zeit.jpg

„Die Zeiten der Stechuhr sind vorbei“

16.05.2019
Der EuGH verpflichtet Arbeitgeber zur exakten Erfassung der Arbeitszeiten. Annelie Buntenbach erklärt, warum sie das gut findet.

Frau Buntenbach, was bedeutet dieses EuGH-Urteil für die Arbeitnehmer und Arbeitgeber in Deutschland?

Das Gericht hat der Flatrate-Arbeit und Dauerreichbarkeit damit einen Riegel vorgeschoben. Das ist eine richtig gute Nachricht für die Arbeitnehmer in Deutschland, insbesondere in den Branchen, in denen bislang ohne Arbeitszeiterfassung und orts- und zeitflexibel gearbeitet wird. Flexibles Arbeiten ist ja heute eher die Regel, nicht die Ausnahme. Der Gesetzgeber muss eine entsprechende Verpflichtung einführen und die Arbeitgeber müssen sich jetzt bewegen.

In modernen Dienstleistungsberufen verschwimmen  die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben zunehmend. Berufliche Mails werden zum Beispiel auch nach Feierabend zuhause gelesen. Lässt sich Arbeitszeit überhaupt noch in allen Berufen exakt messen?

Gerade mit der modernen Technik – Smartphones und Apps – lässt sich das natürlich ziemlich einfach und mit ein paar Klicks umsetzen. Die Zeiten der Stechuhr am Werkstor sind in vielen Branchen vorbei. Wichtig ist natürlich, dass dabei hohe Datenschutzstandards eingehalten werden. Es geht nicht darum, die Arbeitnehmer zu überwachen oder in ihrer Flexibilität einzuschränken, ganz im Gegenteil.

Können Arbeitnehmer durch eine präzise Erfassung ihrer Arbeitszeit auf einen besseren Überstundenausgleich oder regelgetreue Ruhezeiten hoffen?

Genau das muss jetzt oberste Priorität haben. Gerade da, wo Arbeitgeber eine Regelung zur Arbeitszeiterfassung nicht für notwendig halten, die Interessensvertretung fehlt oder sie eine entsprechende Vereinbarung nicht durchsetzen kann, bleiben die Rechte der Beschäftigten viel zu oft auf der Strecke. Dadurch entstehen in Deutschland massenhaft unbezahlte Überstunden und es wird oft erwartet, dass die Arbeitnehmer auch außerhalb ihrer Arbeitszeit erreichbar sind. Das ist nicht nur Lohn- und Zeitdiebstahl, sondern gefährdet vor allem auch die Gesundheit der Arbeitnehmer. Die haben aber ein Recht auf sichere Arbeit, die nicht krank macht: Also auch auf Abschalten und Feierabend.

Reichen die hiesigen Gesetze aus, um eine exakte Arbeitszeiterfassung zu gewährleisten oder muss die Bundesregierung noch etwas nachbessern?

Die bisherige Gesetzeslage ist in Deutschland nicht ausreichend und muss entsprechend des Urteils geändert werden. Bislang gibt es nur die Pflicht, die über die acht Stunden am Tag hinausgehende Arbeitszeit zu erfassen. Das ist aber komplett unpraktikabel – wie will man denn die neunte Stunde Arbeit erfassen, wenn man davor nicht dokumentiert hat? Da muss die Bundesregierung jetzt ran.

 

Von Wolfgang Mulke 

Foto: ©  dpa

Weitere Artikel

Das Teelicht 2.0 kommt aus Sachsen

Das Teelicht 2.0 kommt aus Sachsen

Das ist "Genial Sächsisch": Eine Kerze aus Frittenfett, die aber zum Glück nicht so riecht – und auch noch gut für die Umwelt ist.

Leipzig
Die erste Turbo-Tankstelle steht in Zittau

Die erste Turbo-Tankstelle steht in Zittau

Elektroautos können nun am Haus I der Hochschule Strom zapfen. Und das schneller als anderswo in der Region - theoretisch.

Landkreis Görlitz
Sachsen will mehr Fachkräfte gewinnen

Sachsen will mehr Fachkräfte gewinnen

Manchen Betrieben gehen jetzt schon die Bewerber aus. Politik und Wirtschaft setzen auf „gute Arbeit“ – und auf Ausländer.

Diese neue Firma will nach Hagenwerder

Diese neue Firma will nach Hagenwerder

Die Greenlace GmbH aus Heidelberg will hier Feuchttücher herstellen. Nun hat sie erstmal Grundstücke sicher.

Landkreis Görlitz