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Dresden, der beste Standort für grüne Technologien

09.11.2020
Kiwigrid will eine Energieversorgung komplett mit Ökostrom erreichen. Wie man mit dieser Vision Mitarbeiter anlockt, erklärt einer der Gründer.

Von Nora Miethke 

Herr Bether, Kiwigrid soll die führende Plattform für die dezentrale Energiewirtschaft werden. Was bedeutet das?

Wir bauen ein System auf, mit dem sich eine enorme Menge an erneuerbarer Energie monitoren, steuern und verwalten lässt und das dezentral. Schon heute werden über unsere Plattform 150.000 Geräte gesteuert. Vier Geräteklassen müssen miteinander vernetzt werden: Photovoltaik und Batteriespeicher, Ladesäulen und Elektromobilität, Wärmepumpen und Elektrostäbe sowie Stromzähler bzw. das Stromnetz. Millionen Geräte sollen eine Einheit bilden wie ein transaktionales Kraftwerk, gesteuert durch Software, damit Strom hochsicher in Echtzeit und international über Ländergrenzen hinweg zur Verfügung gestellt werden kann. Wir glauben bei Kiwigrid sehr stark an das, was der Weltklimarat vergangenes Jahr veröffentlicht hat – das wir noch genau zehn Jahre haben bis 2030, um die gefährdende Temperaturerhöhung um 1,5 Grad Celsius aufzuhalten. Dazu wollen wir für unsere Kinder einen Beitrag leisten.

Was kann Kiwigrid konkret dazu beitragen, um die Erderwärmung zu begrenzen?

Unser Ziel ist, bis 2030 eine Energieversorgung zu hundert Prozent mit erneuerbaren Energien zu erreichen. Kiwigrid erleichtert die Installation von entsprechenden Anlagen und wartet sie, also gibt Bescheid, wenn etwas kaputt ist oder ausgetauscht werden muss. Weiterhin simulieren wir, das heißt, wir können den Kund*innen sagen, zu welcher PV-Anlage welches Elektroauto oder welcher Batteriespeicher passt und ob sie damit eine Wärmepumpe abdecken können. Der letzte Punkt ist die Steuerung. Wir regeln durch gezieltes Ein- und Ausschalten den Verbrauch und die Erzeugung von Strom und können so helfen die Schwankungen bei den Erneuerbaren Energien auszugleichen.

Welche Kunden nutzen dieses Angebot?

Bisher sind das vor allem Hersteller von erneuerbarer Hardware, zum Beispiel von Solarmodulen. Ihnen geben wir eine Software, mit der ihre Anlagen integriert, monitort und installiert werden können. Zum zweiten sind es Energieversorger, deren Produkte dezentraler werden. Künftig werden auch die Automobilhersteller unsere Kunden werden, da ihre Autos zunehmend auch Teil dieses Kreislaufes werden.

Spüren Sie in Ihrem Geschäft, dass die Elektromobilität auf dem Vormarsch ist?

Der Zug fährt immer schneller. Wir kommen heraus aus dieser Kleinteiligkeit, hier mal drei Ladesäulen, dort mal eine Station, hin zu umfangreichen Installationen, weil die großen Automobilkonzerne wie Volkswagen eine Reihe von Elektromodellen angekündigt haben. Auch international gibt es mehr Anfragen, wo unser System in größeren Anlagen eingebunden werden soll. Aber dieser Zug ist auch erst vor 14 Monaten losgefahren. Vieles hängt mit der Entscheidung von VW zusammen, den ID.3 und den ID.4 zu bauen. Das war das Signal für den Markt: Jetzt geht es in die Masse.

Woher kommen die Anfragen - aus dem Ausland, Westdeutschland oder auch aus unserer Region?

Interessanterweise kommen viele Anfragen tatsächlich aus dem Ausland und Westdeutschland, da dort viele Unternehmen sitzen. Trotzdem sind wir überglücklich, dass sich gerade hier in Ostdeutschland ein Cluster an erneuerbaren Energiefirmen entwickelt, mit der Deutschen Accumotive von Daimler in Kamenz, Tesla in Grünheide oder den weiteren zwei Portfoliofirmen Solarwatt und Heliatek in Dresden. Wir drei haben mit Stefan Quandt einen starken Technologieinvestor, sodass wir aus dem Mittelstand heraus dieses Cluster stützen können.

Aber es gibt auch Kunden in der Region?

Energieversorger wie Enso oder Drewag und andere, auch kleinere Kunden, sind interessiert. Die Besonderheit bei Kiwigrid, mit der wir uns vom Wettbewerb unterscheiden, ist die Sektorkopplung. Mit der neuen Generation unserer Plattform, KiwiOS X, läuft Wärme, Mobilität und lokale Erzeugung zusammen, so dass sie ihre lokale Energie überall nutzen können. Sie können ihre Anlage in Dresden errichten und die erzeugte Sonnenenergie in Schleswig-Holstein verbrauchen oder umgekehrt. Ein zweiter Vorteil ist Offenheit. Sie können sich auch mit anderen IT-Systemen sehr einfach an unser System andocken und es ist sicher. Wir arbeiten mit dem Bundesamt für Sicherheit zusammen, um die neuesten Sicherheitsstandards und Regeln zu integrieren.

Kleinere Kunden, heißt das kleinere Unternehmen oder auch Privathaushalte?

Auch Privathaushalte. Das bieten wir schon jetzt an, allerdings über Reseller wie Solarwatt, die Anlagen für Eigenheime verkaufen. Mit dem neuen Produkt Energy Manager Voyager, das kommendes Jahr auf den Markt kommt, werden wir es schaffen, dass die Endkunden unserer Reseller selbst Energiemanagement installieren können.

Warum ist Dresden für Sie der beste Standort, um ihre Visionen umzusetzen?

Da gibt es mehrere Aspekte. Zuerst ist hier das Tüftler-Knowhow vorhanden. Sachsen war immer ein Erfinder- und Entdeckerland. Da hilft uns Kümmere-dich-selbst-Mentalität, und vorhandenes Wissen in Informatik und Elektrotechnik, um so eine Plattform zu bauen. Hinzu kommt die universitäre Landschaft. Viele meiner Kollegen kommen von der TU Dresden oder der HTW. Wir finden auch die Idee des Landes in der Lausitz, als Energieregion, eine Universität mit Querschnittsfächern wie Energietechnik und Informatik zu gründen, hervorragend. Und grundsätzlich gibt es in der Bevölkerung eine hohe Affinität zu Energie wie auch zum Automobil.

Gilt diese Affinität auch für erneuerbare Energien?

Ja, ich stelle zumindest ein erhöhtes Interesse an PV-Anlagen, Speichern oder auch Ladeinfrastruktur fest. Mich erreichen viele Anfragen nach dem Motto, ich würde gern Energiewende betreiben, aber weiß noch nicht wie.

Wie kann der Freistaat Menschen bei der privaten Energiewende unterstützen?

Man müsste die Installation genehmigungstechnisch entkomplizieren und den Menschen mehr Freiheit in ihrem eigenen Zuhause geben. Die Anmelde- und Beantragungsprozeduren für jede PV-Anlage, Wärmepumpe und Ladesäule sind gewaltig. Diese Bürokratie muss abgebaut werden. Zum Zweiten müsste man bei der Digitalisierung der Energiewende, also der Integration der Erneuerbaren Energien, zehn Stufen hochschalten. Seit zehn Jahren diskutieren wir über Smart Meter Gateways, also intelligente Stromzähler. Doch wir haben eine verschwindend geringe Anzahl im Feld und das mit einer für Konsumenten völlig unattraktiven Funktionalität. Erneuerbare Energien müssen nicht länger subventioniert werden, meiner Meinung nach sind sie marktfähig. Wir brauchen eine Vereinfachung der Installationsvorschriften und eine klare Integration in die Energiewirtschaft durch Digitalisierung.

Ist das eine Aufgabe für den Bund oder für die Landesregierung?

Bei Teil Eins, den Installationsvorschriften, hat die Landesregierung in Zusammenarbeit mit den lokalen Netzbetreibern eine gewisse Mitsprachemöglichkeit. Die Digitalisierung der Energiewende ist klar Aufgabe des Bundes, das muss das Bundeswirtschaftsministerium aussteuern. Da kommt man, weil man zu viele Interessen parallel befriedigen will, zu langsam voran.

Stichwort Mitarbeiter. Finden Sie ausreichend Mitarbeiter auf dem sächsischen Arbeitsmarkt?

Momentan sind wir 160 Mitarbeiter und wollen unsere Teams moderat aufbauen. In der Konkurrenz mit anderen Softwareunternehmen hilft uns, dass wir nachhaltig arbeiten, das heißt mit unseren Produkten zur Verbreitung erneuerbarer Energien beitragen, damit Nachhaltigkeit in unseren Alltag einkehrt. Wenn ich meine Energie selbst erzeuge und damit heize und Auto fahre, trage ich signifikant zur Verringerung meines C02-Haushalts bei.

Sie ziehen also Softwareentwickler mit Ihrer Vision einer klimaneutralen Wirtschaft an?

Unter anderem. Außerdem arbeiten wir mit neuesten Technologien in einem breiten Technologieumfeld, mit Gebäudetechnologien, mit modernen Cloudtechnologien und verbinden das miteinander. Das ist attraktiv für Softwareentwickler. Und natürlich ist das Thema Hochsicherheit ein interessanter Fakt für die Mitarbeitergewinnung.

Reicht das aus, um TU-Absolventen zu gewinnen, damit sie nicht alle anfangen bei Großkonzernen zu arbeiten?

Die Konkurrenz um die Köpfe mit den Großen ist nach wie vor eine Herausforderung. Dies betrifft nicht nur Absolventen, sondern speziell auch erfahrene Softwareentwickler und Softwareentwickleriinnen. Obwohl durch die aktuellen Diskussionen um Dieselgate oder das Ende der Kohleverstromung auch das Image der Großen gelitten hat. Unabhängig ob unsere Kollegen im Homeoffice arbeiten oder nicht, können sie ihre Arbeitszeit flexibel selbst einteilen. Diese Mischung aus Individualität und Flexibilität in einem nachhaltigen Fach mit modernsten Technologien ist das, was sie von uns erwarten können.

Kiwigrid hat auch in der Pandemie eine erfolgreiche Finanzierungsrunde geschafft? Können Sie Details nennen?

Das Unternehmen ist mittel- und langfristig stabil finanziert. Mehr darf ich leider nicht sagen.

Ist es schwer, von Sachsen aus Risikokapitalgeber auf sich aufmerksam zu machen?

Die Standortfrage spielt für Startups gerade jetzt in der Corona-Zeit mit Homeoffice eine immer kleinere Rolle. Vielmehr ist es eine Frage des Teams und der Ideen, die sich da versammelt haben, um etwas nach vorn zu bringen, was der potentielle Investor am Ende bewertet. Wenn das stimmt, bekommt man auch in Dresden interessante Investoren. Viele Start-ups sind softwarelastig. Deshalb werden Investoren immer nach den Kernteammitgliedern fragen und den Netzwerken, die auch überregional vorhanden sein müssen.

Was kann die sächsische Politik tun, damit Cleantech-Unternehmen wie Kiwigrid in Sachsen schneller wachsen können?

Neben dem schon erwähnten Aufbrechen der Installationsblockaden und einer schnelleren Digitalisierung kommt es vor allem auf ein klares Bekenntnis der Landesregierung zu Erneuerbaren Energien an, einschließlich der damit verbundenen Digitalisierung der Energiewirtschaft. Entsprechende Forschungsprojekte und neue Produkte müssten stärker gefördert werden. Innovative Unternehmen sollten nicht nur von ihren Investoren finanziell unterstützt werden, sondern auch durch lokale staatliche Institutionen, um Innovationen zum Laufen zu bekommen. Spannend fände ich dabei einen Austausch mit unseren sächsischen Nachbarländern Tschechien und Polen, mit denen wir die Softwareentwicklung und die schon entstandenen Technologien gut austauschen könnten.

Es gibt in Sachsen viel Forschungsförderung, aber zu wenig Pilotprojekte vor der eigenen Haustür. Ist diese Kritik berechtigt?

Das kann ich nur unterstreichen. Essentiell wäre eine unkomplizierte Beantragung dieser Pilotprojekte. Der neueste Stand der Technik sollte nicht das einzige Kriterium sein. Auch die Skalierbarkeit oder ein Team, das während des Projektverlaufs die Forschung in die Richtung der Kommerzialisierung lenkt, wären spannende Faktoren, um so einen Pilotprojektcharakter zu erfassen. Kleine Leuchttürme, unkompliziert beantragbar, darum geht es. Stattdessen haben wir diese riesigen Projekte, an denen sich viele Mittelständler gar nicht beteiligen können.

Kiwigrid wird nächstes Jahr 10 Jahre alt. Was haben Sie sich persönlich vorgenommen, was das Unternehmen bis dahin erreicht haben soll?

Wir wollen im kommenden Jahr unsere neue Produktgeneration in den Markt bringen, uns damit in Richtung Skalierbarkeit ein riesiges Stück nach vorn bewegen. Und wir wollen unser Team und unser Netzwerk stärken. Es soll einfach Freude machen, ein oder eine  Kiwi zu sein und gemeinsam die Energiewende zu gestalten.

Das Gespräch führte Nora Miethke

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