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Der Slip, der einmal ein Fischernetz war

14.01.2020
Sachsens Textilunternehmen kämpfen mit Umsatzrückgängen und erwarten Mehrbelastungen durch die CO2-Abgabe. Eine Zukunft sehen sie trotzdem.

Die Stimmung ist gut, die Lage eher durchwachsen in den sächsischen Textilunternehmen. Die Chemnitzer Premium Bodywear AG gehört zu den Gewinnern der Branche im letzten Geschäftsjahr. Der Premiumhersteller von Männerunterwäsche ist seit 18 Jahren am Markt, hat eine überproportionale Exportquote und verkauft seine Unterwäsche der Marken Olaf Benz und Manstore europaweit, nach Japan, in die USA und auch nach Russland. In Hongkong gibt es ein eigenes Tochterunternehmen. Die verarbeiteten Stoffe stammen aus Europa, die Garne aus Bad Oederan, genäht werden sie in Chemnitz.

Am Markt beobachtet Unternehmensvorstand und Gründer Frank K. Markert einen Trend, von dem das sächsische Unternehmen ohne Zweifel profitiert. Während Hersteller im mittleren Preissegment zunehmend über Absatzschwierigkeiten klagen, greifen die Kunden bei der Unterwäsche entweder zu Billigprodukten oder kaufen im Premiumsegment ein. Sie sind dort auch bereit, für Qualität einen deutlich höheren Preis zu zahlen. Dabei spielt das Thema Nachhaltigkeit offenbar eine immer größere Rolle. Seit 2019 verarbeitet die Premium Bodywear AG mit Econyl ein völlig neuartiges Material, das von einer italienischen Firma entwickelt wurde. Es handelt sich um regeneriertes Nylon, erklärt die Marketing-Managerin Jacqueline Häußler. 

Sie greift in einen kleinen Karton und zeigt einen schwarzen Slip mit rot abgesetzten Streifen. Das Material ist weich, leicht glänzend, elastisch und kommt weitgehend ohne störende Nähte aus. Man sieht es ihm nicht an, aber sein Ausgangsmaterial trieb einmal als herrenloses Fischernetz im Meer herum. Gemischt mit Teppichresten und anderen Nylonabfällen wird das Urmaterial geschreddert. Aus dem Granulat werden neue Polyamidfasern gesponnen, die dann wiederum zu einem Mirkofaserstoff verwebt werden. Der Aufwand kostet, doch das ist es den Kunden offenbar wert, sagt Jacqueline Häußler, die für dieses Jahr weitere Modelle aus Econyl ankündigt.

Es gibt sie also, die Erfolgsgeschichten in der ostdeutschen Textilindustrie. Insgesamt musste die Branche, die in Sachsen rund 12.000 Mitarbeiter beschäftigt, aber 2019 Umsatzeinbußen gegenüber dem Vorjahr hinnehmen. Setzte sie 2018 noch 1,87 Milliarden Euro um, waren es 2019 nur noch 1,8 Milliarden Euro. Gründe dafür gibt es viele, so der Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Nord-Ostdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie (vti), Jenz Otto. Das sei zum einen die Krise der Automobilindustrie, die einzelne Unternehmen als Zulieferer von technischen Textilien massiv treffe. Das seit 2013 bestehende Russland-Embargo gilt weiterhin. Damit gehen nach Einschätzung des vti-Vorstandes Thomas Lindner, Inhaber des gleichnamigen Strumpfwerkes in Hohenstein-Ernstthal, der deutschen Textilindustrie jährlich rund 300 Millionen Umsatz verloren.

Aus Elektriker wird Vliesfachmann

„Die Lücken, die wir gelassen haben, sind längst durch andere Hersteller geschlossen. Selbst wenn das Embargo fällt, wird es schwer an alte Geschäftsbeziehungen anzuknüpfen“, so Lindner. Den Blick gen Westen gerichtet, sieht es kaum besser aus. Auch die Brexitdebatte hat Aufträge gekostet und dann sind da noch die politischen Entscheidungen in Berlin und Brüssel, die die Branche belasten. Vor allem die CO2-Gesetzgebung stößt auf heftige Kritik. Sie mache es den Unternehmen noch schwerer im internationalen Wettbewerb mitzuhalten, so Otto. So gäbe es in der Branche Unternehmen, deren Herstellungsverfahren sehr energieintensiv seien.

Dazu zählt auch die Thorey Gera Textilveredler GmbH, deren Chef Andreas Ludwig ab 2021 mit jährlichen Mehrbelastungen von rund 41.000 Euro rechnet. Grund ist die CO2-Steuer, die das Ostthüringer Verbandsmitglied nicht nur für seine sechs Millionen Kilowattstunden Erdgas zahlen muss, sondern auch für den Dieselverbrauch der unternehmenseigenen Fahrzeugflotte. Dabei war das Unternehmen, das unter anderem wasserabweisende Stoffe für Regenschirme und Schutzkleidung für Feuerwehrleute beschichtet, nicht untätig. In den vergangenen zehn Jahren sei es gelungen, den Energieverbrauch um 30 Prozent zu reduzieren. Mit jährlich 900.000 Kilowattstunden falle man allerdings unter die vom Gesetzgeber beschlossene Grenze als Großverbraucher mit einer Million oder mehr und wird damit auch nicht von der EEG-Umlage befreit. Anders als von der Politik immer wieder versprochen, werde der Mittelstand mit solchen Entscheidungen nicht gestärkt, sondern massiv belastet, kritisiert vti-Geschäftsführer Otto.

Fachkräfte sind das Problem

Dennoch ist er für das laufende Jahr zuversichtlich. Die befürchtete Rezession scheint abgewendet und alle Konjunkturzahlen lassen hoffe, dass die Umsätze stabil bleiben. Schon 2019 legten die Unternehmen in der Bekleidungsindustrie, die jahrelang mit Umsatzrückgängen zu kämpfen hatte, deutlich zu. Sie machen allerdings bis dato nur ein Zehntel der sächsischen Textilwirtschaft aus. Ein Problem, das nahezu alle Unternehmen betrifft, ist der akute Fachkräftemangel. „Wer wachsen will, braucht neue Mitarbeiter, aber die sind quasi nirgends zu finden“, so Otto. In Gera setzt man deshalb auf eigene Ausbildung, wohl wissend, dass sich damit alleine der Bedarf der kommenden Jahre nicht decken lassen wird.

Der Vliesstoffhersteller Norafin aus dem erzgebirgischen Mildenau hat unterdessen mit einem kreativen Einarbeitungskonzept reagiert, das allerdings Zeit und auch Geld kostet. „Innerhalb von zwei Jahren machen wir jeden neuen Mitarbeiter zu einer Fachkraft“, so Geschäftsführer Andre Lang. In jeweils sechsmonatigen Einarbeitungsblöcken werden die Neulinge mit ihren Aufgaben vertraut gemacht. So überwachen mittlerweile schon ehemalige Maurer oder Elektriker die Anlagen, in denen Spezialvliese hergestellt werden. 

 

Von Ines Mallek-Klein

Foto: © Wolfgang Schmidt

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