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Dresdner kämpfen um digitale Eigenständigkeit

04.06.2020
Cloud&Heat zeigt deutschen und französischen Ministern, wie Daten sicher in der Cloud gespeichert werden können

Von Nora Miethke

Viele Deutsche arbeiten nach wie vor von zu Hause. Die massenhafte Heimarbeit verschärft ein Problem bei der Dateninfrastruktur. Aufgrund des Zeitdrucks haben viele IT-Abteilungen kurzerhand auf die Cloud-Dienste der US-amerikanischen Internetkonzerne Amazon, Google und Microsoft zurückgegriffen, um die Mitarbeiter in den Homeoffices auszustatten. Doch diese Dienste unterliegen allesamt dem sogenannten US Cloud Act.

Dieses Gesetz ermöglicht es amerikanischen Behörden, von US-Cloud-Anbietern die Herausgabe sämtlicher Daten einer Person oder eines Unternehmens verlangen zu können, selbst dann, wenn die Daten sich auf Servern befinden, die nicht in den USA stehen. Damit ist der Wirtschaftsspionage Tür und Tor geöffnet, ein Grund, weshalb viele deutsche Unternehmen ihren Daten nicht in der Cloud speichern wollen.

„Die Angebote unserer US-amerikanischen Kollegen sind in ihrem Funktionsumfang und der initialen Preisgestaltung verlockend“ sagt Jens Struckmeier, Geschäftsführer und Technikvorstand des Dresdner Cloudanbieters „Cloud & Heat“. Für das Verarbeiten und Speichern sicherheitskritischer Daten empfiehlt er jedoch klar die Nutzung europäischer Alternativen, denn nur so könne sichergestellt werden, dass die Daten nach in der EU geltendem Recht und damit datenschutzkonform behandelt werden.

Und die Alternativen gibt es. Die Europäische Union will eine eigene europäische Dateninfrastruktur aufbauen. Das Projekt läuft unter dem Titel GAIA-X. Ein federführendes Mitglied des GAIA-X-Konsortiums ist Cloud & Head. Sieben Monate nach Ankündigung des Projekts zeigen die Dresdner am Donnerstag (4. Juni) auf einer internationalen Videokonferenz einen ersten Demonstrator. Eingeladen haben zu dem deutsch-französischen Event Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier und Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (beide CDU). Auch Frankreichs Wirtschaftsminister Bruno Le Maire nimmt teil.

Die Simulation, die von Cloud&Heat präsentiert wird, zeigt in wenigen Schritten die Vision und Prinzipien von GAIA-X. Nutzer müssen in der Lage sein, zwischen verschiedenen Cloud-Betreibern wählen zu können, ihre Daten und Anwendungen frei zwischen den unterschiedlichen Anbietern zu verwenden sowie verschiedene Dienste zu kombinieren. Die Dresdner haben sich zum Ziel gesetzt, die digitale Souveränität zu verteidigen. 

Während die Deutschen zum Beispiel im Energiesektor die Wahl haben, ob sie russisches Gas in ihrem Energiemix haben wollen oder nicht, gibt es diese Freiheit im IT-Bereich aufgrund der US-Dominanz nicht. Das will Cloud & Heat und sein Tochterunternehmen Secustack ändern. Secustack wurde im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem Sicherheitsexperten Secunet Security Networks AG gegründet.

Bei dem gezeigten Demonstrator formuliert der Kunde seine Kriterien aus Themenfeldern wie Datensicherheit und Datenschutz oder auch ökologischer Nachhaltigkeit und wählt auf dem GAIA-X-Portal seinen favorisierten Anbieter aus. Anschließend wird die Anfrage über die Orchestrierungssoftware „Krake“ von Cloud&Heat verteilt und der Service gestartet. 

Die Technologie für die Ver- und Entschlüsselung der Daten in einer sogenannten sicherheitsgehärteten Cloud-Umgebung hat Secustack gemeinsam mit Partnern entwickelt. Anschließend werden die Daten an den Nutzer weitergegeben. Die Deutsche Telekom AG unterstützt die Entwicklung des Demonstrators als zusätzlicher Koordinator.

Es handelt sich um eine Opensource-Lösung, deren Stärke der frei verfügbare Quellcode ist. Jeder kann sich selbst davon überzeugen, ob die Software Hintertüren enthält, über die Daten an unbefugte Dritte abfließen, die so Kontrolle über Geräte und Maschinen erlangen können. So würden sich Hackerangriffe etwa auf die IT-Infrastrukturen von Krankenhäusern und Energieversorgern verhindern lassen.

„Mit der Vorstellung des Demonstrators erreicht das Projekt einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu einem europäischen digitalen Ökosystem, zumal Teile davon sogar bereits programmiert wurden“, betont Marius Feldmann, Geschäftsführer von Secustack. Als nächstes soll der Demonstrator um zusätzliche Anwendungsfälle vor allem im Bereich des Identitätsmanagement erweitert werden, kündigt er an.

Die Dienstleistungen von Cloud & Heat sind in diesen Zeiten stark gefragt, so dass die Firma mit rund 100 Mitarbeitern die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise bislang kaum spürt. Das Unternehmen entwickelt und baut sichere und energie-effiziente digitale Infrastrukturen. Die Rechenzentren werden mit einer direkten Heisswasser-Kühlung betrieben so dass gegenüber der sonst üblichen Luftkühlung Energiekosten und CO2-Emissionen erheblich gesenkt werden können. 

„Tatsächlich können wir mit unserem Cloud-Angebot sowie unserem neuen Dienst „Managed Kubernetes Service“ für Anwendungen im Bereich Maschinelles Lernen und Künstliche Intelligenz (KI) große Erfolge feiern“, sagt Struckmeier. Kubernetes ist die Software, die KI-Unternehmen brauchen, um große Datenmengen zu verarbeiten und viele Algorithmen durchzurechnen, damit wiederkehrende Muster in der Datenbasis erkannt werden können. 

Ein Beispiel ist die automatisierte Gesichtserkennung. Um diese Software zu verstehen und praktisch anzuwenden, bedarf es viel Wissens, was sich Unternehmen nicht anlernen wollen. Sie greifen dann auf Dienstleister wie Cloud & Heat zurück, die das Management der Infrastruktur und Software übernehmen und sie selbst brauchen sich nur noch um ihre Algorithmen zu kümmern.

Nicht nur, dass schon bestehende Kunden ihre KI-Infrastrukturen trotz Corona weiter ausbauen, die Pandemie sorgt auch dafür, dass Cloud & Heat Neukunden gewinnen kann. weil Projekte und Anwendungen rund um die Erforschung des Covid19-Virus entstehen. „Wir profitieren aktuell stark davon, mit unseren Produkten breit aufgestellt zu sein und Nachfrageengpässe in dem einen Segment durch hohe Nachfragen im anderen ausgleichen zu können“, so Struckmeier. Und das vom Homeoffice aus, in dem die 80 Mitarbeiter am Dresdner Standort seit Wochen selbst überwiegend sitzen.

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