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Die Formel 1 im Mini-Format

Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge 07.02.2019
In Bannewitz steht die größte Modellrennbahn Ostdeutschlands. Die Flitzer erreichen horrende Geschwindigkeiten.

Michael Wolf grinst herausfordernd: "Schätzen Sie mal, wie lange man braucht, um eine Runde zu fahren." Die Bahn ist riesig, hat mehrere steile Kurven. "25 Sekunden?". "In der Zeit schaffe ich locker acht Runden", sagt Wolf. Der 58-Jährige ist ein Slotracer. Kleine, ferngesteuerte Autos fahren auf einer festgelegten Strecke mehrere Runden. Der Strom kommt aus einem Schlitz im Boden, dem namensgebenden Slot. Die Fahrer steuern die Geschwindigkeit über einen kleinen Regler. Durchgängig Vollgas geht nicht, fährt man zu schnell in eine Kurve, fliegt der Wagen aus der Bahn. Wer die meisten Runden in einer vorgegebenen Zeit schafft, gewinnt. Das ganze funktioniert wie eine Carrerabahn im Kinderzimmer - nur stabiler, größer und vor allem: schneller.

Die Rennstrecke ist nicht leicht zu finden. Durch eine von außen kaum sichtbare Hintertür im Bannewitzer Kompressorenwerk gelangt man in den 20 Meter langen, von Neonröhren beleuchteten Raum. An der Wand hängen Listen mit Rennzeiten und Startaufstellungen, zwei Flachbildfernseher zeigen aktuelle Ergebnisse, und die an der Wand angeschraubten Regale brechen unter der Last Hunderter Pokale beinahe zusammen. Platz zum Stehen gibt es kaum, denn in der Mitte steht die größte Modellrennbahn Ostdeutschlands: 46 Meter Strecke, rund 60 Zentimeter breit.

2005 wurde der SRC Bannewitz gegründet, seit dem ersten Tag ist Michael Wolf der Vereinsvorsitzende, daneben gibt es noch zehn weitere Mitglieder. Die Wurzeln liegen in Freital, wo bis 1990 gefahren wurde. "In der Wendezeit kamen uns dann die Räume abhanden. Außerdem hatten viele Fahrer plötzlich andere Sachen zu tun", erinnert sich Wolf. Mehrere Jahre dauerte die Suche nach geeigneten Räumen für die damals noch 24 Meter lange Bahn. Auf ihre heutige Länge wuchs sie 2011 an, als der Verein in einer 72-stündigen Mammutaktion eine neue Bahn aus Nordrhein-Westfalen nach Bannewitz wuchtete. Ein halbes Jahr dauerte der Aufbau, seitdem kann richtig professionell gefahren werden.

Auch Elvis Presley war Slotracer Michael Wolfs Rekord liegt hier bei 3,14 Sekunden. Macht gut 50 km/h im Schnitt. Er rast seit 1978 über die Bahnen, in einer Vitrine in einem Hinterzimmer liegt sein GST-Ausweis als "Hervorragender Ausbilder im führungsbahngesteuerten Automodellsport". Wolf arbeitet als Techniker im Kompressorenwerk, weshalb dieses auch die Räumlichkeiten zur Verfügung stellt. Einen unfairen technischen Vorteil hat er nicht, in Bannewitz werden nur Kompressoren für große Motoren wie von Kreuzfahrtschiffen hergestellt. Doch zumindest der sichere Umgang mit dem Lötkolben ist hilfreich.

"Ein guter Slotracer muss auch ein Tüftler sein", sagt Michael Wolf. An den Modellen im Maßstab 1:24 im Vergleich zu richtigen Rennwagen kann man eigentlich immer herumschleifen, schrauben und löten. Neben der Rennstrecke gibt es einen kleinen Klubraum mit zehn Arbeitsplätzen, gut bestückt mit allerlei kleinem Werkzeug. Das Herzstück eines Slotrennwagens ist das Fahrgestell, das sogenannte Chassis. Es ist relativ schwer und mit einer Art Drahtbürste mit der Bahn verbunden, wodurch mit bis zu 20 Ampere der kleine Elektromotor betrieben wird. Auf das Gestell kommt ein bemalter oder besprühter Aufsatz aus Kunststoff. Unerlässlich ist der Heckspoiler, der bei hohen Geschwindigkeiten das Auto nach unten drückt und in der Spur hält. "Die Wagen bei Weltmeisterschaften bestehen fast nur aus Karosserie und Spoiler", sagt Wolf.

Diese Meisterschaften finden häufig im tschechischen Pilsen statt, wo die "Blue King", die schnellste Slotrennbahn der Welt, steht. Benannt ist sie nach Elvis Presley, der den Legenden zufolge eine große blaue Bahn in einem Gartenhäuschen besessen haben soll. Diese Königsbahn ist 48 Meter lang, der Bahn- und damit Weltrekord liegt bei 1,2 Sekunden, was eine durchschnittliche Geschwindigkeit von 144 km/h ergibt. 2015 war auch der SRC Bannewitz zur Weltmeisterschaft eingeladen, nachdem er 2014 den Eurocup gewonnen hatte. Michael Wolf fuhr seine beste Runde immerhin in 2,2 Sekunden.

Wer selbst fahren will, braucht eigentlich nur ein Auto, einen Regler für die Anpassung der Geschwindigkeit, und etwas Lust zu basteln. "Man kann das nicht ewig machen, je älter man wird, desto mehr muss man sich bei den hohen Geschwindigkeiten konzentrieren", sagt Wolf. Doch es gibt Hoffnung auf Nachwuchs: Vier Schüler aus Bannewitz fahren regelmäßig mit. Und einer hat bereits angekündigt, zukünftig noch einen Freund mitzubringen.

Am 30. und 31. März lassen sich die Slotracer in Aktion erleben, dann findet auf der Bannewitzer Bahn eine große, öffentliche Rallye statt. Doch bis es so weit ist, wird Michael Wolf noch einige Abende vor seinem Werkzeugkoffer sitzen, die Reifen aufziehen und hoffen, dass sie sein kleines Auto am schnellsten die Bahn entlang tragen.

 

Von Maximilian Helm

Foto: Karl-Ludwig Oberthür

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