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Die Erfindung des Wassers

04.11.2019
Ein Dresdner Apotheker hat vor 200 Jahren das erste industriell gefertigte Mineralwasser ausgeschenkt. Aber ist Trinken aus der Flasche noch zeitgemäß?

Am Anfang war das Pitschpatsch. So lässt sich die Entstehung der Welt als Merksatz fassen. Wasser ist der Ursprung aller Dinge, meinte der antike Philosoph Thales von Milet. Aus einer Ursuppe bildeten sich allmählich das Leben, das Universum und der ganze Rest heraus. „Alles fließt“, sagte der Kollege Heraklit, die mental-mobile Reflexivität der Postmoderne früh vorwegnehmend. 

Er fragte auch, ob man zweimal in denselben Fluss steigen kann, und schöpfte damit ein Logikrätsel, das man bis heute auf jedem Kindergeburtstag mit Gewinn anbringen kann. Auch Goethe fiel drauf rein, als er „Dauer im Wechsel“ dichtete. Einen Anfang markiert das Wasser auch in vielen Religionen. Man beginnt zum Beispiel mit einem H2O-Reinigungsritual bevor man muslimische Gebetsräume betritt. Ohne Wasser ist die christliche Taufe nicht zu haben. Und welcher Hindu würde sich schon in einen Ganges ohne Fluten werfen?

Immer wieder sind Wasserquellen in Sagen und Legenden zu finden. Auf einem weißen Reh soll eine Heilerin an der Leipziger Marienquelle erschienen sein. Die Brunnenfigur Erlpeter in Pirna mahnt zu Wohltätigkeit, also der Wasserspende: „Der Erlenpeter bin ich genannt,/ Armen Leuten wohl bekannt./ Wer nicht Geld hat in seiner Tasche/ Der trinkt mit mir aus meiner Flasche.“

Mittel gegen „böses Leibeswetter“

Wasser ist kostbar: Zwar ist unser Blauer Planet zu zwei Dritteln von Wasser bedeckt. Doch davon sind mehr als 97 Prozent ungenießbar, weil salzig. Der Rest zirkuliert als Süßwasser im ewigen Kreislauf zwischen Verdunstung, Niederschlag und Verdunstung. Sickert es in Gesteinsschichten hinab und wird von ihnen gehalten, reichert es sich mit wertvollen Mineralien an. Hier wird es zum je nach Quelle unvergleichlichen Mineralwasser. Seit jeher galt als glücklicher Finder, der solchen Brunnen zum Fließen bringt.

Schon Germanen und Römer wussten den sprudelnden Schatz zu schätzen. Er war nicht nur geschmacklich interessant, sondern galt als heilkräftig. Aus den Provinzen transportierte man das Mineralwasser in Tonamphoren bis nach Rom, so kostbar wie beliebt war es. Weil es oft auch mit natürlichem Kohlendioxid angereichert war, nannte man das spritzig bitzelnde Nass auch „Sauerwasser“. Auf seiner Grundlage entwickelten Heiler und Mediziner über die Jahrhunderte ausgeklügelte Trink- und sogar Badekuren.

Gezielt wurden Brunnen gesucht, erschlossen und zu Besucherattraktionen ausgebaut. So erwähnte der Wasserführer „Wolkenstein’scher Bad- und Wasserschatz“ schon 1667 das Ronneburger Heilwasser, dessen Quelle erst viel später zur industriellen Gewinnung erweitert wurde – ehe der Erfolg versiegte. Eine zweite voigtländische Quelle, die in Elster entsprang, gelangte lange Zeit nicht über lokale Bedeutung hinaus. Kenntnis von dieser haben wir seit den 1530ern. Ihr Wasser galt als Mittel gegen „böses Leibeswetter“, wahrscheinlich sollte es Blähungen lindern. Im 19. Jahrhundert schließlich erreichte sie überregionale Bekanntheit. Sie wurde zum Kur- und Badebetrieb ausgebaut, wovon bis heute das im Stil der Neo-Renaissance errichtete Königliche Kurhaus zeugt.

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts stieg der Mineralwasserkonsum in den deutschen Landen massiv an. Allerdings blieb natürliches Mineralwasser ein Luxusgut und darum den Wohlhabenden vorbehalten. Die Brunnen waren an ihren Standort gebunden und der Transport teuer. Denn die Quellen sprudelten vor allem in den Mittelgebirgsregionen, lagen fern von den Städten, wo der Bedarf am höchsten war. Auf den langen Auslieferungswegen büßte das Wasser obendrein seine Qualität ein. Folglich tüftelten viele Apotheker, Chemiker, Ärzte daran, künstliches Mineralwasser herzustellen. Nachdem viele Generationen an Wissenschaftlern in zahlreichen Analyseversuchen herausfanden, was überhaupt drin ist im Wasser, konnte der nächste Schritt erfolgen: Die künstliche Sättigung des Wassers mit Kohlensäure, damit es zum Getränk aller werden konnte.

Denn eine Besonderheit des Wassers war die Kohlensäure, eine Verbindung von Wasser mit Kohlendioxid. Kohlensäure konserviert das Wasser. Ihre leicht desinfizierende Wirkung führt dazu, dass das Wasser nicht eintrübt. Zudem stabilisiert sie die Mineralien. Der Gasgehalt des Wassers war den Menschen der Vergangenheit wohl bekannt, es hieß mitunter „gas silvestre“, also Waldgas. Immer wieder fand man tote Vögel in Quellnähe, die durch Sauerstoffmangel erstickten. Ein derber Brauch nutzte diese Wirkung aus, die sogenannte Brunnenfege. Immer wieder müssen Quellen von Ablagerungen gereinigt werden, damit sie durch ansetzenden Sinter nicht verstopft. Diese Notwendigkeit wurde zum Brauch mit Volksfestcharakter, der oft um Pfingsten herum stattfand. Eine Schar junger Männer wurde zum Reinigen ausgewählt. Während sie mit ihrer Arbeit begannen, amüsierten sich die Schaulustigen darüber, dass sie regelmäßig ohnmächtig wurden, weil ihnen der Sauerstoff ausging. Sie mussten schnell am Seil nach oben gezogen werden. Da Kohlendioxid unfreiwillige Erektionen begünstigt, zog die Menge aus dem Spektakel noch größeren Spaß.

Für künstliche Mineralwasser ist das Gas unentbehrlich, weil es die Löslichkeit der wichtigen Mineralien erhöht. Dass Kohlensäure nun ins künstliche Mineralwasser kam, ist das Verdienst eines Dresdners. Friedrich Adolph August Struve hatte selbst von der Heilkraft des Wassers profitiert und wollte das zum Geschäft machen. So erinnerte er sich an seine erste Erfahrung mit dem Lebenselixier in Marienbad und Karlsbad: „Aber wer mahlt das Gefühl, das mich ergriff, das mich übermannte, als jeder neue Tritt mich lehrte, dass neue Kraft in den matten Fuß zurückgekehrt, dass der ununterbrochen nagende Schmerz gewichen sey.“

Auszeichnung als Ritter

Struve wurde 1781 in Neuhaus bei Stolpen geboren, wo sein Vater eine Apotheke betrieb. Nach dem Besuch der Landesschule St. Afra in Meißen studierte und promovierte er in Leipzig und Halle in Medizin. Er siedelte nach Dresden über, übernahm dort die Salomonis-Apotheke, aus der seine Mineralwasserfabrik hervorgehen sollte. Ein Arbeitsunfall zwang ihn zu Kurbesuchen, auf denen er von der heilenden Mineralwasserwirkung erfuhr. Darauf wollte er auch in seiner Heimat nicht verzichten. Weil die Lieferungen aus Böhmen nicht seinen Vorstellungen entsprechen, begann Struve selbst zu forschen. Es sollte zehn Jahre dauern, bis er das Verfahren beherrschte, Wasser mit Mineralien anzureichern. Schließlich gelang es ihm, die nichtlöslichen Stoffe unter Druck lösbar zu machen. Vor 200 Jahren schenkte er ausgewählten Besuchern zum ersten Mal sein Heilwasser aus – in seinem in der Seevorstadt gelegenen Garten. Er fand Gefallen, Struve strebte den kommerziellen Erfolg an. Er verbesserte sein Verfahren und eröffnete „Struves Sächsisch konzessionierte Mineralwasseranstalt“ 1821 schließlich am Standort seiner Apotheken in Dresden. In dieser einer Kuranstalt ähnlichen Einrichtung konnten Kunden verschiedene täglich frisch hergestellte Wasser einnehmen. Arme erhielten ihre Ration kostenlos.

Struves Angebot fand breiten Anklang, bald folgten Ableger in Leipzig und Berlin. Nach dem Tod des Wasserkünstlers 1840 wurde der Erfolg gar international, eröffneten Dependancen auch im englischen Brighton und russischen St. Petersburg. Für den Verdienst, die Struve’schen Trinkanstalten aufgebaut zu haben, zeichnete der sächsische König ihn als Ritter des Königlich-Sächsischen Civilorden aus. Die aus dem Ursprungsbetrieb hervorgegangene Dr. Struve Mineralwasser KG wurde 1968 geschlossen. Struves Lebenswerk ebnete den Weg für die industrielle Produktion von Mineralwasser – allein sein Wasser dürfte sich heute nicht mehr so nennen. Zwar dürfen Unternehmen extra Kohlensäure zusetzen, ihr Wasser muss aber aus einem natürlichen Brunnen stammen, damit sie es als Mineralwasser vermarkten dürfen. Der Sprudelabsatz wurde allmählich zum Massenmarkt. Im Jahr 1970 lag der Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland noch bei gut zwölf Litern, so trank jeder Bewohner 2016 durchschnittlich 149 Liter. Regionale Brunnen haben in den letzten Jahren Discounter mit ihren 1,5-Liter-Flaschen das Wasser abgegraben.

In Ostdeutschland als Marke führend, gilt die Lichtenauer Mineralquellen GmbH, die von ihren Brunnen in Lichtenau bei Chemnitz aus die Marken Lichtenauer und Margon vertreibt. Selbst schnödes Mineralwasser taugt heute dazu, Distinktionsbedürfnisse zu erfüllen, sich also gesellschaftlich abzuheben. In einer Untersuchung der Stiftung Warentest hoben sich unter 30 Mineralwässern die teureren Marken nicht von den anderen ab. An die wirklichen (Ab-)Sahnestückchen der Selters-Front haben sich die Tester aber nicht herangewagt. So kostet eine Flasche Bling H2O um die 100 Euro, dafür ist sie mit Swarovski-Kristallen besetzt und bringt ein Spickzettel-Etikett mit, dass die chemische Formel für Wasser frei Haus mitliefert. Mineralwasser ist zum Lifestyle-Produkt geworden, es gibt entsprechende Connaisseure und die gehobene Gastro nomie hält neben der Wein- auch eine Wasserkarte vor. Wo käme man denn auch hin, wenn sich jeder Mensch Wasser leisten könnte?

Zum Glück bleibt das Leitungswasser, das ist weder hipp noch teuer – dafür aber in der Qualität um ein Vielfaches gründlicher überwacht als alle Wasser mit Bling-Faktor. Daher hält die Stiftung Warentest heute den Kauf von Mineralwasser für überflüssig. So wiesen jüngste Untersuchungen in stillem Mineralwasser häufig kritische Stoffe nach. Die Hälfte von 32 Produkten enthielt Krankheitserreger, Spuren aus Industrie und Landwirtschaft sowie andere problematische Stoffe. Und im vergangenen Jahr schnitten von 30 Mineralwässern mit Kohlensäure 17 mit der Bewertung „gut“ ab, 11 waren „befriedigend“ und zwei „ausreichend“. Hingegen stießen die Prüfer in Leitungswasserstichproben nirgends auf bedenkliche Stoffmengen. Die strenge Trinkwasserverordnung erfüllt offenbar ihren Zweck, und Leitungswasser ist noch immer das am besten geprüfte Nahrungsmittel.

Wem das zu lau ist, der kann sich sein Wasser mit Sprudlern aufpeppen. CO2-Kartuschen machen es möglich. Das kostet etwa so viel wie billiges Mineralwasser, 13 Cent pro Liter. Man spart sich das Schleppen und Müll. So gelangt auch weniger Plastik ins Meer – und ins Trinkwasser. Ein bisschen wie Erfinder Struve kann man sich obendrein fühlen.

 

Von Tobias Prüwer

Foto: © www.pixabay.com
 

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