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Dresdner schwänzen Vorstellungsgespräche

14.09.2020
Immer mehr Arbeitnehmer erscheinen einfach nicht ohne Absage. Die Gründe sind vielfältig.

Von Julia Vollmer

Dresden. Montag früh um 10 Uhr sitzen der Chef und die Personalerin im Besprechungsraum und warten. Angekündigt ist ein Bewerber um eine offene Stelle. Doch er kommt einfach nicht. Ghosting heißt das Phänomen, das in Dresden immer mehr zunimmt.

 Zum Vorstellungsgespräch einfach nicht hingehen oder am ersten Arbeitstag nicht erscheinen. Das kennt auch Falk Lösch, Sprecher der Dresdner Verkehrsbetrieb. "Im letzten Jahr, also vor Corona, kam das häufiger vor. Bei Azubi-Bewerbern, die zum Test eingeladen wurden, fehlte schon bis zu einem Viertel, also von 20 fehlten etwa vier bis fünf Bewerber." Er vermutet, dass die meisten mehrgleisig fahren wollen und sich die Entscheidung unter der Erwartung besserer Angebote bis zum Schluss offen halten. Seltener komme es vor, dass jemand am ersten Tag nicht komme, da da schon ein unterschriebener Vertrag vorliege.  Die DVB wollen sich schützen. "Unsere Einladungen enthalten die Bitte nach Bestätigung des Gesprächstermins. In Einzelfällen telefonieren wir schon mal nach, ob die Bestätigung nur „vergessen“ wurde", so Lösch.  Mehr könne man als Firma nicht machen. "Aber bevor sich alle bei uns auf den Termin einrichten und keiner kommt, sei ein Telefonat die effektivere Lösung.

Auch Christoph Schumacher, Sprecher von Infineon kennt unzuverlässige Bewerber, doch das komme selten vor. "Falls ein Bewerber nicht zu einem Vorstellungstermin erscheint und sich im Nachhinein meldet und nachvollziehbare Gründe nennen kann, bieten wir einen Ersatztermin an. In allen anderen Fällen schicken wir eine Absage", sagt er.  Er kann sich gut vorstellen, dass das Verhalten mancher Dresdner auch eine Art Pokerspiel ist. "Ein bereits unterschriebener Arbeitsvertrag verschafft eine gute Verhandlungsposition für weitere Vertragsverhandlungen anderen Unternehmen. Das gilt besonders dann, wenn die angebotene Stelle die eigenen Vorstellungen nicht hundertprozentig trifft." In diesen Fällen suchen Kandidaten parallel weiter und spekulieren vielleicht auf ein Angebot mit besseren Konditionen.

Auch Thomas Gaier, Chef vom Schloss Eckberg und der Dresdner Hotel-Allianz berichtet davon, dass im Schnitt einer von zehn Bewerbern nicht kommt zum Gespräch. Auch zu Dienstbeginn an Tag eins habe er schon vergeblich gewartet. Gaier vermutet, dass es auch Erziehungsgründe seien bei den jungen Menschen. "Wie es in den Wald hineinruft...", sagt er. Gaiers Kollege Michael Mollau kann von solch einem Verhalten auch ein Lied singen. Auch bei ihm: auf zehn Gespräche kommt einer nicht.Ohne Absage. Doch am Ende sieht er das so: "Neu suchen und zufrieden sein, dass der oder die Kollegin gar nicht erst angefangen hat. Mit so einem Verhalten zeigt man schon seinen Charakter", so der Chef vom Dorint-Hotel. 

Tatsächlich haben wir die eine oder andere Rückmeldung von Arbeitgebern erhalten, dass sich Arbeitnehmer nicht vorstellen, sagt auch Grit Löst, Sprecherin der Dresdner Arbeitsagentur. Allerdings lasse sich daraus kein „Trend“ ableiten, dafür habe sie einfach zu wenig Infos.

"Erhalten wir vom Arbeitgeber Kenntnis, dass sich Arbeitnehmer nicht auf eine Vermittlungsvorschlag vorgestellt haben, wird durch uns nach den geltenden Gesetzmäßigkeiten geprüft , ob ein wichtiger Grund vorlag. Ist dies nicht der Fall, wird eine Sperrzeit ausgesprochen." Wichtige Gründe sind etwa Krankheit oder Todesfälle in der Familie. Sperrzeit meint eine vorübergehende Sperrung von Leistungen der Arbeitsagentur.

Die Gründe, warum sich Arbeitnehmer nicht auf einen Vermittlungsvorschlag vorstellen, seien laut Löst sehr verschieden und manchmal durchaus kreativ ausgedrückt, aber auch hier ist keine Bündelung von bestimmten Gründen zu erkennen."Die überwältigende Mehrheit derer, die arbeitslos sind, seien aber bestrebt, so schnell wie möglich wieder eine Arbeit aufzunehmen", stellt sie klar.

Das spiegelt sich auch in den Statistiken nieder: trotz Lockdowns und der Zunahme der Zahl der Arbeitslosen seit April 2020 haben sich von Januar bis August 2020 insgesamt 9.481 Dresdner in Arbeit abgemeldet, im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es 10.969, also lediglich knapp 1.500 Menschen mehr.

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