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Doppelstöcker erobert die Schweiz

09.07.2020
Endlich fährt der neue Schnellzug aus Görlitz und Villeneuve verlässlich. Und nun zeigt sich die ganze Ingenieurkunst.

Von Sebastian Beutler

Für Schweizer Verhältnisse kam diese Überschrift in der Sonntagszeitung der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) einem Triumph gleich: "Durchbruch für den Pannenzug".

Was mit der nicht ganz so schmeichelhaften Bezeichnung gemeint war: Der neue Doppelstock-Schnellzug von Bombardier fährt seit Mitte Juni auf der Paradestrecke der Schweiz von St. Gallen nach Genf. Seit Anfang dieses Monats erhöht die SBB, wie eine Sprecherin der SZ bestätigt,  den Einsatz dieser Züge. Eine gute Nachricht für Bombardier und den Görlitzer Waggonbau - rechtzeitig vor der Entscheidung der EU-Kommission über einen Kauf durch den französischen Bahnhersteller Alstom.

Der FV-Dosto, wie der Doppelstock-Zug im Bahn-Fachjargon genannt wird, war schon immer für diese Strecke gedacht. Sie verbindet nicht nur den Nordosten mit dem Südwesten des Landes, sondern eben auch weitere wichtige Städte wie Zürich und Bern. Doch die Probleme mit dem Zug verzögerten dessen Einsatz immer mehr.

Ursprünglich sollten alle Züge bis 2019 geliefert werden

Ursprünglich sollte Bombardier 59 neue Doppelstockzüge für den Fernverkehr mit 436 Wagen für 1,9 Milliarden Schweizer Franken bereits bis 2019 liefern. Die Züge sollten nicht nur in Görlitz gebaut werden, sondern hauptsächlich auch im Bombardier-Werk in Villeneuve in der Schweiz. Das war das Zugeständnis an die Schweizer, die bislang noch nie einen solch großen Zugtechnik-Auftrag ans Ausland abgegeben hatte. 

Auch Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig baute im Juni 2019 an den neuen Zügen für die Schweizer Bundesbahnen in Görlitz mit.
Auch Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig baute im Juni 2019 an den neuen Zügen für die Schweizer Bundesbahnen in Görlitz mit. © Foto: Kristin Schmidt / SMWA

Doch die Väter des Zuges saßen in Görlitz und Hennigsdorf. Der damalige Görlitzer Bombardier-Werksleiter Siegfried Deinege feierte das 160-jährige Bestehen des Waggonbaus groß: mit Rockkonzert auf dem Obermarkt und Star-Moderator Johannes B. Kerner im Werk. Damit wollte er auch die Schweizer beeindrucken, bog die Ausschreibung des Auftrages im Frühjahr 2010 doch auf die Zielgerade. 

Bereits am 15. Juni unterzeichneten die SBB und Bombardier den Vertrag. Deinege sah sich am Ziel, mit dem neuen Vorzeigeprodukt den Görlitzer Standort zu einem Komplettanbieter zu entwickeln: von der Konstruktion über den Rohbau bis zum Innenausbau und der Fertigstellung. Görlitz sollte damit ein großer Mitspieler auf dem Bahntechnik-Markt der Zukunft werden. Doch Bombardier vereitelte diese Strategie - bis heute.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer sah die schicken neuen Wagen beim 170-jährigen Bestehen des Görlitzer Waggonbaus im Frühjahr 2019.
Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer sah die schicken neuen Wagen beim 170-jährigen Bestehen des Görlitzer Waggonbaus im Frühjahr 2019. © Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

Eine ungewöhnliche Serie von Pleiten, Pech und Pannen

Doch auch bei der Entwicklung des Zuges folgten Pleiten, Pech und Pannen, die in dieser Folge selbst bei einer solch komplexen Technologie ungewöhnlich waren und den Ruf des Zuges und von Bombardier schwer belasteten. Noch Ende 2011 hatte Bombardier den Tell-Award für das bedeutendste Technologieprojekt der Schweiz erhalten.  Kurz darauf bekamen Behindertenverbände für ihre Forderungen Recht, Bombardier hatte Probleme beim Kastenbau, Betriebsbewilligungen kamen zu spät. Erst seit 2018 konnten die ersten Züge in der Schweiz getestet werden. Und schon wieder traten Schwierigkeiten auf.  Zwar lobten die Fahrgäste den Zug von Anfang an. Mittlerweile fuhren über 700.000 Menschen mit dem Zug. Doch wenn er nur langsam unterwegs ist, dann traten im Oberdeck unangenehme Schüttelbewegungen auf.

Das alles  ist jetzt so weit überwunden. Gegenüber der SZ bestätigte SBB-Sprecherin  Sabine Baumgartner, was sie bereits gegenüber der NZZ am Sonntag erklärte: "Die Zuverlässigkeit hat sich stetig verbessert und sich mittlerweile auf einem Niveau stabilisiert, das einen uneingeschränkten Einsatz des Zuges ermöglicht."

Ein Zug mit vielen Extras

Und tatsächlich zeigt der Doppelstock-Schnellzug, wozu die Ingenieure und Waggonbauer von Bombardier immer noch in der Lage sind. Der Görlitzer Betriebsratsvorsitzende René Straube schwärmte bei einer Gelegenheit gegenüber der SZ von dem Zug, der "wirklich vom Feinsten ist". So gibt es attraktive Familienwagen mit Spielecken, moderne Restaurants, rollstuhlgängige WCs, Sicherheit durch Videoüberwachung, im Oberdeck gibt es Vorrichtungen, die unangenehme Druckwellen verhindern, Steckdosen befinden sich an allen Sitzplätzen, für den Mobilfunkempfang gibt es Signalverstärkung. Mit bis zu 1.300 Sitzplätzen und 400 Meter Länge sind die Schnellzüge beeindruckend. Tempo 200 bei allen Kurvenlagen ist es nicht minder.

35 Züge hat Bombardier mittlerweile in die Schweiz geliefert. Zusammen mit drei Strafzügen wegen der Verzögerungen muss der Bahntechnik-Konzern noch 27 Züge liefern. Die SBB, so sagt ihre Sprecherin, geht von weiteren drei bis fünf Zügen bis Jahresende aus, die letzten erwartet die Schweizer Bahn Anfang 2022.

In der Schweizer Landschaft macht der neue Zug eine gute Figur

In der Schweizer Landschaft macht der neue Zug eine gute Figur © SBB

Blick in den neuen Speisewagen

Blick in den neuen Speisewagen © SBB

Details aus dem neuen Doppelstock-City-Express, den Bombardier in Görlitz und Villeneuve für die Schweiz produziert

Details aus dem neuen Doppelstock-City-Express, den Bombardier in Görlitz und Villeneuve für die Schweiz produziert © SBB

Halt im Bahnhof: Der neue Doppelstock-Schnellzug.

Halt im Bahnhof: Der neue Doppelstock-Schnellzug. © SBB

Option: Aufträge für die 2020er Jahre für den Waggonbau

Dann könnte dieser Auftrag aber erst recht lukrativ für die Eigentümer der Bombardier-Werke werden. Zu dem Vertrag mit Bombardier zählt auch eine Option. Wenn die SBB zufrieden ist, kann sie 100 Züge nachbestellen. Vor zehn Jahren verbanden Journalisten damit einen Umsatz von 3,9 bis 4,3 Milliarden Euro. 

Vom Tisch ist diese Option nicht, auch wenn die SBB jetzt erst einmal die 62 Züge auf ihren Strecken sehen will. SBB-Sprecherin Sabine Baumgartner sagt gegenüber der SZ: "Für die SBB steht die Fertigstellung der bestellten Züge im Vordergrund. Die Frage für Optionsbestellungen stellt sich aktuell nicht." Doch schon bei der Bestellung war klar, dass die Doppelstock-Schnellzüge die größte Flotte bei der SBB für die nächsten 40 Jahre bilden werden. 

Angesichts der Kraft und Ausdauer, die in die Entwicklung gesteckt wurde, gehen Kenner des Bahnmarktes davon aus, dass die SBB deswegen über kurz oder lang nachbestellen wird. Ein Pfund, das auch bei der geplanten Übernahme von Bombardier durch Alstom eine Rolle spielen wird.

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