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Die letzten Oderwitzer Weihnachtsmänner

20.12.2021
Am 31. März 2022 wird die Kathleen Schokoladenfabrik geschlossen. Vieles passiert im Werk jetzt schon zum letzten Mal.

Von Holger Gutte 

Janet Blum hat sie - die letzten Weihnachtsmänner der Kathleen Schokoladenfabrik in Oderwitz. Ob es wirklich genau die letzten Hohlfiguren sind, ist nicht mehr herauszufinden. "Wir haben damals leider nicht gewusst, dass wir gerade die Letzten produziert hatten", gesteht Werkleiter Matthias Goldberg. Dann hätte er sich, wie bestimmt auch Produktionsleiter Stefan Neumann und andere, gern einen zum Andenken aufgehoben.

Jetzt wissen sie es ganz genau. Am 8. November 2021 floss in Oderwitz zum letzten Mal Schokolade in eine Weihnachtsmannform. In der Spätschicht lief an diesem Tag um 22.30 Uhr der letzte Oderwitzer Weihnachtsmann vom Band. "Wir wussten es damals deswegen nicht, denn es hätte ja noch sein können, dass kurzfristig für den nächsten Tag noch ein Auftrag von einem Kunden gekommen wäre", erklärt der Werkleiter.

Gerade fertig geworden: Werkleiter Matthias Goldberg (rechts) und Produktionsleiter Stefan Neumann zeigen ganz frische Schokoladen Osterhasen der Kathleen Schokoladenfabrik in Oderwitz.
Gerade fertig geworden: Werkleiter Matthias Goldberg (rechts) und Produktionsleiter Stefan Neumann zeigen ganz frische Schokoladen Osterhasen der Kathleen Schokoladenfabrik in Oderwitz. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Seitdem werden nun in der Oderwitzer Schokoladenfabrik Osterhasen hergestellt. Das sind ebenfalls die letzten Osterhasen. Denn die Schließung des traditionsreichen Werkes steht zum 31. März 2022 fest. Damit passiert das nun sogar wegen des Sozialplans für die Mitarbeiter einen Monat früher, als noch vor einem reichlichen Jahr von der Rübezahl-/Riegelein-Gruppe angekündigt, zu der Kathleen in Oderwitz gehört.

Dennoch läuft jetzt gerade in Oderwitz - typisch für diese Zeit - die Produktion auf Hochtouren. "Wir arbeiten sogar weiterhin dreischichtig", sagt Matthias Goldberg. 16 Tonnen Schokolade werden in der Schokoladenfabrik in Oderwitz täglich hergestellt. Dazu kommen noch einmal insgesamt zwölf Tonnen Fondant und Gelee-Waren. Geliefert werden die Hohlfiguren in fast alle Supermärkte und Discounter. Zehn Gramm wiegt die kleinste und 200 die größte Hohlfigur.

Mit der Werksschließung endet die Osterhasen-Produktion im nächsten Jahr zwangsläufig früher. "Wir geben dann die restlichen Aufträge an unsere Schwester-Werke ab", schildert Matthias Goldberg.

Das Betriebsklima ist dennoch super. "Aber natürlich schwingt immer Wehmut bei den Mitarbeitern mit", berichtet der Werkleiter. Von manchen Familien haben hier ganze Generationen gearbeitet. "Wir sind wie ein Familienunternehmen. Entweder ist man miteinander verwandt oder befreundet", sagt er.

Da tut jeder Abschied eines Mitarbeiters weh. In Spitzenzeiten haben hier in den letzten Jahren etwa 200 Stamm-Mitarbeiter gearbeitet, hinzu kamen 30 Saisonkräfte und 35 Leasing-Beschäftigte. Als im Juni 2020 die Rübezahl-/Riegelein-Gruppe die Schließung des Oderwitzer Werkes bekannt gab, waren es nach deren Angaben schon nur noch 167. Jetzt sind es noch etwa 120. Einige sind in Rente gegangen, andere habe sich schon einen neuen Job gesucht.

"Jeden Monat verlassen uns etwa fünf, sechs Mitarbeiter", erzählt der Werksleiter. Alle auf eigenen Wunsch. Denn Kündigungen gab es nicht und es werden keine ausgesprochen. Die Kollegen wissen, dass am 31. März 2022 Schluss ist. Etwa 25 bis 30 Mitarbeiter werden im nächsten Jahr noch bis zum Jahresende weitermachen dürfen. Schokoladen-Hohlfiguren stellen sie aber keine mehr her. Sie werden für Aufräumarbeiten und das Übergeben des Know-how an Schwester-Werke gebraucht.

Matthias Goldberg und Stefan Neumann werden mit zu den Letzten gehören. "Es ist schon komisch, wir haben beide hier 2001 zusammen als Lehrlinge angefangen und hören zusammen auf", sagt Matthias Goldberg. Er hatte eine kaufmännische Ausbildung gemacht und Stefan Neumann eine Lehre zum Süßwaren-Techniker.

"Ich habe, wie fast alle in meinem Beruf, mit Zettelkleben auf Verpackungskartons angefangen und es bis zum Produktionsleiter geschafft", erzählt Stefan Neumann. Über drei Generationen hinweg, haben die Neumanns in der Oderwitzer Schokoladenfabrik ihre Brötchen verdient. Er wollte nie etwas anderes werden. Schon als Kind stand für ihn fest, dass er einmal, so wie sein Vater, Osterhasen und Weihnachtsmänner und viele andere leckere Sachen aus Schokolade herstellt. "Vaters Arbeitssachen haben immer so gut gerochen, wenn er nach Hause kam", erzählt er.

"Das ist schon ein mulmiges Gefühl, wenn man jetzt durchs Werk geht. Während Matthias Goldberg zu den Wenigen gehört, die das Angebot in ein anderes Werk der Unternehmensgruppe zu wechseln angenommen hat, will sich Stefan Neumann in der Region etwas Neues suchen. Denn die nächsten Werke sind in Wernigerode und bei Nürnberg.

So strahlt derzeit noch die Kathleen Schokoladenfabrik in Oderwitz.
So strahlt derzeit noch die Kathleen Schokoladenfabrik in Oderwitz. © Matthias Goldberg

"Viele Leute bei uns hoffen noch, dass es irgendwie im Werk weitergeht und sich eine Firma findet, die sich im Werk ansiedeln will. Stefan Neumann möchte in der Lebensmittelbranche bleiben. "Das Problem ist, das Werk sieht groß aus, die Produktionshallen sind aber relativ klein.

Janet Blum hat im Werkverkaufsladen noch Weihnachtsmänner im Angebot. Nachschub bekommt sie keinen mehr, wenn die Schokolade verkauft ist. Am 22. Dezember wird der Verkaufsladen geschlossen und vielleicht nicht mehr geöffnet.

Immer mehr geschieht jetzt in der Oderwitzer Schokoladenfabrik zum letzten Mal. Manches wird es vielleicht auch gar nicht mehr geben. In Oderwitz wurden die bei Fußballfans so beliebten Dynamo-Weihnachtsmänner hergestellt. Und auch die für alle anderen Profi-Fußballvereine. "Also wer noch einen haben will, muss sich sputen", sagt er.

Auf die Frage, ob er sich eine Form für einen Oderwitzer Schokoladen-Weihnachtsmann als Andenken mit nach Hause nehmen würde, um für sich später privat einen noch mal herstellen zu können, antwortet Stefan Neumann mit "Nein". Die Schokolade bekommt man nicht hin. Und eine zum Reinschmelzen zu kaufen, das würde nicht so schmecken.

Die wechselvolle Geschichte der Schokoladenfabrik in Oderwitz begann 1910. Am 31. März 2022 endet sie. Der Werksleiter möchte dann mit allen Kollegen - auch denen, die schon gegangen sind - ein großes Familien-Abschiedsfoto zur Erinnerung machen.

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