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Deutsche Werkstätten Hellerau schaffen sich Platz

Dresden 10.02.2020
Aus der Möbeltischlerei ist eine Tüftlerei für den Ausbau von Jachten und Villen geworden. Chef Straub hat neue Pläne.

Die Lehrlinge mit gelben Ohrenschützern machen sich über hölzerne Hobelbänke her. Der Lackierer am Wasservorhang bekommt Sauerstoff in seine Schutzmaske geblasen. Stoff und Stein, feines Furnierholz und eine Aluminiumwabenverbundplatte für die Unterkonstruktion stehen bereit in der hellen Fertigungshalle der Deutschen Werkstätten Hellerau (DWH).

Im Jahr 2006 ließ der Mit-Inhaber Fritz Straub den Flachbau samt verglastem Großraumbüro errichten, gegenüber den steilen Dächern von 1909. Damals hatte das Unternehmen rund 110 Mitarbeiter. Heute sind es 380, und Fritz Straub rechnet mit 500 in zwei bis drei Jahren. Dann wären die Werkstätten wieder so groß wie Anfang der 90er-Jahre, als Fritz Straub und Ulrich Kühnhold die Möbelfabrik kauften und drastisch verkleinerten. Sie konzentrierten sich auf Innenausbau – und fanden ein Spezialgebiet, das derzeit stark wächst.

„Wir platzen aus allen Nähten“, sagt Straub. Er sucht Möbeltischler und Fachleute für Kalkulation, Konstruktion und Polieren. Die helle Werkhalle wirkt allerdings noch nicht überfüllt. Eine Säge ist zu hören, Schleifgeräusche. Drei Männer stecken die Köpfe zusammen und begutachten Schubladen aus gestreiftem Holz. Einer ihrer Kollegen steht mit Bohrschrauber auf der Trittleiter und fügt ein Mock-up zusammen: ein Muster, einen Meter Wandausschnitt aus einem geplanten Salon. Denn die DWH bauen Einzelanfertigungen für Räume in Villen und in Jachten. Die Dresdner Tischler haben gelernt, verschiedene Materialen so zusammenzufügen, dass auf dem Meer nichts klappert.

Straub berichtet, dass sein Unternehmen bisher 30 Jachten ausgestattet hat. Die Aufträge erhält er nach Ausschreibungen von den Werften, häufig von der F.-Lürssen- Werft in Bremen. „Wenn Sie da drin sind und gute Arbeit machen, bekommen Sie den nächsten Auftrag“, sagt der Chef. Allerdings sei der Wettbewerb hart, der Preis entscheidend. Doch voriges Jahr setzten die DWH rund 60 Millionen Euro um, viel mehr als noch vor ein paar Jahren, und dieses Jahr soll der Umsatz weiter steigen. Drei Viertel der Einnahmen kommen aus dem Jacht-Ausbau, und darauf soll sich die Fertigung in Hellerau nach Straubs Willen künftig konzentrieren. Um die festen Bauten sollen sich die Mitarbeiter in der neuen Halle in Großröhrsdorf kümmern.

„Die Reichen werden reicher“

Die DWH haben die zusätzliche Werkhalle östlich von Dresden bauen lassen, weil ihr Geschäft mit Villenbesitzern derzeit ebenfalls wächst. „Die Reichen werden reicher, das sind unsere Kunden“, sagt Straub. Dieses Geschäft hänge kaum von der Konjunktur ab. Architekten und Bauherren geben die Empfehlung weiter, wenn die sächsischen Tischler gut gearbeitet haben, wenn Holz und Glas und Kunststoffe im Raum gut zusammenpassen.

Weil auch Tischler nicht mehr leicht zu finden sind, hat Straubs Unternehmen von zwei Nachbarbetrieben profitiert: Die DWH übernahmen eine kleine Tischlerei in Ohorn, deren Chef in den Ruhestand ging, und eine insolvente Firma in Coswig. Deren Holzexperten werden künftig wohl nach Großröhrsdorf pendeln. In Hellerau ist unterdessen gerade eine Jacht-Einrichtung im Endausbau. Fertigungsleiter Sebastian Riemer berichtet, dass die DWH derzeit an fünf Jachten zugleich arbeiten.

Die fast fertigen Bauteile enthalten geschwungene Formen, organische Aussparungen. Der nächste Auftrag verlangt dagegen eher klassische Strenge. Designer und Auftraggeber aus aller Welt geben das Aussehen vor – die technische Lösung bleibt den Tüftlern überlassen. Bei den Deutschen Werkstätten arbeiten mehr Menschen im Büro als in der Fertigung. Einkauf, Kalkulation und Logistik gehören dazu, vor allem aber Ingenieurs-Überlegungen. Riemer lobt die Zusammenarbeit im Großraum, die vielen Gespräche unter Fachleuten. „Hier ist immer ein Gemurmel“, freut sich Straub. Neben dem Altbau auf dem Grundriss in Form einer Schraubzwinge soll noch ein zweigeschossiger Verwaltungs-Flachbau entstehen.

Fritz Straub erzählt bereitwillig, dass es seinem Unternehmen nicht immer so gut ging. Der 76-jährige frühere Pharma-Manager sagt, seit dem Kauf der DWH habe er mehr Jahre mit Verlust als mit Gewinn erlebt. Er selbst brauche keine Luxus-Wohnung: „Ich kann mir die Arbeit dieser Firma nicht leisten.“ Das Wissen der Fachleute sei teuer. Sie bauen in London ein Penthouse aus, rund 30 Mitarbeiter kümmern sich um Kunden in Russland, und eine Firma für den chinesischen Markt ist auch schon gegründet. Sie soll „in aller Ruhe“ das Geschäft entwickeln: Sich bei Architekten vorstellen, auf den bekannten Namen aus Deutschland aufbauen. Dafür würden die Dresdner auch gerne Chinesen einstellen, die in Deutschland studiert haben.

Im Unternehmen arbeiten auch Tischler aus Frankreich und der Schweiz, ein Syrer hat die Ausbildung begonnen. Bei einem Betrieb in Österreich verbrachten Dresdner Lehrlinge zwei Wochen, ein Gegenbesuch folgt. Straub sagt: „Der Ehrgeiz ist schon da, die Deutschen Werkstätten wieder international aufzustellen.“

 

Von Georg Moeritz

Foto: © DW/S. Doering

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