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Dresdner Weihnachtsmärkte: "Lieber kleiner als gar nicht"

19.11.2020
Die Debatte um die Dresdner Weihnachtsmärkte ist noch nicht beendet. Holger Zastrow erklärt, warum sie trotz absehbarer Verluste stattfinden sollten.

Von Andreas Weller 

Dresden. Im Stadtrat musste FDP-Fraktionschef Holger Zastrow in der vergangenen Woche einen Rückschlag einstecken. Die Mehrheit lehnte einen Corona-Zuschuss für die Weihnachtsmärkte, die er und andere im Auftrag der Stadt durchführen, ab.

Da die fünf Konzessionäre absehbar ein dickes Minus machen, wegen der Corona-Schutzmaßnahmen nun auch noch deutlich draufzahlen, die Märkte - wenn überhaupt - nur deutlich kürzer stattfinden, stellt sich die Frage, weshalb sie so sehr kämpfen. Zastrow hat dafür mehrere Gründe - emotionale und finanzielle.

Der Augustusmarkt ist einer der größten Weihnachtsmärkte in Dresden. Markenzeichen sind die weißen Pagoden-Zelte, der blaue Baum und die Kulisse an der Hauptstraße, nahe des Goldenen Reiters. Zastrow hat ihn entwickelt und veranstaltet den Markt seit Jahren im Auftrag der Stadt. Auch die Märkte auf dem Neumarkt, auf der Piazza vor dem Dresdner Schloss, auf der Prager Straße und auf dem Postplatz sind in Konzessionen von der Stadt vergeben.

Eigentlich sollten die Märkte, wie der Striezelmarkt, am kommenden Montag starten. Den vorzeitigen Beginn hatte der Stadtrat beschlossen, um sie wegen der Corona-Pandemie entzerren zu können und den Händlern mehr Umsatz zu ermöglichen. Doch das Virus hat die Märkte gestoppt. Zastrow denkt: "Noch nicht endgültig."

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Die Marktbetreiber kämpfen um die Märkte. Das erscheint vielen unlogisch, sei doch absehbar, dass Zusatzkosten, weniger Markttage und weniger Besucher ein finanzielles Desaster für die Betreiber werden. Sven Erik Hitzer, der den Weihnachtsmarkt auf dem Neumarkt betreibt, sagte im Stadtrat, die zusätzlichen Kosten können die Betreiber nicht bezahlen. Es geht um Geld für das Einzäunen, die Kontaktverfolgung und Einlassbeschränkungen. 150.000 Euro seien es allein bei ihm.

Für Zastrow fiele etwa die gleiche Summe an, sagt dieser. "Es haben auch bereits einige Händler und Gastronomen abgesagt", erzählt er. "Sie können einfach nicht mehr länger warten." An der Hauptstraße sind in normalen Jahren rund 120 Händler vertreten. "Aber es bleiben auch eine Menge Händler weiter bei der Stange und es erreichen uns Anfragen von Händlern aus anderen Städten, wo die Märkte bereits abgesagt sind", berichtet Zastrow. "Dafür lohnt es sich, weiter zu kämpfen."

"Es geht um unsere Existenzen"

Schwibbogen-Hersteller aus dem Erzgebirge haben laut Zastrow das ganze Jahr dafür gearbeitet und die Lager voll. "Auch viele Gastronomen sind darauf angewiesen." Für alle sei die Vorweihnachtszeit enorm wichtig. "Es geht um unsere Existenzen", sagt Zastrow und meint die Händler und sich als Markt-Chef.

Selbst wenn er absehbar weniger Einnahmen haben wird, weil die Händler bei geringerer Laufzeit auch weniger Gebühren an ihn zahlen müssen, sein Stand von der Hofewiese deutlich weniger Umsatz machen werde, er die Zusatzkosten für den Corona-Schutz hat, will er unbedingt. "Dieser Markt wird nicht rentabel sein, aber er schafft Liquidität", erklärt Zastrow. "Wenn Geld im Umlauf ist, bist du nicht so nah an der Insolvenz als wenn alles wegbricht. Deshalb lieber kleiner als gar nicht." Zudem habe er rund ein Drittel der Kosten für den Markt bereits ausgegeben. "Davon bekomme ich nichts zurück." Wie hoch diese Summe ist, will er wegen des Geschäftsgeheimnisses nicht sagen. Er habe sogar einen Mitarbeiter mehr einstellen müssen, um die Händler zu betreuen. Gerade wegen der unkalkulierbaren Situation habe jeder Händler nahezu täglich Gesprächsbedarf. Außerdem könne, wenn der Markt stattfindet, Personal beschäftigt und bei der Stange gehalten werden. "Das ist derzeit enorm schwierig, weil viele aus der Gastronomie heraus wollen."

"Wir müssen die Verweilqualität verschlechtern"

Auf Corona-Hilfen vom Bund dürfen die Händler aus der Gastronomie nicht hoffen, sagt Zastrow. "Das ist klassische Außengastronomie und die ist davon bisher ausgenommen." Der Bund hatte zugesagt, dass die die jetzt schließen müssen, 75 Prozent des November-Umsatzes aus dem Vorjahr erstattet bekommen.

Deshalb bräuchten die Händler den Umsatz, auch wenn die Märkte deutlich kleiner werden. Wie klein, kann Zastrow noch nicht sagen. "Wir haben einen Plan B mit weniger Händlern und einen Plan C, der jetzt greifen könnte." Das wären dann noch weniger Händler und die Pagoden zum Sitzen und die Stehtische zum Verweilen fallen weg. "Wir müssen die Verweilqualität verschlechtern, so absurd es klingt", sagt Zastrow.

"Eine Frage des Selbstwertgefühls"

Es sei "weltfremd", wenn viele Leute sagen, Weihnachten bedürfe keiner Märkte. "Das macht den Sinn meiner Arbeit aus. Ich verwirkliche mich mit der Umsetzung meiner Ideen auf der Hofewiese und bei den Weihnachtsmärkten." Zastrow betreibt noch einen weiteren Markt in Pirna. "Für jemanden, der wie ich Weihnachten liebt, ist es auch eine Frage des Selbstwertgefühls." Auch deshalb sei er so entsetzt über die Entscheidung des Stadtrates, die Märkte nicht zu unterstützen. "Das hat gezeigt: Du darfst als Privater von diesem Stadtrat nichts erwarten".

Da kommt man schon auch mal auf kreative Ideen, die Corona-Regeln auszulegen. Denn Zastrow meint, eigentlich müsse man doch zumindest Glühwein ausschenken dürfen. "Das machen Kneipen und Restaurants in der Neustadt, in der Innenstadt und anderswo. Wir sind auch ein ambulanter Handel, mit Glühwein to go." Aber ob die Stadt das dann zulässt, ist noch fraglich.

"Weihnachten für Dresden retten"

Ende dieser Woche will Zastrow entscheiden, ob er die Beleuchtung in der Mitte der Hauptstraße aufbaut und diese weihnachtlich schmückt. Das koste erneut rund 10.000 Euro. "Aber die Beleuchtung muss hängen, bevor die Pagoden stehen." Zastrow tendiere dazu, auch wenn die Entscheidung über die Märkte auch von der des Bundes zu weiteren Corona-Beschränkungen abhänge. "Mein Ziel ist es, Weihnachten für Dresden zu retten."

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