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Der vernetzte Weinberg

24.09.2020
Forscher zeigen im Weingut Schloss Proschwitz, wie Sachsens Landwirtschaft durch Mobilfunk, virtuelle Realität und Drohnen revolutioniert werden könnte.

Von Peter Anderson 

Meißen. Das dürfte Außenbereichsleiter Walter Beck vom Weingut Schloss Proschwitz  Prinz zur Lippe sicher gefallen. Die Weinberge von Sachsens größtem Privatwinzer liegen teils weit entfernt voneinander. Längere Wege werden zum Beispiel vom Betriebshof in die Lage Heilig Kreuz links der Elbe nötig. Sobald aus Richtung Nossen und Wilsdruff wieder ein Unfall von der A4 gemeldet wird, gibt es durch Meißen und über die Brücken kaum ein Durchkommen.

Wissenschaftler Martin Schieck von der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig hätte jetzt eine Lösung parat, wie Beck mit seinem Wissen die Mitarbeiter vor Ort beraten kann, ohne sich selbst in den Stau begeben zu müssen. Der junge Forscher ist Spezialist für virtuelle Welten.

 Eine Kamera vor Ort auf dem Weinberg, welche Bilder beispielsweise an eine 3D-Brille überträgt, könnte helfen. Auf diese Weise würde der Mitarbeiter in die Lage versetzt, den abwesenden Experten bei einem Problem mit den wichtigsten Informationen zu versorgen und anschließend von dessen Fachkenntnissen und Hinweisen zu profitieren.

Ein Traubenvollernter von New Holland Braud fährt am Rande eines Pressetermins durch einen Weinberg und erntet die Rebsorte Scheurebe. Am gleichen Tag wurden im Weinberg innovative Anwendungen für den ländlichen Raum präsentiert.
Ein Traubenvollernter von New Holland Braud fährt am Rande eines Pressetermins durch einen Weinberg und erntet die Rebsorte Scheurebe. Am gleichen Tag wurden im Weinberg innovative Anwendungen für den ländlichen Raum präsentiert. © dpa-Zentralbild

Präsentiert wird diese Technik von Schiecke am Mittwochnachmittag an einem Pavillon auf den Höhen über den Proschwitzer Weinzeilen. Teams von Wissenschaftlern haben mehrere der weißen Zelte für diesen Tag hier aufgebaut. Sie alle sind eingebunden in die beiden Experimentierfelder Express und Landnetz

Seit insgesamt zwei Jahren arbeiten Forscher vor allem aus Leipzig und Dresden in diesem Rahmen daran, Sachsens Landwirtschaft mit Hilfe von Mobilfunk, virtueller Realität, Drohnen und weiterer Technik zu modernisieren. Jetzt ist es an der Zeit, Experten, Landwirten, der Öffentlichkeit und Partnern einen Überblick zu den ersten Arbeitsresultaten zu geben. Der Bund fördert die beiden Projekte Landnetz und Express mit jährlich zehn Millionen Euro. Bundesweit existieren davon unabhängig ein Dutzend weiterer Experimentierfelder.

Unterstütztes Fahren entlastet Landwirt

Unternehmenschef Georg Prinz zur Lippe ist unterdessen an einer weiteren Station angelangt. Ein schmaler Traktor steht hier als Anschauungsobjekt. Aufgrund seiner geringen Breite passt er auch durch Weinzeilen. "Es geht nicht darum, den Menschen auf dem Traktor zu ersetzen", sagt Prinz zur Lippe. Das Ziel sei keine weitere Rationalisierung. Dem Mitarbeiter solle durch neue Techniken jedoch die Möglichkeit gegeben werden, seine Fähigkeiten sinnvoller einzusetzen als nur fürs Lenken des Traktors. 

Forscher Hannes Mollenhauer vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig hat mit seinen Kollegen vor die Front des Traktors eine Maschine montiert, mit der sich zum Beispiel Unkraut unter den Weinstöcken schonend entfernen lässt. Wenn der  Spezialist auf dem Traktor vom eigentlichen Fahren entlastet würde, bekäme er mehr Zeit, die Maschine optimal zu steuern, so dass am Rebstock keine Schäden entstehen, beschreibt Mollenhauer eines der Ziele seines Vorhabens.

Eigenes 5G-Netz schafft Datensicherheit

Damit im Weinberg und auf den Feldern etwa in der Lommatzscher Pflege Drohnen und Sensoren Daten über den Zustand der Vegetation, über Klima, Bodenbeschaffenheit und Pflanzengesundheit sammeln und senden können, braucht es ein leistungsfähiges Mobilfunknetz. Optimal wären Datenraten, wie sie die fünfte Generation des Mobilfunks ermöglichen soll. Ein solches Netz auf den Dörfern zu erwischen, ist allerdings schwierig. Das weiß auch Norman Franchi von der Vodafone-Stiftungsprofessur an der Technischen Universität Dresden.

Der Wissenschaftler verweist auf einen kastenförmigen Pkw-Anhänger, in dem eine, allerdings wahrscheinlich nicht ganz preiswerte, Alternative versteckt ist. Mittels einer Antenne, die sich automatisch ausfahren und entfalten lässt, kann der jeweilige Landwirt, Winzer oder Obstanbauer sein eigenes kleines Mobilfunknetz mit 5G-Standard einrichten. 

Auf dieser Basis lassen sich die gesammelten Daten abrufen, in einer Cloud speichern und zum Beispiel zum heimischen Rechner transferieren, sagt Forscher Franchi. Großer Wert sei dabei auf die Datensicherheit gelegt worden.

Winzer Prinz zur Lippe baut anderen Bedenken vor. Niemand müsse Angst haben, dass künftig in jedem Weinberg eine private Mobilfunkantenne stehe. Diese Technik werde nur örtlich und zeitlich begrenzt eingesetzt, so der Unternehmer. 

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