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„Die Alstom-Belegschaft wünscht sich eine klare Perspektive“

19.09.2022
Bahnbauer Alstom will 550 Stellen in der Oberlausitz abbauen. Bautzens Betriebsratschef spricht über die Stimmung in der Belegschaft - und deren Forderung.

Von David Berndt

Bautzen. Der Bahnbauer Alstom will an seinem Standort Bautzen 150 Stellen abbauen. Dazu noch 400 in Görlitz. Das hatte er Ende vorigen Jahres angekündigt. Noch ist das nicht passiert, doch das Thema soll bis Jahresende geklärt werden, denn Alstom hält am Stellenabbau fest. Was sagt eigentlich der neue Betriebsratsvorsitzende in Bautzen dazu?

Mario Orlando Campo hat im April die Nachfolge des langjährigen Betriebsratsvorsitzenden Gerd Kaczmarek angetreten. Er ist verantwortlich für aktuell 1.300 Mitarbeiter, davon 300 in Leiharbeit. Im Interview mit Sächsische.de spricht der 29-Jährige über die Stimmung in der Belegschaft, die Perspektive für den Bautzener Waggonbau und die neuen Chefs von Alstom.

Herr Campo, seit einer Weile herrscht Unruhe bei Alstom, weil das Unternehmen nach wie vor zwischen 900 und 1.300 Stellen an den deutschen Standorten abbauen will, darunter 150 in Bautzen und 400 in Görlitz. Wie ist denn die Stimmung bei der Bautzener Belegschaft?

Als die Pläne verkündet wurden, hat die Belegschaft mit Unverständnis reagiert, da die Bahnbranche eine Renaissance erlebt aufgrund der Klimaziele sowie der Mobilitätswende. Die aktuelle Stimmung ist angespannt. Bis zum heutigen Zeitpunkt hat jedoch niemand seinen Job verloren.

Aber das dürfte sich noch ändern, oder?

Den Mitarbeitern ist bewusst, dass die aktuell geplante Transformation ein langfristig ausgelegter Prozess ist. Es geht um eine umfangreiche Neuorganisation in der gesamten Region. Alstom hat Bombardier übernommen und versucht nun zu schauen, welche Produkte gerade am Markt gefragt sind und wo es die größten Chancen gibt. Die Übernahme durch Alstom haben wir begrüßt. Da wussten wir, hier geht es weiter.

Wie ist die Belegschaft aktuell ausgelastet?

Aufgrund der global ausgelegten Lieferketten haben wir immer wieder kurzzeitige Stopps und Lieferverzüge, die wir kompensieren müssen. Deshalb brauchen wir die Personalkapazität, weil sich die Arbeit aufeinanderschiebt. Die Auslastungskurve sinkt weniger stark als prognostiziert. Nichtsdestotrotz ist es notwendig, neue Aufträge hierher zu holen, um der Belegschaft eine Perspektive zu geben.

Es könnte also sein, dass gar keine Arbeitsplätze in Bautzen wegfallen oder dass sie sich "nur" inhaltlich verändern?

Das kann man zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Jedoch ist klar, dass sich Aufgaben und Stellenbeschreibungen inhaltlich verändern werden, weil wir die Schwerpunkte Endmontage und Testen viel mehr in den Fokus nehmen. Wir haben ja heute noch den Rohbau in Bautzen, aber den soll es irgendwann mal nicht mehr geben.

Was wünschen sich denn die Beschäftigten konkret von Alstom?

Dass sich das Management klar positioniert: Wie sollen wir in fünf Jahren aussehen? Wie ist die langfristige Perspektive? Diese Antwort fordern wir wirklich. Nicht bloß in Bautzen, sondern für Deutschland.

"Das Alstom-Management ist relativ offen und kooperativ"

Die Beschäftigten stehen also zum Standort Bautzen?

Es ist Wahnsinn, was die Kollegen hier aufgrund der äußeren Einflüsse leisten, immer wieder aufholen oder mehr arbeiten. Die Arbeitslast ist aktuell so hoch, dass wir Kollegen aus Görlitz zur Unterstützung am Standort haben. Wir arbeiten sonnabends und haben eine Überstunden-Regelung. Die Kollegen wollen, dass es weitergeht, und zeigen es.

Wie erleben Sie denn die neuen Chefs bislang?

Unser Produktionsleiter ist noch derselbe. Unser bisheriger Werkleiter Olaf Schmiedel hat eine regionale Rolle im Unternehmen eingenommen, und dafür hat jetzt Jürgen Breuer seit dem 1. Januar die Standortleitung inne. Das Alstom-Management ist relativ offen und kooperativ. Man hat sich da anfangs wirklich integriert gefühlt. Neu ist allerdings die klare Ansprache vonseiten des Managements.

Was meinen Sie damit?

Da wird ganz klar und offen kommuniziert, was warum abgebaut wird. Das war für die Belegschaft neu. Aber im Gegenzug geht es auch darum, was geplant ist und welche neuen Stellen geschaffen werden: nämlich 600 bis 700 in den Bereichen Services, D&IS (Digital & Integrated Systems) und Engineering.

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