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Die sieben Corona-Sorgen der Dresdner Wirtschaftsforscher

16.11.2020
Professor Ragnitz wundert sich, dass über langfristige Corona-Folgen kaum gesprochen wird. Er meint nicht den Tourismus.

Von Georg Moeritz

Dresden. Um mindestens fünf Prozent schrumpft die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr. Manche Betriebe werden pleite gehen, manche Gastwirte oder Kleinunternehmer auch ohne Insolvenzverfahren still die Türen abschließen. Dennoch haben Wirtschaftsforscher Prognosen veröffentlicht, nach denen ein Niveau wie vor der Krise bereits Ende nächsten oder Anfang übernächsten Jahres erreicht sein könnte.

Der Dresdner Konjunkturforscher Professor Joachim Ragnitz allerdings findet es „erstaunlich“, dass kaum über die langfristigen Folgen der Corona-Krise diskutiert wird. In einem Aufsatz für den Ifo-Schnelldienst hat er seine Erwartungen aufgeschrieben. Ragnitz ist stellvertretender Leiter der Dresdner Niederlassung des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung. Er glaubt, dass sich der Tourismus schnell erholen kann, aber manche Branchen nicht.

Sorge 1: Weggefallene Arbeitsplätze kommen nicht alle wieder

Rund 800.000 Arbeitsplätze in Deutschland sind wegen der Corona-Pandemie erst einmal weggefallen. Noch im Jahr 2022 wird die Arbeitslosenquote voraussichtlich um einen halben Prozentpunkt höher liegen als vor der Krise. Zwar klagen manche Branchen längst über Fachkräftemangel. Doch Ragnitz befürchtet, dass nicht alle Arbeitslosen nach der Krise wieder Beschäftigung finden, denn Wirtschaftsstrukturen und Anforderungen ändern sich. Digitalisierung schafft auch neue Stellen, aber damit kommt nicht jeder zurecht. Ausfälle in der Bildung haben auch Langfrist-Folgen.

Sorge 2: Unternehmer wollen sparen und investieren deshalb weniger

Schon im vorigen Jahr haben viele Unternehmer sich mit Investitionen in ihre Ausrüstung zurückgehalten. Wenn nun die Einnahmen schrumpfen und sich Unsicherheit über das künftige Geschäft breitmacht, verzichten Betriebe auf Investitionen, sodass die Nachfrage insgesamt erneut sinken könnte. Damit bleiben auch Modernisierungen aus, die Unternehmen besser und produktiver machen würden.

Sorge 3: Forschung könnte vernachlässigt werden

Ragnitz kennt Umfragen, nach denen Unternehmer ihre Aktivitäten in Forschung und Entwicklung verringern werden – nicht alle, aber mit Auswirkungen auf den technischen Fortschritt. Der Bund hat zwar bereits beschlossen, die Forschung in ausgewählten Zukunftstechnologien zu beschleunigen und Innovationen steuerlich zu belohnen, doch staatliche Mittel werden künftig auch knapper.

Sorge 4: Homeoffice hat nicht nur Vorteile

Überflüssige Dienstreisen werden durch Telefonate und Videokonferenzen ersetzt, das findet Ragnitz erst einmal sinnvoll. Allerdings ist die Produktivität in vielen Berufen auch vom „sozialen Austausch“ mit Kollegen und Lieferanten abhängig. Der dürfte auch dadurch leiden, dass viele Büroangestellte und Forscher sich ins Homeoffice zurückziehen. Arbeitnehmer haben zwar in Befragungen mehrheitlich angegeben, zu Hause produktiver zu sein, Unternehmer aber zweifeln das teilweise an.

Sorge 5: Kunden der Einzelhändler gewöhnen sich ans Internet

Die Folgen der Corona-Krise treffen jede Branche anders. Tourismus und Gastronomie können sich nach Ragnitz’ Einschätzung erholen, wenn die Einschränkungen vorbei sind. Er rechnet auch damit, dass neue Gaststätten öffnen. Mancher Einzelhändler aber hat zu spüren bekommen, dass nach dem Ende des ersten Lockdowns die Kunden nicht mehr so gerne einkauften. Ragnitz hält „fortbestehende Verhaltensänderungen“ für möglich: Bestellen am Bildschirm statt Anfassen im Laden.

Sorge 6: Industriebetriebe ebenfalls in Gefahr – gerade in ärmeren Gegenden

Viele Industriebetriebe leiden bis heute darunter, dass Lieferanten oder Kunden zeitweise nicht erreichbar waren. Die Nachfrage nach Autos und Maschinen ist „stark eingebrochen“. Der Staat hilft zwar mit Krediten und Bürgschaften, auch Sachsen bietet sie an. Doch Betriebe mit harter Konkurrenz sind gefährdet, gerade ältere Inhaber dürften aufgeben. Sie gibt es vor allem in ohnehin ärmeren Gegenden – sodass regionale Unterschiede wieder wachsen.

Sorge 7: Corona-Hilfen vom Staat sollen nicht die Falschen stützen

In den nächsten Jahren könnten sich mehrere Krisen überlagern. Zu Corona kommt der Öko-Umbau von Verkehrs- und Energiewirtschaft, die internationale Arbeitsteilung ist gebremst. Der Staat muss aufpassen, mit seinen Corona-Hilfen überholte Geschäftsmodelle nicht länger zu stützen.

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