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Die Kunst, den Wert zu steigern

27.07.2022
Um kein Geld zu verlieren, investieren viele Menschen zurzeit in Sachwerte. Die sollten aber auch schön sein. Das meint der Bautzener Goldschmied Lothar Lange.

Von Peter Ufer

Zeitmaschinen gehören zum Traum der Menschen: Aus dem Gestern starten und im Morgen landen. Der Überschlag der Zeiten und Kulturen – was für ein Gedanke. Was unmöglich scheint, fasst Lothar Lange in Schmuck. Er überträgt Altes in Neues, schafft so faszinierende Gegenstände der Gegenwart. Moderne Interpretationen der Geschichte.
Die Gegenwart verschafft dem Goldschmiedemeister gerade viel Arbeit. „Momentan ist bei mir mit mehrmonatigen Wartezeiten zu rechnen“, sagt Lange. Das sei weniger den gestörten Lieferketten anzurechnen, sondern dem Wunsch der Kundschaft, in Sachwerte zu investieren. Während Geld immer weniger wert wird, steigt das Bedürfnis nach Beständigkeit, nach einem schönen Wertgegenstand, der die Zeiten überdauert und im Idealfall später sogar Gewinn bringt. Der 60-Jährige liefert dafür individuelle Angebote. Er fahndet im Internet oder renommierten Auktionshäusern nach antiken Münzen, Kleinbronzen oder Meteoriten, um ihnen einen zeitlosen Rahmen zu geben. Eine griechische Silbermünze fasste er beispielsweise in Acryl und hochkarätiges Gold. Es gibt nichts Gleiches, der Schmuck ist einmalig. Geschichte wiederholt sich hier nicht, sie wird mit dem Jetzt kombiniert und erhält eine andere Qualität.
1988 gründete Lothar Lange in Bautzen seine Schmuckmanufaktur, er bearbeite schlicht Metall. „Ich setze Archaisches mit Modernem zusammen, reduziere dabei die Dinge aufs Wesentlich.“, sagt der Goldschmiedemeister. Er nennt seinen Stil bauhauslastig. Klare Linien, nachvollziehbare Strukturen, wertige Materialien. Schmuck aus Gold, Silber und Platin stellt er in den Vitrinen seiner Werkstatt aus. Das wirkt wie eine Exposition seiner Arbeiten, aber es ist letztlich ein Laden für jeden, der sich mit Geschmack schmücken will.

Auf Biegen und Löten
Jeder kann in seinem Atelier sehen, was Lange schafft. An seiner Werkbank lötet er, schleift, ziseliert, poliert, finiert. Ein Armreifen aus Silber entsteht durch das Biegen und Verlöten eines Bleches, nach und nach bekommt er seine Form, ein paar Tausend Hammerschläge – jeder genau da, wo er hingehört. Dann wird der Deckel aufgelötet, wieder gefeilt und geschliffen. Aber nicht blank, nicht glatt geleckt, sondern Lange belässt Spuren seiner Werkzeuge. Der Zauber liegt im scheinbar Unfertigen, in vermuteter Zerbrechlichkeit.
Wer einen Ring möchte, erzählt Lange zunächst seine Wünsche, seine Geschichten. So erarbeitete er auch einen Bischofsring. Der Geistliche kam zu ihm, gab ihm die goldenen Trauringe seiner Eltern, denn das Erbe sollte neben dem heiligen Kreuz in dem neuen Schmuck mit verarbeitet werden. Wieder kombinierte der Goldschmied Geschichte mit Gegenwart. Der Bautzener denkt in Generationen und weiß, dass er längst verschwunden sein wird, wenn seine Stücke weiter leben, bei wem auch immer. Er schafft Schönheit für den Augenblick und für das Familienerbe. So gesehen ist er Kosmetiker und Anlageberater in einer Person.

Inspiration in der Umgebung
Mag sein, dass diese Art zu arbeiten sich stark mit Bautzen verbindet. Langes Werkstatt befindet sich auf dem Plateau über dem Spreetal, unweit der Ortenburg. Tausend Jahre alte Fundamente tragen die Mauern der Häuser in diesem Teil der Stadt. Die Gassen mit ihren auf das Plateau gepflanzten Häusern, die Kirchen, die Burg wirken wie ein Freilichtmuseum eines mittelalterlichen Stadtensembles. Das ist die Umgebung für Langes Inspiration. Sein bestimmt das Bewusstsein, aber das wirkt zugleich immer zurück. Anlässlich der Jahrtausendfeier der Stadt verhalf der Goldschmiedemeister dem Oberbürgermeister der Stadt zu einer Amtskette. Und es wundert nicht, dass sich auch hier Vergangenheit mit dem Heute paart. In die Kette fügte Lange Lausitzer Granit, der die Region prägt wie Sandstein die Sächsische Schweiz.
Neben Ringen, Broschen und Ketten entstehen in der Manufaktur auch Leuchter oder Silberdosen. In deren Deckel treibt der Bautzener Gesichter, antike Damen wachsen aus dem Metall und bilden ein Relief. Die Schachteln gibt es klein und etwas größer für die Pillen im Alter oder zur Aufbewahrung des Schmucks. In jeder der Arbeiten steckt stunden- oder tagelanges Werken. Lange macht Kunststücke, Unikate, die ihren Wert aus der Idee, dem Material, der Handarbeit und dem Auge des Betrachters addieren.
Für 100 Euro bekommen Kunden hier nichts zu kaufen, aber Liebhaberei ist sowieso nicht in Preisen anzugeben. Weit über 2.000 Unikate schuf Lange so in den vergangenen 33 Jahren.
Wenn er allerdings mal nicht mit der Lupe vor den Augen an seiner Werkbank sitzt, treibt er Ausgleichskunst. Dann fährt er in sein Atelier im Bad Muskauer Park, nimmt sich Holz vor, um es in Stücke zu hauen, um diesen Formen zu geben und sie anzustreichen. Auch wenn er da mit ganz anderem Material arbeitet, tut er im Grunde das, was er auch in seiner Goldschmiede hervorbringt. Das Holz ist gewachsen, trägt Jahresringe, muss trocknen, ist von gestern, aber beständig bis in ferne Tage. So krümmt sich ein grob behauener Kirschstamm blau bemalt aus einem Aluminiumsockel. „Das ist Frau Krause, die macht blau“, sagt Lothar Lange. Und neben ihr steht eine andere Gestalt, „Der heilige Dreikönig – in Personalunion“, sagt der Künstler. Heitere Figuren als Stammbäume gut gewachsenen Humors.


Lange lässt sich nicht so leicht festlegen, er genießt es, selbstständig zu sein. Wie ein Frosch, der vom Wasser aufs Land und vom Land ins Wasser springt, der auf dem Brunnenrand sitzt, um die goldene Kugel aus der Tiefe zu holen und zum Prinzen zu werden. Das jedenfalls erzählt das Manufaktur-Logo. Ein grüner Frosch mit goldener Krone. Der wandelt durch die Zeiten, vom Märchen in die Realität, und bringt von überallher schöne Dinge mit, die ihren Wert nicht verlieren werden.
 

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