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Die bisher unerzählte Bombastus-Story

Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge 09.10.2019
Wie der Freitaler Teehersteller Bombastus mit DDR-Arzneimittellizenzen auch heute noch erfolgreich ist.

Die große Kanne mit dem goldgelben Tee steht an diesem Morgen noch unberührt auf dem Schreibtisch. Joachim Günther hatte noch keine Zeit, seinen Tee zu trinken. Anderthalb Liter feinsten Salbeiaufguss, Tag für Tag. Das halte ihn gesund, sagt er. Seit 2014 ist der Maschinenbauer Vorstand der Bombastus-Werke.

Salvia, der Heilenden, wird eine entzündungshemmende und keimabtötende Wirkung nachgesagt. Hildegard von Bingen verabreichte den Salbeitee bei Fieber, Magenbeschwerden oder Erkrankungen der Harnwege. Emil Bergmann, Otto Braune und Max Däbritz wussten um die Wirkung von Salbei und gründeten die Bombastus-Werke 1904. Namensgeber war Aureolus Philippus Theophrastus Bombastus von Hohenheim, besser bekannt als der Renaissance-Heiler Paracelsus. Er inspirierte die Gründer auch zum Firmenlogo, das einem Violinenschlüssel ähnelt und für Harmonie und Wohlbefinden steht.

Diesen Werten sehen sich die Mitarbeiter bis heute verpflichtet, sagt Joachim Günther. 155 Beschäftigte sind es insgesamt. 2018 erwirtschafteten sie zwölf Millionen Euro Umsatz. Ein Ziel, das man auch 2019 wieder anpeile, trotz eines alles anderen als perfekten Marktumfeldes.

Die beiden extrem trockenen Sommer gingen nicht spurlos an den Salbeipflanzen vorbei, die auf rund 35 Hektar in der Nähe von Freital angebaut werden. 2018 lag der Ernteausfall bei etwa 30 Prozent, für das zu Ende gehende Jahr 2019 ist Günther ein wenig optimistischer. Dafür werde es auf dem Drogenmarkt immer schwerer, andere Kräuter zu bekommen, und die braucht man bei Bombastus dringend. Auf über 200 verschiedene Produkte, vom Mundwasser über Schüssler-Salz und Zahncreme bis zum Stilltee reicht mittlerweile die Produktpalette, die in Freital produziert wird. Und daran ist die DDR-Planwirtschaft nicht ganz unschuldig.

Bis in die 1970er Jahre drehte sich in Freital alles um den Salbei als Tee, Mundwasser oder Trunk. 1974 kam dann der staatliche Auftrag, das Teesortiment um den Erzgebirgstee zu erweitern. Die in der Freitaler Poisentalstraße beheimatete Teemanufaktur gehörte zwei älteren Damen, die das Geschäft altersbedingt abgaben. Der Tee war aber in der Bevölkerung beliebt und sollte fortan bei Bombastus abgefüllt werden. Es war nicht die einzige planwirtschaftlich verordnete Sortimentserweiterung. In den 1980er Jahren kamen Salben, Emulsionen, Pulver sowie viele Lebensmittel- und Arzeimitteltees hinzu. Produziert wurden sie unter der Regie der Bombastus-Werke in Heidenau, als Nachfolgeunternehmen der dortigen Drogenmühle. Das war eine Herausforderung. Rohstoffe für die Tees waren knapp, genauso wie die Kartonagen für ihre Verpackung.

Rückblickend war es ein glücklicher Umstand, der Bombastus in der Nachwendezeit eine hinreichend große Produktpalette inklusive der Arzneimittelzulassungen beschert hat, mit der man am Markt bestehen konnte. Auch, wenn man nicht alle Arzneimittelzulassungen aus der DDR in die Nachwendezeit hinüberretten konnte.

Tees von Bombastus sind beliebt. Es gibt sie ausschließlich in Apotheken, Reformhäusern und den verbliebenen Drogerien zu kaufen. An dieser Vertriebsstruktur werde man nicht rütteln, versichert der technische Vorstand, wohlwissend, dass auch die Zahl der Apotheken rückläufig ist.

Der Erfolg der Freitaler Tees bleibt nicht unbemerkt. Amazon hat bereits angefragt, wollte Bombastus von einem Shopmodell in dem großen Onlineversandhaus überzeugen. „Wir haben nach dem Studium der Vertragsbedingungen dankend abgelehnt“, sagt Joachim Günther. Zu streng seien die Vorgaben für eine ständige Verfügbarkeit. „Wir arbeiten hier mit Naturprodukten, da lassen sich keinen Garantien abgeben“, so Günther. 

Sind Rohstoffe knapp, kann es vorübergehend auch zu Engpässen bei der Verfügbarkeit kommen, so Günther. Selbst die aus der Eigenproduktion stammende Salbeiproduktion ist Schwankungen unterworfen. Die Flächen, auf denen die Heilpflanze vier, manchmal sogar fünf Jahre gewachsen ist, wird dann für mindestens drei Jahre mit Wechselfrüchten bestellt. Es gehe darum, den Stickstoffgehalt anzureichern und die gesamte Bodenqualität zu verbessern. Ansonsten sei Salbei recht anspruchslos. Besonders hochwertige ätherische Öle finden sich in den Triebspitzen. Sie helfen bei Entzündungen innerlich wie äußerlich, dienen aber eigentlich dazu, die Pflanze auf natürlichem Wege gesund zu erhalten. Und selbst längere Trockenphasen kann Salbei gut verkraften. Die feinen Häarchen an den silbergrün schimmernden Blättchen behindern eine übermäßige Wasserverdunstung.

Bevor sich die drei Gründer von Bombastus dazu entschlossen, den Salbei selbst anzubauen, wurde er aus Frankreich und Spanien importiert. Man wollte jedoch von diesen Lieferanten unabhängig sein und erkannte zudem, dass sich die Blüte hervorragend eignet, um wertvolle Auszüge herzustellen – vorausgesetzt, sie wird unmittelbar nach der Ernte verarbeitet. Diesen kurzen Weg kann Bombastus garantieren. Eine spezielle Erntemaschine übernimmt heute große Teile der Ernte und dennoch ist noch Handarbeit nötig – beim Blütenpflücken oder Unkrautzupfen.. Und so ist Bombastus heute vermutlich eines der wenigen Pharmaunternehmen, das eine eigene Abteilung für Ackerbau mit eigenem Maschinenpark betreibt.

Doch nicht nur außerhalb, auch innerhalb des Unternehmens wurde investiert. Im September erst wurde eine neue Filterbeutelanlage in Betrieb genommen. Rund 620 000 Euro hat die Gesamtinvestition gekostet, inklusive Klimaschrank für die Rollen mit dem Filterpapier. Die Teeanhänger werden jetzt nicht mehr geklammert, sondern angenäht. Das sei viel nachhaltiger, sagt Joachim Günther. Die Teepackungen sind aus Pappe. Damit kann er leben. Nur die einzelnen Tütchen bestehen, aus Qualitätsgründen, noch aus Kunststoff. „Aber da sind wir dran“, versichert der Vorstand.

Seine Eltern arbeiteten früher im Unternehmen und er selbst war es gewohnt, wann immer man durstig war, stand in der Küche eine Kanne mit Tee. Der auf seinem Schreibtisch ist mittlerweile kalt geworden, Joachim Günther wird ihn trotzdem trinken. Und auch wenn Teebeutel bequemer sind, er bevorzugt grob geschnittene Tee. Er habe mehr Inhaltsstoffe und wirke besser – auch in der Erkältungszeit. Deren Verlauf inklusive regionaler Schwerpunkte kann man bei Bombastus übrigens sehr genau anhand der Orderzahlen aus den Apotheken nachvollziehen.

 

Von Ines Mallek-Klein   

Foto: © Ronald Bonß

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