arbeit aneignen müssten. Die Frage sollte sich jeder mal stellen, bevor er wieder auf die Lehrer und die Schulen schimpft. Jetzt kann man natürlich sagen wir hätten die Technik früher anschaffen sollen oder die Lehrer früher schulen, aber dann sind wir bei dem berühmten Henne/Ei Problem. Was warzuerst da. Das letzte Problem an dieser Stelle ist die öffentliche Organisationsstruktur. Sie können IT Sicherheit und Digitalisierung nicht in einer öffentlichen hierarchisch organisierten Verwaltungsstruktur organisieren. Ich möchte das mal an einem einfachen Beispiel erklären. Wenn der CEO von VW alle Komponenten und Entwicklungsthemen an einem Auto alleine Entscheiden und freigeben müsste und würde, wäre in Deutschland nie ein fahrtüchtiges Auto gebaut worden. Weil die Entwicklung eine Teamarbeit von vielen Fachleuten ist.

Das gilt auch für die Digitalisierung an Schulen?

Bei der Digitalisierung existieren noch wesentlich komplexere Herausforderungen. Wie will man Teamarbeit in einer hierarchischen Struktur organisieren? Überhaupt nicht, es wird nicht funktionieren und das kann man ja gerade an vielen Stellen sehen und erleben. Deshalb müssen wir das Thema Digitalisierung anders anpacken und neu organisieren, sonst werden wir scheitern. Für Sachsen kann ich aber sagen, Wirtschaftsminister Martin Dulig hat dieses Thema nicht nur erkannt, sondern hat schon ein umfangreiches Paket in vielen Bereichen der Digitalisierung und beim Breitbandausbau in Planung. Aber das ist dann schon wieder ein anderes umfangreiches Thema.

Über den Autor

Matthias Hundt ist Geschäftsführer der Sachsen Digital Consulting und der FibreHolding und beschäftigt sich beruflich schon seit 30 Jahren mit dem Thema Digitalisierung, Softwareentwicklung und IT Sicherheit. Die Sachsen Digital Consulting beäschäftigt sich hauptsächlich mit dem Thema DigitalPakt Schule und ist bis jetzt bundesweit der einzige Gesamtdienstleister für dieses Thema. Die FibreHolding beschäftigt sich mit dem Orchestrieren von Breitbandausbau für Kommunen.

Kontakt: 

SDC Sachsen Digital Consulting GmbH
Tel. +49 351 320 46 350
Fax: +49 351 320 46 315
SachsenDC.de

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