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Ein Belgier in Glashütte

08.06.2021
Yves Schmitz wollte unbedingt in Sachsen zum Uhrmachermeister werden. Er hat es getan. Und etwas ganz Verrücktes vorgelegt.

Von Maik Brückner

Dass Glashütte die deutsche Uhrenstadt ist, weiß man auch in Belgien. Für Yves Schmitz war es jedenfalls ein wichtiger Grund, sich gerade hier für einen Meisterkurs anzumelden. Jörg Tamme, Fachlehrer an der Glashütter Uhrmacherschule, war überrascht, als die Bewerbung einging. Immerhin erfordert so ein Kurs Präsenz - und Yves Schmitz wohnt rund 700 Kilometer von Glashütte entfernt.

Doch der Belgier meinte es erst. Dass hier auf Deutsch unterrichtet wird, war für ihn kein Hindernis. Schließlich ist er im Osten Belgiens aufgewachsen, wo die deutschsprachige Minderheit lebt, der er angehört. "Meine Muttersprache ist Deutsch, ich spreche zusätzlich Französisch und Englisch", sagt der junge Mann. Die Gegend, aus der er stammt, sein ein Mischgebiet, die Nähe zu Deutschland und zu den Niederlanden ein Vorteil. "Jedes Land hat etwas anderes zu bieten."

Lehre in Uhrmacher-Betrieb bei Köln

Das spiegelt sich auch in seiner Biografie wider. Nach seinem Abitur in Belgien wurde er zufällig auf den Beruf des Uhrmachers aufmerksam. "Dann packte mich die Neugierde", erinnert er sich. Er bemühte sich um ein Praktikum, suchte auch in Deutschland. Ein Uhrmacher-Betrieb bei Köln lud ihn ein. "Glücklicherweise konnte ich direkt im Anschluss dort meine Ausbildung beginnen."

Jörg Tamme, Vorsitzender des Meisterprüfungsausschusses in Uhrmacherschule Glashütte, zeigt die Meisterarbeit von Yves Schmitz.
Jörg Tamme, Vorsitzender des Meisterprüfungsausschusses in Uhrmacherschule Glashütte, zeigt die Meisterarbeit von Yves Schmitz. © Egbert Kamprath

Für die dreijährige Ausbildung zog er ins Rheinland, den theoretischen Unterricht gab es in der Berufsschule Recklinghausen. Diese lud ihre Lehrlinge auch zu einer Fahrt nach Dresden und Glashütte ein. Yves Schmitz konnte sich in der Manufaktur Lange und beim Uhrenhersteller Wempe umschauen. Damals konnte er sich nicht vorstellen, in dieser Stadt einmal lernen zu dürfen. Im Juli 2017 bestand er die Gesellenprüfung als NRW-Landessieger. Er bekam ein Stipendium. "Ich hatte großes Glück."

Das spornte ihn an, sich weiterzubilden. Yves Schmitz wollte den Meisterbrief. Für einen in Ostbelgien lebenden Uhrmacher ist das gar nicht so einfach. Vor Ort gibt es keine Uhrmacherschule, die ihn angesprochen hat. Deshalb schaute er sich um Umkreis von 1.000 Kilometern um. So rückte auch Glashütte in den Fokus.

Von oben sieht man genauer, was für eine "verrückte Sache" sich der Belgier ausgedacht hat.
Von oben sieht man genauer, was für eine "verrückte Sache" sich der Belgier ausgedacht hat. © Egbert Kamprath

Er bewarb sich und wurde aufgenommen. Im Oktober 2019 ging es los. Die Theorie wurde in Dresden gelehrt, der Praxisunterricht fand in Glashütte statt. Für diese Zeit bezog er eine Wohnung in Johnsbach. Dort wurde er sehr gastfreundlich aufgenommen. "Die Vermieter haben mir von Anfang an das Gefühl gegeben, willkommen zu sein."

Uhrmacher bevölkern ganze Dörfer

Sechsmal war er in Sachsen, für insgesamt 13 Wochen. Wenn er anreiste, hatte nicht nur seine Uhrmacher-Drehbank, Werkzeug und sein Meisterstück im Gepäck, sondern auch sein Mountainbike. Die freien Sonntage nutzte er, um die Gegend per Rad oder Auto genauer zu erkunden. Ein Eindruck wird ihm bleiben: In seiner belgischen Heimat ist man als Uhrmacher ein Exot. "Im Erzgebirge bevölkern die Uhrmacher sogar ganze Dörfer. Das war für mich eine ganz neue Erfahrung."

Der Einstieg in den Meisterkurs sei zunächst nicht leicht gewesen, erinnert er sich. "Zu Beginn merkte ich schnell, dass die Messlatte in Glashütte sehr hoch hängt und ich gegenüber meinen Klassenkameraden einiges aufzuholen hatte." Doch Yves Schmitz, der in seiner Familie der erste Uhrmacher ist, hatte den Ehrgeiz und war fleißig.

Im Deutschen Uhrenmuseum wird die Geschichte der Glashütter Uhrmacherei erzählt. Als Meisterschüler konnte sich Yves Schmitz die Schau kostenfrei anschauen. Er war begeistert.
Im Deutschen Uhrenmuseum wird die Geschichte der Glashütter Uhrmacherei erzählt. Als Meisterschüler konnte sich Yves Schmitz die Schau kostenfrei anschauen. Er war begeistert. © Rene Gaens

Hilfe kam von den Lehrern und seinen Mitschülern. Der Zusammenhalt habe ihn beeindruckt. Yves Schmitz traf auch Uhrmachermeister Marco Lang und konnte seine Mikromanufaktur kennenlernen. "Es hat mich inspiriert, wie ein einzelner Mann von der Idee bis zur Vollendung alle Schritte selbst in die Hand nimmt, um außergewöhnliche Armbanduhren höchster Qualität zu bauen."

Sein Meisterwerk ist etwas ganz Verrücktes, sagt Meisterausbilder Jörg Tamme. Yves Schmitz baute das Schlagwerk einer Tischuhr so um, dass der ursprüngliche Schlagwerkmechanismus geeignet ist, eine mechanische Handaufzugsuhr automatisch aufzuziehen. "Dies geschieht viertelstündlich. Praktisch gesehen ist das Meisterstück mit einem Uhrenbeweger für Automatikuhren vergleichbar", ergänzt er.

Neun Uhrenfirmen sind in Glashütte tätig. Die Lange Uhren GmbH ist der größte Hersteller. Als Lehrling durfte sich Yves Schmitz hier umschauen.
Neun Uhrenfirmen sind in Glashütte tätig. Die Lange Uhren GmbH ist der größte Hersteller. Als Lehrling durfte sich Yves Schmitz hier umschauen. © Egbert Kamprath

Um diese Aufgabe zu bewältigen, wurde er zwei Wochen lang mit dem nötigen Know-how ausgestattet. Danach hatte er eineinhalb Jahre Zeit, um das Projekt selbstständig zu konstruieren und zu bauen. "Mich hat überrascht, zu sehen, wie viel Leidenschaft und Kreativität wir alle in dieser Zeit aus uns herausgeholt haben, um aus einer vagen Idee ein vollendetes Unikat zu verwirklichen."

Meisterausbilder Tamme, der auch den Prüfungsausschuss leitet, wird den jungen Belgier nicht so schnell nicht vergessen. "Yves Schmitz ist engagiert, wissbegierig, hilfsbereit und lösungsorientiert. Und wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, wird dieses Ziel bis zum Ende verfolgt."

Entscheidung für Glashütte nie bereut

Inzwischen ist das Meisterstück fertig. Die Entscheidung, den Kurs in Glashütte zu machen, hat der 25-Jährige nicht bereut. "Ich bin sehr froh." Es sei eine intensive und interessante Zeit gewesen, in der er sich weiterentwickeln konnte.Und wie geht es weiter? Yves Schmitz arbeitet als Uhrmacher bei MarcelloC in der Region Aachen. Der Meisterkurs habe ihn inspiriert, sagt er. Er möchte sich auf dem Gebiet der Entwicklung und Konstruktion verwirklichen. Ob er dafür nach Glashütte zurückkehrt, ist eher ungewiss.

"Eine Lieblingsmanufaktur habe ich nicht". Besonders bewundernswert empfindet er aber den Werdegang von Lange Uhren. Das Unternehmen hat seit der Gründung 1845 immer wieder schwere Rückschläge erleiden müssen und ist trotzdem jedes Mal zu alter Stärke zurückgekehrt.

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