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Drei Wege gegen den Pandemie-Müll

15.02.2021
Noch nie haben die Deutschen so viel Müll produziert wie letztes Jahr. Nicht nur Verpackungen, auch Masken sind ein Abfallproblem. Was getan werden kann.

Von Marvin Graewert 

Essen vom Lieferdienst, Wegwerf-Hygieneprodukte und Einwegmasken: Noch nie haben die Deutschen so viel Müll produziert wie letztes Jahr. Im Vergleich zu 2018 ist der Haushaltsmüllberg um rund 7,5 Prozent gewachsen, schätzt die Deutsche Gesellschaft für Abfallwirtschaft. Im Frühjahrslockdown seien es sogar bis zu 20 Prozent mehr gewesen. Auch die Gelben Säcke waren voller – etwa um neun Prozent. Zudem hatten die Entsorger vor allem im Sommer, als sich das Leben nach draußen verlagerte, mit einer Vermüllung von Parks und öffentlichen Plätzen zu kämpfen. Der Verband Kommunaler Unternehmer schätzt, dass sich der Anteil an Einwegplastik im öffentlichen Raum annährend verdoppelt hat.

Jeder neue Lockdown lässt Infektionszahlen sinken und Müllberge wachsen. Aber muss das wirklich sein?

1. Umweltfreundliche Verpackungen

Vor der Pandemie war es in vielen Läden möglich, eine Tupperdose über die Theke zu reichen. Seit Corona ist das den meisten Einzelhändlern zu unhygienisch. Für Sven Binner, Inhaber des Unverpackt-Ladens in Dresden, zählt diese Ausrede nicht. Klar, das Konzept seines Ladens ist darauf auslegt, dass Käufer eigenen Gefäße mitbringen. Doch auch Oliver Numrich vom Deutschen Lebensmittelverband kann nur dazu ermutigen, weiterhin Mehrwegverpackungen zum Einkauf mitzunehmen: „Aus hygienischer Sicht ist das auch während der Pandemie unbedenklich, solange folgende Bedienungen eingehalten werden: Das Gefäß darf nicht mit in die Betriebsküche, und nicht vom Verkaufspersonal angefasst werden. Stattdessen muss es auf einem Tablett entgegengenommen werden.“

Ab Sommer könnte die Verpackungsflut sinken: Ab dem 3. Juli dürfen EU-weit keine Teller, Besteck oder Trinkhalme aus Plastik mehr verkauft werden. Das Gleiche gilt für Getränkebecher, Fast-Food-Verpackungen und Einweg-Essensbehälter aus Styropor. Für Winfried Bulach, Experte für Abfallwirtschaft vom Öko-Institut, ist das ein wichtiger Schritt, denn Styropor-Verpackungen würden in Deutschland aus wirtschaftlichen Gründen überhaupt nicht recycelt. Das Gleiche gelte für beschichtete Verpackungen von To-Go-Produkten: „Jede Verpackung, die aus kombinierten Materialien besteht, lässt sich nur schwer recyceln.“

2. Verpackungsarmes Onlineshopping

Gleiches gelte auch fürs Onlineshopping: Von Umschlägen, die komplett aus Luftpolsterfolie bestehen rät Bulach ab. Eine grundsätzliche Möglichkeit, sich vor dem Einkauf über Art und Umfang der Verpackung im Onlinehandel zu informieren, gibt es nicht. Allerdings informieren immer mehr Internetshops freiwillig über das Thema und nehmen ihre Verpackungen teilweise sogar zurück. Wenn sich gar nichts über die Verpackung herausfinden lässt, empfiehlt Bulach, sich vor dem Kauf sogenannte Unboxing-Videos anzuschauen, in denen sich Personen dabei filmen, wie sie Pakete auspacken. Händlern, die Wellpappe-Kartons und möglichst wenig Dämmmaterial verwenden, könne man mit gutem Gewissen treu bleiben. „Zusätzlich sollten wir darauf achten, unsere Bestellungen zu bündeln und auf unsinnige Bestellungen, wie eine Einzelpackung Zahnpasta, ganz verzichten.“

Die ökologischste Lösung wären auch hier Mehrweg-Verpackungen: Plastik-Boxen, die der Lieferant beim nächsten Mal wieder mitnehmen kann. Aufgrund des teuren Rückweges habe sich ein solches System aber noch nicht etabliert.

Einen Anfang hat die Kaffee-Rösterei Momo in Freiberg gemacht. Um trotz Pandemie weiterhin Suppen verkaufen zu können und dabei auf Einwegverpackungen zu verzichten, setzt Inhaber Mike Brettschneider seit März auf das Mehrweg-Pfandsystem Rebowl. Für fünf Euro Pfand gibt es die Suppe in einer wiederverschließbaren und isolierten Mehrwegschüssel, die dann theoretisch bei allen teilnehmenden Restaurants zurückgegeben werden kann.

Noch macht das Konzept wenig Sinn: Von Chemnitz bis Dresden ist die Rösterei Momo der einzige Mehrweg-Partner des bundesweiten Systems: „Ich glaube vor allem kleinere Händler schrecken während Corona zurück, solche Investitionen zu tätigen“, so Brettschneider.

3. Mehr recyceln

Ein weiterer Grund für die gestiegenen Haushaltsmüll-Mengen sind die vielen Einwegmasken: Das Bundeswirtschaftsministerium errechnete einen Bedarf von acht bis zwölf Milliarden Masken pro Jahr. Zusammen mit der Schutzkleidung entsteht ein zusätzliches Abfallaufkommen von bis zu 1,1 Millionen Tonnen jährlich. Zum Vergleich: Selbst 18 Frauenkirchen würden nicht so viel wiegen.

Damit möglichst viele Keime vernichtet werden können, gehören die Masken in den Restmüll. Aufgrund der verschiedenen Metall- und Kunststoffanteile lassen sie sich nicht einmal recyceln.

Bei anderen Hygieneprodukten haben es Verbraucher selbst in der Hand: Eine Flasche Desinfektionsmittel besteht zum Beispiel meist aus verschiedenen Plastiksorten, die in Recyclinganlagen nicht automatisch voneinander getrennt werden: Wenn der Deckel und die bunte Plastikfolie vor dem Wegschmeißen entfernt werden, lässt sich die Flasche doch noch recyceln. Das Gleiche gilt für Shampoo-Flaschen und Joghurt-Becher.

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