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Die Oberlausitz soll aufblühen - mit Cannabis

28.04.2022
Zwei Berliner gründen in Zittau ein "Kompetenzzentrum Hanf" - daraus sollen ein neuer Industriezweig und Chancen für die Landwirtschaft erwachsen.

Von Markus van Appeldorn

Kaum eine Pflanze erlebt in jüngerer Zeit einen größeren Hype als Cannabis. Öle, Tinkturen, Tees oder Nahrungsergänzungsmittel mit Cannabis-Bestandteilen sind schwer angesagt. Aus der Pflanze lassen sich aber auch Baustoffe, Textilfasern, Papier und etliche andere Produkte gewinnen. Das Gras ist ein Tausendsassa mit jahrtausendealter Geschichte - so nutzten etwa schon die alten Ägypter Hanf-Seile. Und auch in der Oberlausitz mit ihrer Textilindustrie zählte Hanf lange Zeit zu einer der wichtigsten Nutzpflanzen. Das soll auch wieder so werden - wenn es nach den Wünschen der beiden Berliner Martin Wittau und Tarik Mustafa geht, die dafür jetzt eine ganz besondere Firma mit Sitz in Zittau gegründet haben.

Die Firma trägt den Namen "Linnaeus Kompetenzzentrum Hanf gGmbH". Das kleine "g" steht für "gemeinnützig" und der latinisierte Name "Linnaeus" erinnert an den schwedischen Naturforscher Carl von Linné, der die Hanfpflanze 1753 beschrieb und wissenschaftlich als "Cannabis Sativa" bezeichnete. Diese Namensgebung macht also klar: Es geht um Forschung und Wissenschaft - am Ende aber ganz besonders darum, nachhaltige und wirtschaftlich erfolgreiche Cannabis-Produkte hier in der Oberlausitz herzustellen, Arbeitsplätze und neue Perspektiven für Landwirte zu schaffen.

Neuer Studiengang für Hochschule geplant

Eine besondere Kompetenz der Hochschule Zittau/Görlitz sorgte für die Ansiedlung des Kompetenzzentrums in Zittau - das sogenannte "Lander"-Projekt. Dabei geht es um Material- und Technologieentwicklung rund um naturfaserverstärkte Kunststoffe. "Die Hochschule hat eine hohe Expertise bei Naturfasern", sagt Martin Wittau. Und auch führende Kommunalpolitiker haben sich bei den Gründern für Zittau stark gemacht. "Landrat Bernd Lange und der Zittauer Landtagsabgeordnete Stephan Meyer haben uns mit ihren Argumenten für Zittau so nachhaltig überzeugt, dass am Ende dieser Standort das Rennen gemacht hat", erklärt Tarik Mustafa.

"Wir wollen ausgehend von Zittau in den kommenden Jahren ein ganzes Unternehmensnetzwerk für die Weiterverarbeitung von Hanf in der Lausitz etablieren und die bioökonomische Wertschöpfung für die Strukturentwicklung nutzen", so Mustafa weiter. Und Wittau ergänzt: "An die überzeugende Grundlagenforschung für Materialien auf der Basis von Naturfasern können wir mit der Forschung im Kompetenzzentrum anschließen."

Hanf-Expertise für einen neuen Industriezweig

Noch steckt das Kompetenzzentrum in den Kinderschuhen. "Wir suchen jetzt erst einmal Büroräume in Zittau", sagt Wittau. In den nächsten eineinhalb Jahren soll dann ein an der Hochschule angesiedelter Masterstudiengang zum Thema Hanf entwickelt werden. "Das ist aus den USA adaptiert, dort gibt es den schon als "Hemp sience" (also "Hanf-Wissenschaft")", erklärt er, und: "Wir wollen einen Beitrag leisten, Zittau als Forschungsstandort noch attraktiver zu machen." Künftig sollen auch entsprechende Labore nach Zittau kommen und Räume für Lehrveranstaltungen bezogen werden. Ziel ist es, dass sich aus der Zittauer Forschung heraus hier Firmen entwickeln, die dann tatsächliche Produkte herstellen.

"Wir sehen hier erhebliche Chancen. Die Wertschöpfung bleibt überwiegend in der Oberlausitz", sagt Wittau. Als Beispiel nennt er Bau- und Dämmstoffe oder etwa auch Produkte für die Automobilindustrie. "In hochwertigen Fahrzeugen wie etwa von Porsche oder Mercedes sind heute schon die Tür-Innenverkleidungen aus gepressten und geformten Hanffasern", sagt er - das freilich sei nicht sichtbar, weil diese Verkleidungen dann noch mit Leder oder Stoffen bezogen werden. Vorteil solcher Materialien sei eben, dass sie sich in etliche Formen für viele Anwendungen verarbeiten lassen - und dabei vollständig biologisch abbaubar sind.

Nutzhanf taugt nicht als Droge

Noch aber ist die Agrar-Infrastruktur in Deutschland viel zu winzig für eine massenhafte industrielle Nutzung. "In Deutschland haben wir 6.500 Hektar Anbaufläche für Nutzhanf. Für eine Industrie braucht man das zehn- bis 20-fache für eine verlässliche Rohstoff-Versorgung", erklärt Wittau. Frankreich sei mit etwa 15.000 Hektar Europas größtes Anbauland. Gigantische Flächen dagegen werden bereits in den USA, Kanada und in China zum Nutzhanf-Anbau genutzt.

Da nun kommen die Oberlausitzer Landwirte ins Spiel. In der gesamten Lausitz gebe es etwa 400.000 Hektar landwirtschaftliche Anbaufläche, so Wittau. "Wir haben klimatische Veränderungen und auch Einkommensveränderungen bei den Landwirten", sagt er. Die Cannabis-Pflanze sei extrem vielfältig und nützlich für die Fruchtfolge und Bodenerhaltung der Ackerflächen. Bereits 2019 sei Hanf bei einer Fachkonferenz "Zukunft der Agrarstruktur" das Kernthema gewesen. So könnten die heimischen Landwirte künftig zu verlässlichen Lieferanten einer hier angesiedelten Cannabis-Industrie werden.

Dabei müssten die Landwirte keine Sorge haben, dass irgendwelche Drogenhändler ihnen die Felder abernten. "Um von diesen Cannabis-Sorten einen Rausch zu bekommen, müsste man schon ein ganzes Feld rauchen", sagt Wittau. 20 Sorten seien in Deutschland zum Nutzhanf-Anbau zugelassen. Allen ist gemeinsam, dass sie den Rausch-Stoff THC nur in ganz geringer Menge erzeugen. Allerdings ist mit dem Anbau noch ein gewisser bürokratischer Aufwand verbunden. "Ein Landwirt braucht dafür eine Lizenz, und der THC-Gehalt wird auch bei der Blüte behördlich kontrolliert", erklärt er. Liege er über dem in Deutschland zulässigen Grenzwert, müsse der Landwirt alles unterpflügen. "Das wäre ein Totalverlust und den will weder der Landwirt, noch die verarbeitende Industrie."

 

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