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E-Autos könnten Tausende Jobs gefährden

15.01.2020
Der Umbruch der Branche könnte zu einem Kahlschlag in der Autoindustrie führen - auch in Sachsen. Die Konzerne sehen das gar nicht so schlimm.

Es ist ein Schreckensszenario: In der deutschen Autobranche könnten Hunderttausende Jobs in Gefahr sein – falls die Schlüsselindustrie den Anschluss bei der Produktion von Elektroautos verpassen und bei Batteriezellen abhängig von Zulieferern aus dem Ausland würde. Wie es in dem Bericht einer Arbeitsgruppe der von der Bundesregierung eingesetzten Kommission Nationale Plattform Zukunft der Mobilität heißt, sind in einem Extremszenario bis zu 410.000 Arbeitsplätze in Gefahr – alleine im Fahrzeugbau im Vergleich zu 2018 rund 240.000 Jobs, das wäre fast jede vierte Stelle.

Das sächsische Automobilzuliefernetzwerk AMZ geht nach einer eigenen Berechnung davon aus, dass bei einem Anteil von 40 Prozent an Elektrofahrzeugen in Europa rund 5.000 Arbeitsplätze bei Zulieferern im Freistaat wegfallen würden. In Sachsen zählt die Autobranche rund 800 Unternehmen mit etwa 105 000 Beschäftigten. 

Die Nationale Plattform, die Autobranche und die IG Metall bemühten sich allerdings darum, deutlich zu machen, dass dieses Extremszenario nicht eintreten werde. „Das Extremszenario halte ich aus heutiger Sicht nicht für realistisch“, sagte der Leiter der Arbeitsgruppe, IG Metall-Chef Jörg Hofmann. „So käme es nur, wenn wir alle Batterien und einen großen Teil der E-Fahrzeuge nicht hierzulande produzieren. Aber die deutschen Autohersteller sind mittlerweile aufgewacht, die Modelloffensive für E-Autos kommt.“ „Ein Selbstläufer ist das alles nicht, aber ich bin optimistisch.“

Die IG Metall machte klar, Wirtschaft und Politik müssten noch entschiedener den Wandel begleiten. Hofmann hatte sich bereits im Dezember für Erleichterungen beim Kurzarbeitergeld ausgesprochen, außerdem seien „dringend“ arbeitsmarktpolitisch begleitende Maßnahmen nötig.

Der schwierige Umbruch in der Autoindustrie ist auch Thema am Mittwoch im Kanzleramt – Kanzlerin Angela Merkel (CDU) trifft Vertreter von Gewerkschaften und Autoherstellern. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) erklärte, das Extremszenario gehe von einem unrealistischen Ansatz aus. Für realistischer hält der VDA eine ebenfalls im Bericht erwähnte Studie, wonach der Umstieg von Verbrenner- auf Elektroautos im Bereich des Antriebsstrangs mit einem Abbau von 79.000 bis 88.000 Stellen im Jahr 2030 verbunden sein könnte.

Weniger komplex und mehr digital

„Die Mobilität der Zukunft bedeutet für Unternehmen und viele Arbeitnehmer tiefgreifende Veränderungen“, sagte VDA-Geschäftsführer Kurt-Christian Scheel. Klar sei, dass der Umstieg auf die E-Mobilität Anpassungen erfordern und zu einem Rückgang der Beschäftigung am Standort Deutschland führen werde. „Es ist die gemeinsame Verantwortung von Industrie, Gewerkschaften und Politik, durch geeignete Maßnahmen Qualifizierung zu fördern und den Wandel gemeinsam zu gestalten, damit negative Arbeitsplatzeffekte möglichst gering gehalten werden können.“ Der Vorsitzende der Nationalen Plattform, Henning Kagermann, sagte, es seien inzwischen wichtige Weichen gestellt worden, um die Wettbewerbslage der deutschen Industrie bei der Elektromobilität zu verbessern. „Entscheidender Wettbewerbsvorteil ist eine qualifizierte Personalbasis. Deshalb ist Qualifizierung so wichtig.“ 

Im Bericht der Arbeitsgruppe heißt es, auch wenn das Extremszenario aufgrund einer besseren Entwicklung inländischer Angebote von Elektrofahrzeugen und inländischer Produktion von Batterien abgewendet werden könne, gelte: „In keinem Fall werden die Automobilhersteller weiterhin im selben Maße für eine solche Wertschöpfung und Beschäftigung entlang der Zulieferketten sorgen können, wie es heute der Fall ist.“ Denn der Bau eines E-Autos ist weniger komplex als der Bau eines Benzin- oder Dieselfahrzeugs. Dazu kommt die Digitalisierung mit einer zunehmenden Automatisierung der Produktion – durch den Einsatz von Robotern und KI.

Eine zentrale Rolle bei der Wertschöpfung spielen außerdem Batteriezellen. Der deutschen Autoindustrie droht eine Abhängigkeit von derzeit führenden Zulieferern vor allem aus Asien. Um dies zu verhindern, steht der Bau von Batteriezellenwerken auch in Deutschland weit oben auf der Agenda von Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU), konkrete Projekte sind auf den Weg gebracht worden. Altmaier kündigte einen „Transformationsdialog“ mit Autoherstellern und Zulieferern an, um rechtzeitig dafür zu sorgen, dass neue Jobs in Deutschland entstehen. Bisher haben E-Autos in Deutschland trotz steigender Zulassungszahlen noch nicht den Durchbruch auf dem Massenmarkt geschafft. Die Elektromobilität spielt eine zentrale Rolle im Klimaschutzprogramm der Bundesregierung, mit dem die Klimaziele 2030 vor allem im Verkehr erreicht werden sollen. Dafür wird bis 2030 eine Zahl von 7 bis 10 Millionen E-Autos in Deutschland als nötig angesehen. 

Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD)  lädt am 6. Februar zu einem "Industriedialog Neue Mobilität Sachsen" in die Gläserne Manufaktur von Volkswagen in Dresden ein, um sich dort über Chancen, Risiken und neue Geschäftsmodelle im Zuge des Transformationsprozesses auszutauschen.  (mit dpa)

 

Von Nora Miethke

Foto: © Jens Büttner/dpa
 

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