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Der Weg aus der Corona-Krise wird länger

15.10.2020
Wirtschaftsforscher sind sich einig: Die Erholung verliert an Fahrt. Auch Sachsens Industrie bekommt weniger Aufträge.

Von Georg Moeritz und Finn Mayer-Kuckuk

Dresden/Berlin. In den Sommermonaten hat sich die deutsche Wirtschaft zwar einigermaßen aufgerappelt – doch erst Ende 2022 wird sie wieder normal ausgelastet sein. Das erwarten die fünf führenden deutschen Wirtschaftsinstitute in ihrem Herbstgutachten. „Nach dem Zwischenspurt dürfte sich die Erholung nun wieder deutlich verlangsamen“, sagt Stefan Kooths vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Die kommenden Einschränkungen werden die Wirtschaft vermutlich nicht so stark abwürgen wie die vom Frühjahr. Dennoch erwarten die Forscher einen schweren Winter. Auch das gesamte kommende Jahr über werde die Wirtschaftsleistung noch unter dem Vorkrisenniveau bleiben.

Viel hängt nun davon ab, wie streng die Regeln zur Seuchenbekämpfung werden. Die Weltwirtschaft ist im Sommer vor allem deshalb angesprungen, „weil viele Formen des Konsums, die mit sozialen Kontakten zu tun hatten, wieder möglich waren“, sagt Kooths. Die Prognosen des Pandemieverlaufs lassen jedoch befürchten, dass den betroffenen Wirtschaftszweigen neue Probleme bevorstehen. Im Vergleich zum Frühjahrsgutachten schrauben die Ökonomen ihre Vorhersage zum Schrumpfen der Wirtschaft noch weiter herunter. In diesem Jahr wird das Bruttoinlandsprodukt demnach um 5,4 Prozent sinken. Im April hatten die Forscher noch einen Rückgang von 4,2 Prozent angenommen.

Auch die Erholung im kommenden Jahr werde schleppender gehen als bisher erwartet: 4,7 Prozent Wachstum, 2022 dann 2,7 Prozent. Am meisten leiden erwartungsgemäß die Gaststätten und Hotels, Event-Dienstleister und der Luftverkehr. „Dieser Teil der Wirtschaft wird erst dann am Erholungsprozess teilhaben, wenn Maßnahmen zum Infektionsschutz entfallen“, so Kooths. Damit rechnet er frühestens für das Sommerhalbjahr 2021.

Sachsens Händler stellen Leute ein

In Ostdeutschland ist der Konjunktureinbruch etwas milder ausgefallen, dafür wird das erhoffte Wachstum im nächsten Jahr aber auch schwächer. Darauf weist Oliver Holtemöller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle hin. In den neuen Ländern hat der öffentliche Dienst einen größeren Anteil, und der blieb in der Krise stabil. Auch die Einzelhändler im Osten beurteilten laut Konjunkturumfragen ihre Lage etwas besser als die im Westen. Die Forscher schließen daraus auf einen „robusteren privaten Konsum im Osten“, auch wegen der Rentenerhöhung um 3,9 Prozent in diesem Jahr.

Sachsens Industrie allerdings hat die Krise im ersten Halbjahr genauso stark zu spüren bekommen wie die westdeutsche – wegen des hohen Anteils der Autofabriken am Umsatz. Das Statistische Landesamt in Kamenz berichtete am Mittwoch von rund 15 Prozent Umsatzrückgang der sächsischen Industrie im Vergleich mit der ersten Hälfte des vorigen Jahres. Ein schlechtes Zeichen für die nächsten Monate: Auch die Auftragseingänge verringerten sich um 15 Prozent. Sachsens Exporte gingen im ersten Halbjahr um 17,5 Prozent zurück – das ist ein stärkerer Rückgang als in Deutschland insgesamt. Und auch die Baubranche in Sachsen bekam die Krise stärker zu spüren. Sachsens Einzelhandel dagegen meldete gutes Wachstum, mehr als im Westen, und stellte mehr Mitarbeiter ein.

Die Ökonomen äußerten Kritik an der Mehrwertsteuersenkung: „Sie kommt auch denen zugute, die überhaupt nicht betroffen sind“, sagt Kooths. Die 18 Milliarden Euro wären besser da aufgehoben, wo sie konkret den hart getroffenen Branchen helfen. Stattdessen befeuern sie Teile des Handels, die ohnehin boomen. Es besteht nach Ansicht der Forscher im Durchschnitt auch gar kein Mangel an Geld bei den Konsumenten: Sie schieben im Gegenteil einen Berg von 150 Milliarden Euro an aufgeschobenen Ausgaben vor sich her. Sie werden die Anschaffungen vermutlich erst nachholen, wenn sich die Lage insgesamt entspannt – und damit stark zur Erholung im kommenden Jahr beitragen.

Corona-Hilfe wirkt nächstes Jahr

Die Wirtschaftswissenschaftler sehen keinerlei Probleme bei der Finanzierung der Corona-Maßnahmen und halten auch die Aussetzung der Schuldenbremse für sinnvoll. Dank des Sparkurses der vergangenen Jahre stehe die Bundesrepublik sehr solide da. „Alle Maßnahmen, die dem Infektionsschutz helfen, kann der deutsche Staat auch finanzieren“, sagt der Hallenser Holtemöller. Die Verantwortlichen sollten sich in erster Linie überlegen, welche Regeln am meisten Gutes bewirken, und dann erst nach den Kosten fragen. Es gebe aber zwei Voraussetzungen: Die Maßnahmen müssen wirklich sinnvoll sein – und nach der Pandemie muss der Staat seine Ausgaben wieder zurückfahren.

Tatsächlich wird ein guter Teil der Corona-Hilfen erst in den kommenden Jahren wirksam. Von den 160 Milliarden Euro können nur 60 Milliarden noch in diesem Jahr ausgegeben werden. „Der Rest wird in den kommenden vier bis fünf Jahren fließen“, sagt Torsten Schmidt vom RWI in Essen. Das Geld werde die Nachfrage und die Investitionen stärken und so dazu beitragen, dass das Wachstum nach der Krise wieder anzieht. Die Ökonomen der Forschungsinstitute stimmen Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) darin zu, dass die Corona-Hilfen in der nächsten Runde auch denen mehr helfen sollen, die bisher leer ausgehen. Wichtig sei vor allem die Förderung für Firmengründer, sagt Claus Michelsen vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. „Die heute nicht gegründeten Unternehmen fehlen uns morgen.“ Auch bei den Hilfen für Kleinunternehmen und Soloselbstständige sieht er großen Bedarf nachzusteuern.

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