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Drei Monate fürs Einarbeiten

29.07.2020
So hat der Dresdner Automatisierungsspezialist Fabmatics die Chef-Nachfolge geklärt.

Von Georg Moeritz

Der Arbeitsvertrag endet automatisch, wenn das 65. Lebensjahr erreicht ist - so stand das in einem der ersten Verträge von Heinz Martin Esser, damals noch beim Anlagenbau-Konzern Babcock. Doch das neue Rentenrecht gilt auch für angestellte Geschäftsführer. Also wird Esser sein Dresdner Büro mit den USA-Landschaftsfotos und den Visitenkarten-Kistchen noch nutzen, bis er 65 Jahre und neun Monate alt ist. Ende Oktober übergibt Esser seinen Posten als Geschäftsführer der Fabmatics GmbH an Andreas Purath. Der ist 50 und soll laut Pressemitteilung "in einem intensiven Einarbeitungsprozess" mit den Aufgaben vertraut gemacht werden. Das klingt anstrengend, aber Vorgänger und Nachfolger haben sich schon einige Male getroffen und freuen sich auf das gemeinsame Vierteljahr Übergangszeit. Drei Monate seien ja nur ein Wimpernschlag, findet der scheidende Chef.

Esser hat seinen Nachfolger nicht etwa selbst ausgesucht. Er kannte den promovierten Chemiker Purath nicht einmal. Dabei gehört Heinz Martin Esser zu den am besten vernetzten Managern in Sachsen - als Präsident des Branchenverbandes Silicon Saxony kennt er die Fabrikanten, Lieferanten und Software-Experten in und um Dresden, auch die Kunden der Tochterfirma in den USA. Doch die Besitzer von Fabmatics setzten einen Headhunter ans Telefon, um den besten Chef für ihre Firma zu finden. Die Besitzer, das sind zwei Banken und drei Gründungsgesellschafter der ehemaligen Firma HAP. Die schloss sich 2016 mit der Roth & Rau Ortner GmbH in Dresden zusammen, deren Geschäftsführer Esser war. Es entstand der Automatisierungsspezialist Fabmatics, der zum Beispiel Mikrochipfabriken mit Robotern ausstattet. 200 Beschäftigte arbeiten dort, sie setzten voriges Jahr 27 Millionen Euro um.

Erfahrung bei Infineon, Jenoptik und Von Ardenne

Purath sieht einen Vorteil darin, dass er von einem externen Personal-Experten für seine neue Aufgabe interessiert wurde: Das sei neutraler als ein Angebot unter Bekannten. Der künftige Geschäftsführer weiß nun, dass seine Arbeitgeber sich die Auswahl nicht leicht gemacht haben. Es gab mehrere Gespräche, die Entscheidung zog sich über fast ein halbes Jahr. Esser und der zweite Fabmatics-Geschäftsführer Roland Giesen durften mitsprechen. Inzwischen hat Purath schon an mehreren Meetings im Gesellschafterkreis teilgenommen, obwohl er erst zum August Geschäftsführer wird. Laut Esser war seine Meinung in den Meetings schon wertvoll für die Arbeit an einer neuen Vertriebsstrategie. Fabmatics soll nämlich von Puraths internationaler Erfahrung profitieren. In der Übergangszeit will Esser seinen Nachfolger auch den wichtigsten Kunden vorstellen.

Zumindest in der Mikrochipfabrik des Kunden Infineon Dresden muss Purath so manchem Experten nicht erst vorgestellt werden - auch wenn dort nach der Pleite der Tochterfirma Qimonda vor gut elf Jahren viele gehen mussten. Purath begann seine Laufbahn als Prozessingenieur bei Infineon in Dresden. Dort war er rund zehn Jahre, unter anderem als Projektleiter für den Technologietransfer nach Taiwan. Auslandserfahrung ist also vorhanden, auch in den USA. Der Chemiker wurde zum Vertriebsexperten. Nach einem laut Lebenslauf "kurzen Zwischenstopp" bei der Jenoptik Automatisierungstechnik GmbH als stellvertretender Vertriebsleiter für Photovoltaik/Elektronik kam Purath wieder zu einem Dresdner Unternehmen: Von Ardenne. Bei dem Maschinenbauunternehmen leitete er den Geschäftsbereich Electronics and Advanced Applications und war dort auch Geschäftsführer einer neuen Gruppe für Batterie-Lösungen.

Ob er nun bis zur Rente bei Fabmatics bleiben wird, ist Purath nach eigener Erinnerung gar nicht gefragt worden - obwohl er die Frage für legitim gehalten hätte. Er erlebte die Gesellschafter als sehr interessiert, dabei keineswegs diktatorisch, sondern auf Augenhöhe. Für sie wird er sich künftig um Vertrieb und Marketing kümmern, um Service, kaufmännische Verwaltung und Personalfragen. Sein Geschäftsführerkollege Roland Giesen bleibt zuständig für Projektmanagement, Engineering, Produktionsvorbereitung und Fertigung. Giesen war Anfang vorigen Jahres vom Chemnitzer Laserspezialisten 3D-Micromac zu Fabmatics gekommen.

Der scheidende Chef Esser will keinen harten Schnitt und hat angeboten, mit Rat und Tat zur Verfügung zu stehen. Ohnehin bleibt der Manager Sachsen erhalten: Zwar will Fabmatics den langjährigen Geschäftsführer im Oktober mit einem festlichen "Open-House"-Event im Kreise von Kunden und Partnern würdigen. Doch Esser bleibt noch ein halbes Jahr lang Präsident des Branchenverbandes Silicon Saxony e. V. Der feiert nächstes Jahr sein 20-jähriges Jubiläum. Über die Nachfolge dort möchte Esser noch nicht sprechen. Ob sich Purath auch im Verband engagiert, wird nach dessen Worten im Unternehmen beraten werden - aber mit einem Einsatz im gleichen Maß wie Esser rechnet er nicht.

So hat der Dresdner Automatisierungsspezialist Fabmatics die Chef-Nachfolge geklärt.

Die beiden Manager zeigen sich einig, wenn es um die Zukunft der Automatisierung geht: Der Trend geht weiter, und Fabmatics wird künftig auch Fabriken außerhalb der Mikrochipbranche beliefern. Bisher hat das Unternehmen nach eigenen Angaben eine starke Marktposition vor allem bei der Modernisierung von älteren Mikrochipfabriken, die mit 200-Millimeter-Scheiben arbeiten. Infineon in Dresden und Bosch in Reutlingen zählen zu den großen Kunden, für das neue Bosch-Werk in Dresden gab es laut Esser kleinere Aufträge. Vor zehn Jahren lieferte das Unternehmen den ersten reinraumtauglichen mobilen Roboter an Infineon aus, der Prozessmaschinen belädt. Innerhalb von drei Jahren wurden mehr als 120 dieser Systeme im Dresdner Werk von Infineon in Betrieb genommen.

Die Roboter haben Angestellte ersetzt. Doch Esser und Purath betonen, dass intelligente Systeme die Arbeitsbedingungen der Menschen verbessern - und sie machen weniger Fehler und keine Pausen. Neue Kunden für die Automatisierung in anderen Branchen zu finden, das gehört künftig zu den Aufgaben von Andreas Purath.

"Fabmatics kann nun von Herrn Dr. Puraths internationaler Erfahrung profitieren."

Für ein mittelständisches Unternehmen wie Fabmatics ist es laut Geschäftsführer Heinz Martin Esser nützlich, in Branchenverbänden mitzuarbeiten. Nach seiner Ansicht gibt es nicht viele Unternehmen dieser Größe, also mit rund 200 Beschäftigten, die einen so hohen Bekanntheitsgrad haben. Fabmatics arbeitet in einem Viererbündnis namens AND Automation Network Dresden mit anderen Mittelständlern zusammen: mit den Software-Unternehmen AIS und Systema sowie dem Anlagenhersteller Xenon Automatisierungstechnik. Der Geschäftsführer engagiert sich zudem als Präsident im Branchennetzwerk Silicon Saxony und bleibt dort auch im Amt, wenn er bei Fabmatics in den Ruhestand geht. Silicon Saxony mit mehr als 350 Mitgliedern bezeichnet sich als das größte Hightechnetzwerk Sachsens und eines der größten Mikroelektronik- und IT-Cluster Europas. Als eigenfinanzierter Verein verbindet Silicon Saxony seit seiner Gründung im Jahr 2000 Hersteller, Zulieferer, Dienstleister. Laut Esser wurde der Stellenwert des Standortes Dresden mühsam erkämpft. Nach der Qimonda-Pleite vor elf Jahren schien die Halbleiterbranche am Standort gefährdet. Doch Politik, Forschung und auch kleinere Unternehmen hätten immer Hand in Hand gearbeitet und viel für den Standort getan. In Ostasien bekomme die Halbleiterbranche aber ebenfalls starke staatliche Unterstützung. (SZ/mz)

Dieser Artikel ist in der Juli-Ausgabe von Wirtschaft in Sachsen erschienen.

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