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Der sanfte Blick ins Herz

30.06.2020
Viola Klein und Andreas Mönch haben die Saxonia Systems AG verkauft und in eine Medizintechnikfirma investiert. Sie könnte der erste Dax-Konzern Sachsens werden.

Von Ines Mallek-Klein

 

Man sieht es ihr nicht an und ihrem Herzen erst recht nicht. Viola Klein feierte vor wenigen Tagen ihren 62. Geburtstag. Und sie hat das Herz einer Fünfzigjährigen. Das haben ihr die Ärzte der Berliner Charité bescheinigt. "Da hat sich meine Yogaeinheit also doch gelohnt", sagt Viola Klein. Sie ist keine große Freundin der sportlichen Ertüchtigung. Aber der tägliche Sonnengruß am Morgen muss sein.

Vorausgegangen war der Diagnose der Ärzte eine zehnminütige Untersuchung mit Fahrradergometer und Magnetokardiographen. Es ist eine technische Innovation, die in der Charité noch getestet wird. Der Magnetokardiograph, er ist auch Viola Kleins neues Projekt. Gemeinsam mit ihrem langjährigen Geschäftspartner Andreas Mönch hat sie sich an der Entwicklungsfirma Biomagnetik Park GmbH beteiligt. Mönch und Klein wandeln schon lange gemeinsam auf Unternehmerpfaden. Sie haben das Softwareentwicklungsunternehmen Saxonia Systems AG 1994 in Dresden gegründet und groß gemacht. Das Unternehmen hat kürzlich einen neuen Eigentümer bekommen und firmiert seit 1. März mit mehr als 300 Mitarbeitern als Carl Zeiss Digital Innovation AG. Eine Übernahme, die von langer Hand geplant war. "Wer glaubt, so ein Verkauf geht von heute auf morgen, der ist naiv", so Klein. Für sie und Andreas Mönch war immer klar, eine Firma dieser Größenordnung sollte man nicht den eigenen Kindern aufbürden. Da braucht man einen großen Partner, und den fand die Saxonia Systems quasi in ihrer Kundendatei.

Vom Standort in München aus hat man als Softwareentwickler über mehr als zehn Jahre für den Weltmarktführer, der neben der Fertigung von Brillengläsern und Fotoobjektiven als Hochtechnologieunternehmen Maßstäbe in der Halbleiterindustrie, der Medizintechnik und der industriellen Messtechnik setzt, Cloud-basierte Lösungen erarbeitet. "Als Zeiss auf uns zukam, war das unser Ritterschlag", sagt Viola Klein. Sie wird weiter im Aufsichtsrat sitzen, während Andreas Mönch die Implementierung der Firma bis zum Jahresende begleiten wird. "Danach bin ich im Stellenplan nicht mehr vorgesehen", so Mönch.

Aber in den Ruhestand will keiner der beiden Unternehmer gehen. Sie haben in die Blockchain-Technologie investiert und eben in die Biomagnetik Park GmbH. Das Unternehmen sitzt in Hamburg. "Noch", sagt Viola Klein und lacht. Der größte Investor der Medizintechnikfirma ist in Dresden zu Hause, und hierhin soll - wenn es nach ihr ginge - auch einmal der Firmensitz verlagert werden. Für Professor Jai-Wun Park wäre es ein Nachhausekommen. Der Internist und Kardiologe, der aus Korea stammt, hat mit seiner Familie einige Jahre in Dresden gelebt und in Hoyerswerda am Krankenhaus gearbeitet. Hier testete er einen Magnetokardiographen, der gemeinsam mit dem Jenaer Unternehmen BioMagnetic Diagnostic Systems entwickelt worden war. Das war vor 14 Jahren und beweist, dass Entwicklungen im medizintechnischen Bereich Geduld und Ausdauer verlangen. Das schnelle Geld lässt sich hier nicht verdienen. Das weiß auch Viola Klein, die ihre Netzwerke nutzen möchte, um für die Diagnosemethode zu werben. Die Erfassung und Auswertung von Magnetfeldern ist keine neue Methode. MRTs gibt es schon lange. Allerdings arbeiten diese mit deutlich stärkeren Magnetfeldern als das von Jai-WuPark und seinem Team entwickelte Gerät. "Eine Untersuchung unter Belastung nimmt zehn Minuten in Anspruch. Bei Notfällen ist eine Diagnose "krank" oder "gesund" innerhalb von nur einer Minute möglich. Das könnte in der Zukunft sehr viele Katheteruntersuchungen vermeiden helfen", sagt Viola Klein. Noch liegen die Anschaffungskosten für Kliniken im hohen sechsstelligen Bereich. "In Großserie werden die Geräte natürlich billiger", so Andreas Mönch.

In der Ärzteschaft ist die Technologie wegen ihrer Aussagekraft allerdings nicht unumstritten. Gleichzeitig kennt man die Risiken der Katheteruntersuchungen. Bei denen gilt Deutschland als Weltmeister. Laut Deutschem Herzbericht wurde die Diagnosemethode 2015 über 900.000-mal angewendet, allein 44.400-mal in Sachsen. Die Statistiken über medizinische Komplikationen bishin zur Mortalität sind uneinheitlich. Unerwünschte Nebenwirkungen wurden je nach Studie in 1,5 bis zu fünf Prozent aller Untersuchungen nachgewiesen, immer auch abhängig vom Krankheitszustand der Patienten.

Mit dem Investment von Viola Klein und Andreas Mönch soll zunächst der Bau von fünf Magnetokardiographen finanziert werden. Diese sogenannte Nullserie sei schon komplett verkauft. Und während bisher ein Großteil der Komponenten aus Korea kam, wird der Spulenkopf, quasi das Herz des Kardiographen, künftig in Jena produziert. Auch andere Teile für die Kabine könnten künftig aus Deutschland kommen.

Die Unternehmer wissen, die großen Herausforderungen kommen erst noch. Das Medizingerät braucht eine Zulassung, und die Untersuchungen müssen als Kassenleistung anerkannt werden. Erst, wenn diese Hürde genommen wird, ist ein Einsatz der Technologie in der Breite denkbar. Deshalb arbeiten Forschungsgruppen an weiteren Einsatzfeldern. "Mit der Technologie kann auch die Aktivität des Gehirns genauer untersucht werden", sagt Andreas Mönch. Der studierte Informationstechniker weiß, das finanzielle Engagement ist nicht ohne Risiko. Neben der Frage, ob man technologisch auf dem richtigen Weg sei, stelle sich immer auch die Frage, ob die Entwicklung zur richtigen Zeit komme. Wenn ja, dann hat sie enormes Wachstumspotenzial. "Da kann was richtig Großes draus werden", sagt Viola Klein. Sie hat erst unlängst auf die Frage, was sie sich für das neue Jahrzehnt wünscht, gesagt, die Ansiedlung eines Großkonzerns in Sachsen. Viele denken dabei an Softwarefirmen oder Autobauer, aber warum sollte der Konzern nicht in der Medizintechnik zu Hause sein und momentan eher als Start--up fungieren? Wie man Kleines groß machen kann, hat das Unternehmerduo mit der Saxonia Systems längst bewiesen.

Die Rollen sind dabei klar verteilt. Andreas Mönch ist für die technischen Innovationen zuständig und Viola Klein für das erfolgreiche Netzwerken. "Und das macht sie mit einer unbändigen Energie und Überzeugungskraft, die mir Hochachtung abringt", gesteht Andreas Mönch. Eine Begeisterungsfähigkeit, die ihr in die Wiege gelegt zu sein scheint. Denn schon in den 1980er-Jahren, Viola Klein war mit 24 Jahren eine der jüngsten Kindergartenleiterinnen der DDR, waren die Bildungsangebote für die Kinder so legendär, das es eine lange Warteliste gab. 1987 verabschiedete sich die Absolventin der Pädagogischen Fachschule Dresden in die Erziehungszeit, und als sie zurückkam, gab es einen Einstellungsstopp. Arbeitslos mit Baby - andere Frauen wären verzweifelt, aber nicht Viola Klein. Sie wurde Assistentin der Geschäftsführung in einem Erwachsenenbildungsinstitut. "Ich habe - wie bei Assistentinnen üblich - gearbeitet wie ein Geschäftsführer, mit dem Gehalt einer Sekretärin. Die Arbeit hat mir viel Freude gemacht, und ich habe unglaublich viel gelernt", erinnert sie sich später.

Über einen Freund lernte sie damals Andreas Mönch kennen. Der hatte parallel zu seiner Tätigkeit als Dozent an der Fakultät Informatik der TU Dresden im Mai 1990 begonnen, das Saxonia Bildungsinstitut aufzubauen. "Ich suchte einen neuen Partner, mit Erfahrung und Tatkraft", so Andreas Mönch. Viola Klein stieg ein, und die beiden Unternehmer spezialisierten sich bei ihren Kursen auf die Weiterbildung von Akademikern im Bereich Software und Informatik. Der Bedarf war riesig, die Vorkenntnisse bei vielen Teilnehmern überschaubar und das wirtschaftliche Risiko mäßig - gab es doch jede Menge Fördermittel auch aus den Töpfen der Europäischen Union. Neben reinen Computerkursen im Umgang mit Word und Excel bildete das Saxonia Bildungsinstitut bald schon Rechtsanwalts- und Steuerfachgehilfen aus. Das Thema Vertrieb für Ingenieure wurde wichtig, genauso wie die Schulung erster Systemadministratoren für die Industrie.

Schon bald wollten die beiden nicht mehr nur Leute für Softwareanwendungen schulen, sondern Programme selbst entwickeln, und zwar maßgeschneidert für die Ansprüche der Unternehmen. Die Geschäfte mit der bereits im September 1994 für diese Zwecke gegründeten Saxonia Systems gingen gut, obwohl 2001 die IT-Blase platzte. "Weil wir über den Tellerrand hinausgeschaut haben und eben nicht nur sächsische Kunden betreuten", sagt Viola Klein. Das ist bis heute so geblieben, auch deshalb hat die Saxonia Systems AG ihren Stammsitz seit einiger Zeit in München, und Viola Klein lebt in Berlin.

Das wird auch so bleiben. Dennoch sei ihre Liebe zu Dresden ungebrochen. Hier wird weiterhin die Hope Gala stattfinden, die in diesem Jahr ihr 15-jähriges Jubiläum feiert. Über 1,7 Millionen Euro sind über die Jahre an den Ballabenden zusammengekommen, um Projekte in Südafrika zu unterstützen. Hilfe zur Selbsthilfe, so lautet das Credo der Stiftung. Dazu gehören Bildungsangebote für Kinder genauso wie Schulungen von Gesundheitsassistenten oder Pflegetipps für einen eigenen Gemüsegarten. Unternehmer sein, heißt Verantwortung zu übernehmen - und zwar nicht nur für das eigene Geschäft, sondern für die Gesellschaft. Die möchte die Unternehmerin Klein nicht revolutionieren, aber besser machen, und dabei sollen künftig mehr Frauen mitreden. "Hätten Sie mich vor 20 Jahren gefragt, ob wir eine Frauenquote brauchen: Ich hätte Nein gesagt in der festen Überzeugung, dass das die Frauen allein schaffen", sagt die Unternehmerin. Heute liegen die Dinge anders. Sie selbst hat viele Männernetzwerke kennengelernt. "Die geben freiwillig keine Macht ab, man muss sie dazu zwingen", ist Viola Klein überzeugt. Sie motiviert Frauen, sich zu vernetzen. Gleichzeitig wirbt sie für weibliche Rollenmodelle. Dass es sie gibt, beweist der Saxonia Woman Award, ein Preis für Frauen, die im IT-Bereich besondere Leistungen vollbracht haben. Elke Büdenbender, Frau des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, ist Schirmherrin des Awards. Er bleibt nach dem Firmenverkauf an Zeiss erhalten. Nur, welchen Namen er tragen wird, ist noch offen.

Dieser Artikel erschien in der März-Ausgabe von Wirtschaft in Sachsen.

 

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