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Der Whiskynaut vom Dresdner Hafen

25.07.2022
Der Architekt und Ex-Musiker Frank Leichsenring sorgt hochprozentig für Aufsehen.

Von Michael Rothe

Bei Frank Leichsenring scheint nichts unmöglich. Selbst der weltweit erste Weltraumflug zum Whisky-Tasting in der Schwerelosigkeit. Der Start der Mission „Hellinger 42 Spacelift“ war für den 1.  April im Dresdner Alberthafen angekündigt. Dort steht jetzt Deutschlands größte Whisky-Manufaktur – sagen ihre Protagonisten. Und noch hat niemand widersprochen.
„Whiskys, gebrannt nach schottischem Vorbild, vollendet mit sächsischer Perfektion“, verspricht die Website „Single Malt Whiskys, die mit ihrem Charakter und mit ihrem Geschmack die Seele Sachsens widerspiegeln“. Jahrelang waren Leichsenring und sein Kumpel Thomas Michalski mit der Schnapsidee schwanger gegangen, hatten sich bei Skatabenden in Dresdens Neustadt durch alle Whiskysorten gearbeitet und dann den folgenschweren Entschluss gefasst.
Nach anderthalb Jahren Bauzeit war es so weit, am 7. April ging ihre Dresdner Whisky Manufaktur mit einer großen Fete offiziell an den Start. Mit dabei: Martin Brambach. Der Manufakturchef hatte den Schauspieler, einen erklärten Liebhaber jenes „Lebenswassers“, bei einem Tatort-Dreh in Dresden als Markenbotschafter angeheuert: mit einer vor die Hoteltür gestellten Flasche „Hellinger 42“.


Die Bezeichnung steht für den Mädchennamen von Leichsenrings Mutter, und die Ziffer ist inspiriert vom mehrfach verfilmten Kultroman „Per Anhalter durch die Galaxis“. Demnach ist 42 die – für viele unbefriedigende – „Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“.
Nach wochenlangem Probebrennen läuft seit Mai die Produktion – ausschließlich auf Gerste-Basis. Aber frühestens in drei, vier Jahren kann der Vogtländer seinen eigenen Single Malt verkaufen. Erst nach dieser Lagerzeit darf sich Whisky auch so nennen. Bis dahin bietet der 62-Jährige fünf Sorten Schottland-Import an.
Das Besucherzentrum war schon Monate vor dem Start fertig, auch das einzigartige Musikstudio, das schon Leute wie der Musiker und Kabarettist Hugo Egon Balder genutzt haben. In der Brennerei mit sieben glänzenden Tanks wurden 4,5 Kilometer Edelstahlrohr verlegt. Im renovierten und umgebauten Gemäuer der einstigen Elblachsräucherei von Hein Mück sollen mal 15 Jobs entstehen – und pro Jahr eine Million Flaschen Schnaps.
Die Wirtschaftsförderung Sachsen GmbH war Geburtshelfer bei dem Projekt. „Wir haben die Ansiedlung begleitet und Herrn Leichsenring beraten“, sagt Geschäftsführer Thomas Horn. Der Manufakturchef beziffert die Investitionssumme inklusive Immobilienkauf mit sechs Millionen Euro. Von Sachsens Aufbaubank gibt’s einen Förderbescheid über 2,4 Millionen Euro für Jobs, Fässer und Verbrauchsmaterial. Das hilft, und dennoch sorgt sich der Geschäftsführer wegen der infolge des Ukrainekriegs explodierenden Getreidepreise.


Der Firmenchef wartet nicht, bis seine Spirituose reif ist. Vom Schreibtisch mit Blick auf das Hafenbecken denkt er schon weiter. Der Vater eines Sohnes plant einen Multifunktionssaal für rund 120 Gäste gleich neben der Brennerei. Klassik--Konzerte könnten dort stattfinden, Kabarett-Veranstaltungen oder Firmenfeiern. Der Bauantrag läuft. „Ich will eine Erlebniswelt rund um dieses spirituelle Getränk basteln, einen Treffpunkt für interessante Leute“, sagt er. Whisky sei „ein hervorragendes Schmiermittel“.
Im „ersten Leben“ hatte der gebürtige Rodewischer nach Abi und Armeezeit Architektur studiert, später als Berufsmusiker „alles gespielt, was Saiten hat“ und auch als Architekt mit Bau und Sanierung von Wohnungen gutes Geld verdient. „Doch als es auf die 60 zuging, wollte ich noch mal was Neues wagen“, sagt er. Der Standort im Hafen und am Elberadweg sei für das Abenteuer ideal.
„April, April!“ endet die Nachricht von der spektakulären Weltraummission. Das hochprozentige Projekt des Whiskynauten ist indes ernst zu nehmen, sein Höhenflug hat gerade erst begonnen. Bei Leichsenring scheint nichts unmöglich.

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