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Die Sonne als Arbeitgeberin

31.07.2020
Gunter Erfurt, Chef der Meyer Burger AG, will die Solarproduktion zurückholen.

Von Nora Miethke


Vom Balkon aus sind die großen Windräder im Erzgebirge zu sehen. Ihnen will Gunter Erfurt Konkurrenz machen. Der neue Vorstandschef der Meyer Burger Technologies AG hat für Schlagzeilen gesorgt, als er vor einigen Monaten in einem Interview mit dem Sender Radio Rur die Idee äußerte, im Hambacher Tagebau einen riesigen schwimmenden Solarpark mit einer Leistung von 10 Gigawatt bauen zu können und das mit Solarmodulen aus der eigenen Produktion.

Er hat nur positive Reaktionen bekommen, vor allem darauf, dass überhaupt jemand eine Vision äußert. "Groß denken gehört zum Geschäft und der Hambacher Tagebau ist groß genug, um Hunger zu erzeugen", sagt der Solarexperte. Er sitzt in seinem großen, eher sparsam eingerichteten Büro am Produktionsstandort Hohenstein-Ernstthal. Es gehörte einst den Chefs der Roth & Rau AG, bis der Hersteller von Maschinen für die Solarindustrie 2011 an die Schweizer Unternehmensgruppe Meyer Burger verkauft wurde. Dass die Wände so nackt sind und persönliche Gegenstände fehlen, hängt mit den Umständen zusammen. Der frühere Entwicklungschef wurde mitten im Corona-Shutdown zum 1. April als Vorstandsvorsitzender berufen. Zuvor arbeitete er mehr im Flieger rund um den Globus als auf festem Boden. Jetzt kämpft er vom Homeoffice aus dafür, dass seine Idee umgesetzt wird. "Der ganze Evaluierungsprozess des Projekts läuft im Homeoffice. Ich bin selbst erstaunt, wie gut das funktioniert. Einen Großteil der Gesprächspartner habe ich noch nie live gesehen", so der 47-Jährige.

Meyer Burger prüft derzeit Pläne für eine eigene groß skalierte Zell- und Modulproduktion in Deutschland. Um Zeit und Geld zu sparen, sollen schon bestehende Produktionsstandorte übernommen werden. Mittelfristig könnten bis zu 3.500 direkte Arbeitsplätze entstehen. Welche das sind, wird nicht verraten, nur dass sie im Osten liegen. Grund für diesen fundamentalen Richtungswechsel ist die Erkenntnis, dass Meyer Burger aus ihrer Technologieführerschaft in den letzten Jahren keinen Gewinn erzielen konnte. Künftig sollen die Maschinen für die neue Technologie Heterojunction/Smart Wire nur zum eigenen Gebrauch hergestellt werden.

100 Millionen Euro hat das Unternehmen in die Entwicklung der nächsten Technologiegeneration investiert, unterstützt mit Fördergeldern vom Bund. "Sie ist vergleichbar mit dem Übergang von 4G auf 5G in der mobilen Kommunikation", sagt Erfurt. Auf weniger Fläche lässt sich mehr Strom erzeugen und das zu niedrigeren Produktionskosten. Die Energieerträge der Module liegen bis zu 20 Prozent höher als die herkömmlichen Solarmodule. Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme bescheinigt Meyer Burger in einem Gutachten einen Technologievorsprung von drei Jahren. "Wir haben eine tolle Entwicklungsroadmap, in der wir die Kennziffern noch deutlich verbessern können", betont Erfurt.

Er ist seit seinem Physik-Studium an der Bergakademie Freiberg von der Solarenergie elektrisiert. Es sei allgemeiner Konsens in der Wissenschaft und Stromwirtschaft, dass schon aus Kostengründen den erneuerbaren Energien die Zukunft gehört. Sonne ist günstiger als Wind und auch mehr akzeptiert in der Bevölkerung, schwärmt der Manager. Und das Marktumfeld ist gerade herausragend. In Deutschland sollen im Jahr 2030 fast zwei Drittel des Stroms aus grünen Quellen kommen. Die Bundesregierung hat dafür ein Photovoltaik-Ausbauziel von 98 Gigawatt beschlossen. Europa soll bis 2050 klimaneutral werden.

Dennoch fühlt sich Erfurt wie ein Bittsteller, wenn er in der Politik und Bankenwelt Mitstreiter für dieses Ansiedlungsprojekt sucht, das die letzte Chance für Europa ist, eine eigene Solarindustrie zu haben und damit nicht komplett abhängig zu sein von chinesischen Solarmodulen. Doch die Resonanz ist bislang zurückhaltend - auch in Sachsen. "Landesregierung, Wirtschaftsförderung und Sächsische Aufbaubank - alle kennen das Projekt und unterstützen es. Aber wir lernen, dass die Politik eigentlich nichts tun kann. Das macht mich schon unzufrieden", sagt er und klingt etwas enttäuscht. Was fehlt, sei eine europäische Industriepolitik, die Anreize schafft für die wirtschaftliche Verwertung von Technologien, die oft das Ergebnis teurer Förderprogramme sind. Er wolle kein geschenktes Geld vom Staat, sondern investoren- freundliche Regeln, eine C02-Steuer auf umweltschädliche Transporte oder Ausschreibungen, die nicht den geringsten Preis als Kriterium ansetzen, sondern eine bestimmte Leistung vorschreiben. "Lass uns einen technologischen Wettbewerb machen", ruft er aus.

Dem gebürtigen Karl-Marx-Städter ist klar, dass er vor allem bei Investoren und Banken viel Vertrauen zurückgewinnen muss. Viele haben sich beim Zusammenbruch der Branche durch das Überangebot billiger Solarzellen aus China gehörig die Finger verbrannt. Diese Enttäuschung, gepaart mit veraltetem Wissen und Vorurteilen, mache es so schwer, dass die Vision vom schwimmenden Solarpark made in Germany wahr wird.

Doch Erfurt hat einen intrinsischen Antrieb. "Ich glaube total an diese Branche und bin überzeugt, dass wir das lösen werden." Wer könne schon von sich sagen, dass er die Sonne als Arbeitgeberin habe. Am 10. Juli hat der Verwaltungsrat die Aktionäre und Aktionärinnen zu einer außerordentlichen Generalversammlung geladen. Thema: Eine Kapitalerhöhung, die umgerechnet 155 Millionen Euro für den Aufbau der Produktionskapazitäten für die eigene Modulfertigung bringen soll. Diese Hausaufgabe muss Erfurt lösen, um auch bei den Banken wieder Vertrauen aufzubauen.

Hinter dem Verfahren Heterojunction/Smart Wire verbergen sich zwei Verfahren, die kombiniert werden. Bei Heterojunction werden die Vorteile kristalliner Silizium-Solarzellen mit denen von Dünnschichttechnologien kombiniert, so dass Solarzellen herauskommen, die nach Angaben von Meyer Burger Rekordwerte bei der Umwandlung von Sonnenlicht in elektrische Energie erzielen. Die Energieerträge sind bis zu 20 Prozent höher.

Smartwire heißt das Verfahren, mit dem aus der Solarzelle ein Solarmodul wird. Es kommt nach eigenen Angaben mit einem deutlich geringeren Energieverbrauch und weniger Prozessschritten aus als übliche Produktionsverfahren. Beide Verfahren zusammen schaffen, dass auf weniger Fläche mehr Strom erzeugt wird und das zu niedrigeren Produktionskosten. Meyer Burger hat rund 100 Millionen Euro in die Entwicklung investiert.

Dieser Artikel ist in der Juli-Ausgabe von Wirtschaft in Sachsen erschienen.

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