hahn.jpg

Die Welt ist sein Feld

09.01.2020
Carl Hahn hat Volkswagen nach Zwickau geholt. Heute mahnt er zu Veränderungen im Bildungssystem. Deutschland drohe den Anschluss zu verlieren.

Die sicherste Form, die Zukunft vorherzusagen, ist, sie zu gestalten. Professor Carl Hahn hat viel gestaltet - und er könnte mit seinen nunmehr 93 Jahren den verdienten Ruhestand genießen. Stattdessen trifft man ihn, in Sakko und Krawatte, noch immer tagtäglich im Büro. Den Weg säumen Vitrinen, gefüllt mit Fahrzeugstudien, Preisen und Gastgeschenken, mit all den Erinnerungen, die in einem über siebzigjährigen Managerleben zusammenkommen.

Carl Hahn hat den VW-Käfer in den 1960er Jahren in den USA zum Verkaufserfolg gemacht. Er wurde dafür frenetisch gefeiert und dann gescholten, als er gegen den Rat der Datenverarbeiter das Wolfsburger Ersatzteilmanagement auf Elektronik umstellen ließ. Er war seiner Zeit und vor allem der Technik voraus. Hahn verließ den Konzern und ging zu Continental, machte den Reifenhersteller zu einem wichtigen Automobilzulieferer, bis er 1982 wieder nach Wolfsburg geholt wurde, diesmal als Vorstandsvorsitzender. 

Und wieder wurde der Stratege kritisch beäugt für seine Strategie der Expansion nach China, den Zukauf der Marken Seat und Škoda sowie die Neuausrichtung von Audi zur Premiummarke und die konsequente "Osterweiterung" des Unternehmens nach dem Mauerfall 1989. Aber Hahn machte Volkswagen so zu einem Weltkonzern.

Geboren wurde Carl Hahn in Chemnitz. Er ging in Zschopau in die Grundschule und wollte in Chemnitz sein Abitur machen, als der Krieg rief. Mit 17 Jahren wurde er Luftwaffenhelfer, bekam später von der Reichsregierung ein Abitur geschenkt, das aber von niemandem anerkannt wurde. Also ging er nach Düsseldorf und legte in zehn Fächern seine externe Hochschulreife ab. 

Durch einen jüdischen Freund seines Vaters, der in Montevideo lebte, erhielt er Zugang zu den Universitäten in Zürich, Bristol, Turin und Bern. Schließlich studierte er in Perugia Kunstgeschichte und Italienisch. "Ich war in Europa zuhause", sagt Hahn. Ein Zuhause mit manchen Entbehrungen. "Aber das Hungern machte uns, die wir den Krieg überlebt hatten, nichts aus", so Hahn heute. Hahn ist Weltbürger - aus Überzeugung und aus Neugier. Das ist es, was ihn antreibt.

Es ist die Strategie von Carl Hahn: Lernen, lebenslang und immer von den Besten. Eine Strategie, die er sich auch für die deutschen Kindergärten und Schulen wünschte. Doch denen stellt er ernüchternde Zeugnisse aus. "Die Welt um uns herum verändert sich rasant und wir animieren die Kinder immer nur zum Spielen. Dabei ist das Gehirn gerade in den ersten sechs Lebensjahren und bis zum Erreichen des Sollgewichts extrem aufnahmewillig, saugt alle Informationen wie ein Schwamm auf", so Hahn. 

Doch Deutschland verschwendet diese frühen Jahre mit der Ausrede "das Leben sei noch ernst genug", warnt Hahn eindringlich. Und er weiß, wovon er spricht. Er ist oft in China unterwegs, früher für den Autobauer, gilt als einer der wichtigsten Mitbegründer beim Aufbau der chinesischen Automobilindustrie.

Mehrere Kindergärten und Schulen hat er dort besucht, im Unterschied zu deutschen Bildungspolitikern. Denen hat Professor Hahn schon Briefe geschrieben und auf einen Informationsaustausch gedrängt. "In einer Zeit, in der Fabriken automatisiert arbeiten und wir immer weniger Menschen brauchen, benötigen wir Menschen, die die Automatisierung vorantreiben können und die Digitalisierung beherrschen", so Hahn. 

Die Ansprüche an geistiges Können werden immer größer und komplexer. Aber in Deutschland gebe es - sehr zum Ärger des Unternehmers - keine strategische Diskussion darüber. Stattdessen werde über Stundenausfall debattiert. Dabei seien die Folgen unübersehbar. "Wie wollen wir unsere Urteilsfähigkeit erhalten, wenn wir gar nicht mehr urteilsfähig sind?", fragt sich Hahn. Dass die OECD Deutschland im Bildungstest Pisa einen Platz im Mittelfeld bescheinigt, besorgt Hahn mehr, als dass es ihn beruhigt. "Unsere Ansprüche sind Oberklasse und nicht Mittelfeld."

Klasse 5 zu spät für Fremdsprache

Carl Hahn will nicht nur kritisieren, er hat auch Lösungsvorschläge. Für ihn beginnt die Revolution des Bildungssystems im Kindergarten. In Frankreich beispielsweise gibt es seit diesem Schuljahr eine Schulpflicht ab dem dritten Lebensjahr. Das wäre für Deutschland genauso eine Option wie Fremdsprachen in den Kindertagesstätten.

Carl Hahn hat Erfahrungen damit. In einem Wolfsburger Kindergarten startete auf seine Initiative vor über 12 Jahren ein Kindergartenprojekt mit englischem Personal. Ohne jeden Sprachunterricht lernen die Dreijährigen Lesen, Schreiben und Rechnen. Nach wenigen Wochen beginnen sie mehr und mehr Englisch zu sprechen. Im Alter von fünf Jahren wurde dies mit Chinesisch wiederholt. Die Kinder erfahren alles spielerisch, immer in Bewegung und mit viel Spaß.

Hahn ist davon fasziniert, wie schnell und leicht sich kleinen Kindern neue Sprachen erschließen. Seine vier Kinder sind zweisprachig aufgewachsen, da seine 2013 verstorbene Frau Marisa aus den USA stammte. Heute sprechen sie zwischen sechs und sieben Sprachen.

Sprache sei der Anfang von allem. Sie diene der Kommunikation und sei unverzichtbar, wenn man andere Kulturen und Werte verstehen wolle. Wer weiß das besser als Carl Hahn, der den Automobilbau nach China brachte. "Wir haben den Technologietransfer in zwei Jahrzehnten geschafft", so Hahn. Doch das deutsche Schulsystem wartet erst einmal ab und beginnt in der fünften Klasse verstärkt mit dem Sprachunterricht - genau dann, wenn das menschliche Gehirn so weit entwickelt ist, dass es den Neuerwerb von Sprache kaum noch unterstützt. "Das ist eine unvorstellbare Verschwendung von Geld und Zeit und damit ein unverzeihlicher Fehler des Bildungssystems", schimpft der Manager.

Das Bildungsdesaster zieht sich weiter bis an die Universitäten. Als Beleg führt Carl Hahn das Shanghai-Ranking an, bei dem es unter die 100 weltbesten Universitäten gerade einmal zwei Münchner und eine Heidelberger Hochschule geschafft haben. Die Politik ignoriere das Ranking weitestgehend. Doch anders sei es mit den Lehrenden auf der Suche nach neuen Professuren und erst recht den Studierenden, die von den Besten lernen wollen. Sie zieht es ins Ausland. Eine fatale Kettenreaktion, die nach Ansicht Hahns mit von staatlichen Komitees ernannten und bürokratisch gesteuerten Elite-Universitäten nur schwerlich zu stoppen sein werde.

Der ehemalige Automanager sorgt sich um den Wirtschafts- und Bildungsstandort Deutschland. "Als ich geboren wurde, machten die Europäer etwa ein Viertel der Weltbevölkerung aus, heute sind wir gerade noch acht Prozent. Wir müssen schon durch Qualität herausragen, sonst werden wir zu Handlangern degradiert", sagt Hahn. Er rät der Politik, es den erfolgreichen Wirtschaftsunternehmen gleichzutun und von den Besten zu lernen. Die Bildungssysteme in England oder China könnten wertvolle Impulse liefern, auch bei der frühen Auswahl von Eliten.

Hahn ist Gegner des längeren gemeinsamen Lernens und sagt über die Inklusion, sie sei "eines der großen Unglücke, das dem deutschen Schulsystem widerfahren ist". Doch Hahn ist Realist. Würden schon im kommenden Jahr wichtige Reformen angeschoben, bundesweit, über alle Föderalismusgrenzen hinweg, brauchte es zwei Jahrzehnte, um vorzeigbare Ergebnisse in der Praxis zu haben. In der Zwischenzeit müsse man durch Fleiß, durch Mehrarbeit und späteren Pensionseintritt versuchen, die Bildungslücke aufgrund der demografischen Entwicklung zu schließen. 

Dann kommt der Unternehmer Hahn durch, wenn er vorrechnet, dass seine Vision eines neuen Schul- und Studiensystems effizienter sein wird als das bestehende. Sicher, der Umbau werde Geld kosten. Aber auf lange Sicht werde man sparen, weil Kinder schneller mehr lernen. "Wir müssen die Kinder frühestmöglich aus der Schule bekommen. Dass deutsche Kinder zu den ältesten Abiturienten weltweit zählen, ist die traurige und teure Realität", so Hahn.

Ausbildung in Demokratie

In den 18 Kindergärten und 16 Schulen in Sachsen, die den Namen von Carl Hahn tragen, lernen insgesamt 4.300 Schüler. In jeder Schule gibt es ein Orchester, Grundschüler lernen außer Englisch auch Yoga, ohnehin hat Sport eine große Bedeutung im Konzept der Saxony International School Carl Hahn. Der Namensgeber treibt, wann immer es seine Zeit erlaubt, täglich Sport. Er sei eine wichtige Voraussetzung für die geistige Wachheit.

Jüngstes Mitglied im Schulverbund ist die Grundschule im erzgebirgischen Niederwürschnitz. Sie erhält staatliche Unterstützung, lebt aber maßgeblich von den Schulgebühren. Genau das sei aber das Problem. "Eine gute Schulausbildung bekommen heute in Deutschland nur Leute mit Geld. Das aber ist das Dümmste, was man tun kann. Wir brauchen eine Demokratie mit gut ausgebildeten Menschen", sagt Carl Hahn. Er sieht die Schulen und Kindergärten, die seinen Namen tragen, als Modellprojekte, die Anstoß geben sollen und angesichts der Lernergebnisse den Beweis liefern, dass es sich lohne, bei der Bildung umzusteuern. Und das möglichst schnell, denn "Zeit haben wir gar keine mehr".

Wenn sich Carl Hahn an seine Schulzeit erinnert, fällt ihm kein Fach ein, das er nicht mochte. "Ich war immer neugierig, und diese Neugier habe ich mir erhalten, bis heute." Dann holt Hahn einen Zettel aus seiner Tasche. Es ist der Kassenbeleg für zwei Pizzen. Es war erst seine zweite Bestellung überhaupt. Hahn wunderte und freute sich zugleich, als ihn der Pizzaverkäufer am Telefon mit Namen begrüßte. "Die wussten, wer ich war und welche Pizza ich zuletzt bestellt hatte", sagt Hahn. Das ist ein toller Service, den Kunden in ihrem Autohaus oder anderswo erleben sollten. Datenschutzgrundverordnung hin oder her, Hahn regt an, dass gute Ideen immer geprüft werden sollten und jedem Unternehmer helfen können. "Persönliche Ansprache und Kundenorientierung schaffen Vertrauen und das ist wichtig", so der Unternehmer. Genauso wichtig wie die Intelligenz einer Gesellschaft. Sie ist, davon ist Hahn überzeugt, die Basis einer jeden funktionierenden Demokratie.

 

Von Ines Mallek-Klein

Foto: © Christian Juppe

Weitere Artikel

„Sachsen gründet – Start-up 2020“: scanacs GmbH gewinnt

„Sachsen gründet – Start-up 2020“: scanacs GmbH gewinnt

Jung, sächsisch, innovativ – die scanacs GmbH ist Gewinner des diesjährigen Preises „Sachsen gründet – Start-up 2020“. Die Dresdner konnten das Publikum in der Online-Abstimmung am besten mit ihrer Geschäftsidee überzeugen und sich nun über 60.000 Euro Medialeistung freuen.

Dresdner kämpfen um digitale Eigenständigkeit

Dresdner kämpfen um digitale Eigenständigkeit

Cloud&Heat zeigt deutschen und französischen Ministern, wie Daten sicher in der Cloud gespeichert werden können

So sieht der neue Betrieb in der Weinau aus

So sieht der neue Betrieb in der Weinau aus

Die Arno Hentschel GmbH aus Oderwitz hält trotz Corona an den Neubau-Plänen in Zittau fest. Jetzt gibt's die erste Außenansicht als Grafik.

Rekordproduktion im Stahlwerk

Rekordproduktion im Stahlwerk

Trotz Corona läuft es bei Feralpi. Aber nicht von allein.