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Die Sachsen und der Müll der Corona-Krise

20.12.2021
Karsten Kleinschmidt, Chef der Nehlsen Sachsen GmbH, spricht über gefährliche Akkus, andere heiße Themen, verpasste und neue Chancen.

Von Michael Rothe

Die drei riesigen Pavillons aus weißer unbrennbarer Spezialfolie könnten Kulisse und Bühne für ein Rockfestival sein – mit Silly etwa. Und der von der Band besungene Mont Klamott ist auch in Sichtweite: die 2005 geschlossene, abgedichtete und begrünte, gut 40 Meter hohe Altdeponie von Gröbern. Über Jahrzehnte abgelagerter Haus- und Gewerbemüll aus Meißen und der Region.

Tatsächlich steckt viel Musik im Geschäft der Nehlsen Sachsen GmbH & Co. KG, Ableger des Bremer Entsorgungs- und Reinigungskonzerns Nehlsen AG mit 2.800 Beschäftigten an 70 Standorten in Europa und Afrika. Das Portfolio der Sachsen, die rund ein Zehntel zum Gruppenumsatz beisteuern, ist weit gefächert. „Wir können Kehr- und Winter- sowie Hausmeisterdienste, Gartenbau, Grünanlagenpflege, Kanalreinigung und -sanierung, kommunale Beleuchtung reparieren und warten und wollen dieses Angebot noch mehr in die Fläche bringen“, sagt Geschäftsführer Karsten Kleinschmidt.

Ab Januar werde Nehlsen auch in Zwickau die Gelben Tonnen fahren. „So wollen wir uns mit der Leichtfraktion über den Satelliten nach Westen erweitern.“ Außerhalb und im Norden von Dresden sei Nehlsen einer der Platzhirsche, so der Chef. In den Landkreisen Bautzen und Meißen habe das Unternehmen mit dem hellgrünen Firmenlogo auch die kommunale Müllabfuhr unter seinen Fittichen.

In der Landeshauptstadt dominieren andere Farben: das Orange der kommunalen Stadtreinigung und das Rot von Veolia, dem Ableger des französischen Mutterkonzerns. Der bundesweit agierende Amand-Konzern mit Sitz in Ratingen und die einheimische Nestler-Gruppe sind weitere starke Player in dem umkämpften Markt.

Verbrennen ist zweitbeste Lösung

Wirtschaftlich habe es im ersten Lockdown einen Totalabsturz gegeben, berichtet Kleinschmidt, seit zweieinhalb Jahren Firmenchef. Doch nach dem Einbruch im gewerblichen Bereich seien kommunale und private Abfallmengen explodiert: An Pappe wegen gestiegener Online-Bestellungen. An Glas, weil wohl im Corona-Frust mehr getrunken wurde. An Sperrmüll, weil die Leute zu Hause aufgeräumt haben. Das habe die Verluste kompensiert und lasse auch 2021 einen Umsatz auf Vorjahresniveau von 30 Millionen Euro erwarten.

Für Kleinschmidt sind Staatshilfen wegen Corona kein Thema. Der gebürtige Westfale setzt andere Hoffnungen in die Politik. „Ich hoffe, dass mit der neuen Bundesregierung wieder Bewegung in die Entsorgungsdebatte kommt“, sagt Kleinschmidt. Das Thema habe bislang nicht den erhofften Durchbruch erreicht. „Laut Gewerbeabfallverordnung soll jeder Abfallverursacher eine Getrennthaltung vor Ort gewährleisten und Stoffströme weitgehend recyclingfähig an die Entsorger übergeben“, sagt der Geschäftsführer. Doch es habe nie Vollzug gegeben. So seien Recycling-Möglichkeiten verhindert worden, werde zu oft weiter energetisch verwertet. „Aber Verbrennen ist nur die zweitbeste Lösung“, sagt der Agrarwissenschaftler.

Noch etwas treibt die Branche um: Im Kunststoffbereich sind Recyclate wegen der verschiedenen Prozesse teurer als das aus Rohöl gefertigte Granulat. „Wir hatten gefordert, dass ein Teileinsatz von Recyclat vorgeschrieben wird, damit die Sache überhaupt ins Laufen kommt“, sagt Kleinschmidt. Dann sorge wachsende Nachfrage für einen Sog, so die unerfüllte Hoffnung. „Unsere Branche erfährt nicht die nötige Würdigung“, ärgert sich der Geschäftsführer. „Dabei hätte man das Thema gerade in der CO2-Diskussion aufgreifen können.“

Rauchende Müllautos

Nehlsen Sachsen beschäftigt am Sitz in Gröbern sowie in Dresden, Radebeul, Radeberg, Kamenz rund 300 Menschen. In Sachen Corona habe das Unternehmen viel Glück gehabt. Die wenigen Erkrankungen seien eingeschleppt worden, sagt der Chef. Aber die schlechten Impfquoten schwebten wie ein Damoklesschwert über Sachsen und der Belegschaft. „Wir haben nicht nur keine Kurzarbeit, sondern das Problem, gute Leute zu finden“, so Kleinschmidt. Es fehlten etwa 20 Fahrer für die rund 100 Fahrzeuge, „obwohl sie im Vergleich mit anderen Bereichen bei uns geregelte Arbeitszeiten haben und im eigenen Bett schlafen können“. Kleinschmidt rechtfertigt „gewissen Nachholbedarf beim Lohn“ gegenüber der Bremer Zentrale damit, wettbewerbsfähig sein zu müssen. Derzeit liefen Haustarifverhandlungen.

Noch heißer ist das Thema Lithium-Ionen-Batterien. Immer mal fährt ein rauchendes Müllauto auf den Hof. „Wenn Batterien durch den Pressvorgang beschädigt werden, entwickelt sich chemisch Hitze und irgendwann ein Brand“, sagt der Chef. Im April sei so die komplette Anlieferungshalle abgebrannt. Schaden: 1,3 Millionen Euro. Alles, was solche Batterien enthalte, z.B. Handys und Spielsachen, müsse an Handel, Schadstoffmobile oder Wertstoffhöfe zurückgegeben werden, appelliert der Chef. In der Branche werden bereits Forderungen nach einem Pfandsystem laut. Anfang 2022 soll die Halle bei Nehlsen wieder stehen und der Betrieb dort voll laufen.

Kleinschmidt hofft, dass die Wirtschaftsforscher recht behalten und gestresste Lieferketten sowie Preisexplosion bei Lkw-Ersatzteilen, Diesel und Baustoffen temporär sind. Sein Betrieb setze auf Wasserstoffantrieb. Er wünsche sich „in laufenden Verträgen von kommunalen Auftraggebern mehr Offenheit für diese umweltfreundliche aber teurere Technologie“.

Neues Projekt in der Lausitz

Laut Kleinschmidt machen Kommunal- und Gewerbegeschäft „etwa fifty-fifty“ aus. Ein Schwerpunkt seien Sonderabfälle, wofür es zu Füßen jener Pavillons ein Zwischenlager für Farben, Lacke, Schmiermittel, Haushaltschemikalien gebe. „Wir holen auch Schlämme ab, mit Schwermetall verunreinigte Böden und mit Asbest verseuchtes Baumaterial“, ergänzt der Chef. Das werde zur Verwertung vorbereitet.

„Wir wollen auch neue Geschäftsfelder angehen, nicht zuletzt in Recycling“, sagt der Manager. Das sei die große Chance, nachhaltig in Stoffkreisläufe zu investieren und den Wirkungskreis der Firma auszubauen. „Ein völlig neues Projekt“ sei in der Lausitz angesiedelt, „wo wir am Flughafen Rothenburg Karbonfaserstoffe aufbereiten wollen“. Dazu sei Nehlsen mit Forschungseinrichtungen im Gespräch. Das Material lieferten ausgediente Windräder, Auto- und Waggonteile, Boote, Skateboards. „Verbundfasern werden nicht nur in der Luft- und Raumfahrt Aluminium ersetzen, sondern in immer mehr Branchen Einzug halten, wo es um geringes Gewicht geht“, ist der Firmenchef überzeugt. Bis zur Praxisreife werde es aber noch dauern.

Das Thema bewegt immer mehr Firmen. So verschmilzt die Novo-Tech GmbH in Aschersleben (Sachsen-Anhalt) testweise Sägemehl mit 20 Prozent Granulat aus Rotorblättern von Windrädern. Resultat: wetterfeste Bretter für Terrassen. „Das ist nicht unser Ansatz“, sagt Kleinschmidt. „Wir wollen Faserstoffe und Trägersubstanz so aufbereiten, dass man mit den Komponenten wieder etwas anfangen kann.“ Er „hoffe, dass wir das in spätestens fünf Jahren hinbekommen haben“, so der 62-Jährige. „Denn irgendwann bin ich nicht mehr da.“

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