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Der Patriarch mit Herz

Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge 07.02.2020
Jürgen Preiss-Daimler ist tot. Der in Wilsdruff lebende Unternehmer hat an die Zukunft der Ostbetriebe geglaubt und die Krebsforschung unterstützt. Ein Nachruf.

Auf die Frage, was er noch erreichen möchte, antwortete Jürgen Preiss-Daimler: „Es wäre schön, wenn alles so bliebe, wie es ist, und ich 100 Jahre alt würde“. Das war vor gut einem Jahr.

Sein Wunsch wird nicht in Erfüllung gehen. Am Dienstag dieser Woche ist der erfolgreiche Unternehmer verstorben, im Alter von 80 Jahren. Seinen runden Geburtstag im Sommer 2019 hatte er noch mit Familie, Freunden und langjährigen Geschäftspartnern mit einer Schifffahrt auf der Elbe gefeiert und sich selbst mit einem Buch beschenkt. „Über(s)leben – Krebs: Im Kopf fängt die Heilung an“, so lautet der Titel. Auf 167 Seiten schildert er seinen Kampf gegen die tückische Krankheit, gegen die er seit über zehn Jahren kämpfte. Ein bösartiges Nierenzell-Karzinom. So lautete 2009 die Diagnose. Was andere aus der Bahn geworfen hätte, war dem Patriarchen gerade mal ein Gespräch mit seiner Ehefrau wert. „Man kann auch mit einer Niere gut leben, mein Bruder tut das seit Jahren“, sagte er damals.

Der Krebs, der dem Unternehmer schon seine Mutter früh genommen hatte und an dem auch sein Sohn starb, schien besiegt, bis bei einer Routineuntersuchung neue Metastasen in der Lunge festgestellt wurden. Da konsultierte Preiss-Daimler nicht nur einen Experten aus den USA. Er entschied sich auch, in die Offensive zu gehen und seine engsten Mitarbeiter zu informieren. Ehrlichkeit nimmt Gerüchten den Boden, so seine These.

Sah Chancen im Osten

PD, wie Freunde ihn nannten, kämpfte. Knapp 30 Operationen und mehr als zwei Dutzend Bestrahlungen kamen im Laufe der Jahre zusammen. Ihn hielt es dabei selten mehr als eine Nacht im Krankenhaus. Zu Hause genese es sich besser, so seine Devise. Das Zuhause war eine Villa im Wilsdruffer Ortsteil Kesselsdorf. Türkisfarben leuchtet die Kuppeln von Weitem. Über dem Eingang ragt eine gläserne Fassade steil in den Himmel. Sie erinnert an das Bellagio in Las Vegas. Das Gebäude hat Preiss-Daimler selbst entworfen. Die Wände seines Büros zieren eine Schrankwand und viele Regale, alle bestückt mit Mitbringseln aus den Ländern, die der Unternehmer besucht hat – geschäftlich oder privat, meistens ging es um beides. Da eine Flagge, dort eine Glaskaraffe, hier eine Uhr, dort ein Pokal. Und dazwischen taucht immer wieder der Löwe auf. Er steht für das Sternzeichen von Jürgen Preiss-Daimler und seiner Frau. Und er steht wohl auch für die unbändige Kraft und Energie, mit der der erfolgreiche Unternehmer seine Firmen führte.

Ein Imperium, das Respekt einflößt, selbst dem eigenen Sohn Stefan, der seit 2013 mit in der Geschäftsleitung sitzt. Knapp 2000 Mitarbeiter verteilen sich auf gut zwei Dutzend Unternehmen weltweit. Sie stellen Glasfasern und feuerfeste Steine her, die unter anderem in Glas- oder Stahlwerken verbaut werden. Der Jahresumsatz lag zuletzt bei knapp 210 Millionen Euro.

Begonnen hat alles sehr viel kleiner. Geboren wurde Heinz-Jürgen Preiss-Daimler am 27. Juli 1939 als Sohn des Fabrikdirektors Max Heinrich Preiss-Daimler und dessen Frau Grete in Breslau. Er wuchs bei seinem Patenonkel, einem Pastor im Landkreis Iserlohn, auf. Nach der Schule ließ sich Preiss-Daimler zum Wirtschaftskaufmann ausbilden. 1971 gründete er sein eigenes Bauunternehmen. Der Zeitungsausschnitt mit dem Eintrag aus dem Handelsregister hängt heute noch im Vorzimmer des Firmenchefs. Er war erfolgreich, baute am Hamburger Hafen und wurde für Großbauprojekte in die DDR geholt. Im Chemiepark Buna II verlegte er die Rohre, das Konverterstahlwerk in Eisenhüttenstadt entstand mit seiner Hilfe, genauso wie das Robotron-Gelände in Dresden.Nach der Wende suchte Preiss-Daimler wieder den Kontakt in den Osten. Wo andere nur Geschäft witterten, sah er Chancen. Das machte ihn zu einem begehrten Verhandlungspartner für die Treuhand. Die schnürte ihm 1993 ein Unternehmenspaket von acht Firmen. Darunter war die Glas-Seide in Oschatz, der Glasmaschinenbau im thüringischen Ilmenau, das Glasfaserwerk in Brattendorf und die Industrieabfalldeponie und Feuerfestwerke in Wetro, heute noch mit 816 Mitarbeitern. Preiss-Daimler kaufte insgesamt 17 Firmen von der Treuhand. Selbst den Chemiepark in Bitterfeld sanierte er.

Seine Tatkraft war vorbildhaft

Alle Firmen passten in die Unternehmensstrategie, nur eine nicht: die Eisenwerke in Ueckermünde. Den Mitarbeitern dort hatte der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker den Erhalt ihrer Jobs versprochen. Und dafür schien Preiss-Daimler der einzig richtige Investor zu sein. Es wurde lange über den Preis verhandelt. Am Ende zahlte der Unternehmer 46,3 Millionen D-Mark. Ein Vielfaches musste er investieren. Aber er hatte sich einen Wunsch erfüllt. Er war nicht mehr nur der Bauunternehmer, dessen teurer Fuhrpark in den Wintermonaten herumstand. Er war endlich auch ein produzierender Unternehmer und damit unabhängig von Jahreszeiten und Wetterkapriolen. Die Übernahme der größten Guss-Hersteller der DDR erwies sich übrigens im Nachhinein als Glücksfall. Einige Maschinen wurden gewinnbringend nach Ägypten verkauft. Und der Betrieb selbst ging an einen US-Investor.

„Glück gehört im Leben dazu“, sagte Jürgen Preiss-Daimler einmal. Er hatte oft Glück und Erfolg. An Letzterem ließ er andere gern teilhaben. 3,5 Millionen Euro sind über die gemeinsam mit seiner Frau Beatrix gegründete seine Stiftung „Preiss-Daimler Medical Equipment and Research“ an das Dresdner Uniklinikum geflossen. Damit wurden Stipendien finanziert und Diagnose-Geräte gekauft. Auch am Bau des neuen Forschungsgebäudes für das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen Dresden beteiligte sich der Unternehmer. „Mit seiner beispielhaften Haltung und seinem Mäzenatentum bleibt Jürgen Preiss-Daimler ein Vorbild, dessen Vision einer Heilbarkeit von Krebs uns seit vielen Jahren eint.“, würdigte der Medizinische Vorstand der Uniklinik, Professor Michael Albrecht. „Die jahrzehntelange Unterstützung Jürgen Preiss-Daimlers war umfassend und visionär, dafür sind wir ihm mehr als dankbar“, ergänzt der Dekan der Medizinischen Fakultät, Heinz Reichmann. Und Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) würdigt Jürgen Preiss-Daimler als einen der erfolgreichsten Unternehmer des Freistaates, der viel für den Wirtschaftsstandort getan hat. „Seine Tatkraft und sein Engagement sind vorbildhaft“, so Dulig. 2018 wurde Preiss-Daimler zum Ehrensenator der TU ernannt, und 2019 erhielt er den Sachsenpreis des Semperopernballs. Er war viele Jahre gemeinsam mit seiner Frau Beatrix Gast in der Oper. In diesem Jahr wird man dort ohne ihn tanzen müssen.

 

Von Ines Mallek-Klein

Foto: © Robert Michael

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