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Die Bilanz von Cloud&Heat nach zehn Jahren

12.01.2022
Der Markt war noch nicht reif für die Ideen der Dresdner Firma für grüne Rechenzentren. Doch die Gründer fanden Lösungen.

Unsere Zeit verlangt nach Innovationen. Vieles muss neu oder anders gedacht werden, damit wir ressourcensparender leben. Trotz des Bedarfs kann es jedoch passieren, dass man als Gründer eine tolle Idee in die Welt bringen will, die Zeit oder der Markt aber noch nicht reif dafür ist. Diese Erfahrung mussten auch die Gründer des Dresdner Start-ups Cloud&Heat Technologies machen.

Vor zehn Jahren traten Christof Fetzer und Jens Struckmeier an, ihre Vision einer nachhaltigen digitalen Infrastruktur Wirklichkeit werden zu lassen. Sie gründeten im Oktober 2011 das Unternehmen AoTerra GmbH – 2014 erfolgte die Umbenennung in Cloud&Heat Technologies –, um dezentrale, grüne Rechenzentren anzubieten, bei denen über eine Heißwasser-Direktkühlung die Abwärme der Server genutzt wird zur Beheizung von Gebäuden. Denn mit jeder Etappe der Digitalisierung wächst der Bedarf an leistungsstarker und sicherer Datenverarbeitung. Doch mehr und größere Rechenzentren belasten die Umwelt. Prognosen sagen einen Anstieg des Stromverbrauchs der Infomations- und Kommunikationstechnik auf 21 Prozent der globalen Nachfrage bis 2030 voraus.

„An der Vision hat sich nichts geändert. Aber wie wir sie erreichen wollen, da hat sich eine Menge verändert“, sagt Jens Struckmeier. Die Dresdner mussten schmerzlich feststellen, dass die von ihnen gedachte Infrastruktur zu weit weg war von dem, wie Rechenzentren klassisch funktionieren, und sich deshalb nur schwer vermarkten ließ.

Also hat sich Cloud&Heat pragmatisch von dem dezentralen Ansatz etwas verabschiedet und sich darauf konzentriert, Kunden beim nachhaltigen Umbau ihrer Rechenzentren zu helfen oder für Firmen grüne IT-Server aufzubauen. Da gab es in den vergangenen Jahren zahlreiche Projekte mit Innogy, Eon, VNG, EnBW oder Vattenfall, die Containerrechenzentren von Cloud & Heat in Schweden aufstellen wollen. Dennoch hält Struckmeier an der Idee fest. Wenn man Anwendungen für den Mobilfunkstandard 5G entwickeln will, die in Echtzeit reagieren, „kommt man um eine dezentrale Infrastruktur nicht herum“, betont er.

Kunden wissen, wo ihre Daten sind

Weiterhin haben sich die Dresdner gefragt, wie sie die heutige Daten-Infrastruktur verbessern können. Ein entscheidendes Thema ist Sicherheit. Unternehmen sind bei großen Datenmengen von Cloudlösungen abhängig, und die kommen meist von amerikanischen IT-Riesen wie Amazon oder Microsoft. „Wir sind bewusst den Weg gegangen, Cloudlösungen mit Open Source zu entwickeln, zum einen wegen des Community-Gedankens, zum anderen, weil Open-Source-Software erlaubt, den Code zu modifizieren, ihn auf besondere Bedürfnisse von Datensicherheit und Verschlüsselung anzupassen“, sagt Marius Feldmann, zuständig für das operative Geschäft.

Die US-Konkurrenz könnte Kostenersparnisse wegen ihrer Größe bieten. „Aber wir können sehr offene und sehr sichere Rechenleistung lokal und national zur Verfügung stellen“, heißt es. Und die Kunden wissen, wo ihre Daten liegen, nicht irgendwo in der Welt, sondern auf Servern in Dresden oder im Eurotheum in Frankfurt, im ehemaligen Rechenzentrum der Europäischen Zentralbank, das die Dresdner übernommen haben.

Cloudlösungen für Mittelständler, Start-ups und die Industrie ist die Geschäftssparte, die momentan am stärksten wächst – auch ein Erfolg der Partnerschaft mit dem führenden IT-Sicherheitsspezialisten Secunet Security Networks AG. 2019 wurde das Gemeinschaftsunternehmen secustack GmbH gegründet. „Wir gehen jetzt als Technologie- und Kompetenzträger an den Hightech-Markt und entwickeln gemeinsam mit Partnern innovative Lösungen“, so Feldmann. Beispiele sind die Zusammenarbeit mit der TU Dresden im Human-Brain-Projekt oder mit Stack-IT, der digitalen Marke von Schwarz-IT als Teil der Schwarz-Gruppe, zu der Handelsketten wie Lidl und Kaufland gehören. Und mit Vattenfall wurde eine strategische Partnerschaft eingegangen, um in einem Pilotprojekt emissionsfreie Rechenkapazitäten für Anwendungen künstlicher Intelligenz bereitzustellen.

Während in den ersten Jahren die Kunden aus dem Ausland kamen, vertrauen zunehmend auch Firmen aus der Region wie die N+P Informationssysteme GmbH aus Meerane oder die Universitätsklinik in Dresden dem Start-up, das rund 100 Mitarbeitende zählt. Auch mit Ministerien ist man im Gespräch und hofft, dass der Strukturwandel in der Lausitz genutzt wird, um dort eine moderne digitale Infrastruktur zu errichten.

Cloud & Heat engagiert sich seit Beginn in der Initiative GAIA-X zum Aufbau einer europäischen Dateninfrastruktur. Es gehe nicht darum, einen europäischen Hyperscaler aufzubauen, sondern darum, Standards zu schaffen und gemeinsame Schnittstellen zu finden, damit viele kleinere Akteure gemeinsam ähnliche Angebote am Markt machen könnten wie die Hyperscaler von Amazon oder Microsoft. Hyperscaler bezeichnet Anbieter großer Cloud-Computing-Systeme, die sich in hohem Maße skalieren und erweitern lassen. „Die Welt, die ich mir vorstelle, ist eine Koexistenz zwischen verschiedenen Infrastrukturen, die auch zusammengeschaltet werden können mit einer Infrastruktur von Google. Europäische Akteure auf Augenhöhe mit US-Hyperscalern“, schildert Feldmann seine Vision.

Mehr Mut in Deutschland gewünscht

Während sie zu ihrer Überraschung auf internationalen Konferenzen das Gehör der Strategen von Lenovo, Dell oder Intel finden – „die schauen sich ganz genau an, was wir hier in Dresden machen“ –, scheinen die IT-Strategen hierzulande noch nicht völlig überzeugt zu sein. Jedenfalls gebe es immer wieder Rückschläge, dass die öffentliche Hand sich doch wieder für die Microsoft-Cloud entscheidet, also auf Altbewährtes setzt. Die Chefs von Cloud&Heat wünschen sich Ausschreibungen für Aufträge, die neutral formuliert sind und nicht gleich den Weg in die Amazon-Cloud vorschreiben. Auch sollte Energieeffizienz als Auswahlkriterium ausgeschrieben werden. „Wir sind in Deutschland bei der Energieeffizienz von Rechenzentren führend. Wenn man stärker fördert durch Aufträge, könnte das ein Exportschlager werden“, so Struckmeier. Er und Marius Feldmann wünschen sich für die Zukunft mehr Mut von der öffentlichen Hand, in solche Projekte zu investieren.

 

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