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"Ein Like bei Facebook rettet kein Geschäft"

Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge 28.01.2019
Der Freitaler Getränkehändler Alexander Frenzel spricht über die Gründe für das Ladensterben in der Stadt und mögliche Gegenmaßnahmen.

Wurst aus Somsdorf, Eier aus Blankenstein, Äpfel aus Pesterwitz und Hochprozentiges von zwei Brennereien aus Freital - Alexander Frenzel hat seinen Getränkemarkt in Freital-Niederhäslich in den vergangenen Jahren zu einem regionalen Hofladen umgebaut. Der 35-Jährige, der für die Freien Wähler im Stadtrat sitzt, gehört zu den wenigen Einzelhändlern, die sich trotz Ladensterben in der Stadt halten. Wie schätzt er die Entwicklung ein? Und welche Gegenmaßnahmen sind denkbar?

Herr Frenzel, wie oft haben Sie darüber nachgedacht, Ihr Geschäft aufzugeben?

Schon ein paarmal, aber eher, weil ich mich über die Leute geärgert habe. Wir haben hier ja einen neuen Laden gebaut. Entgegen den Erwartungen sind die Umsätze nach der Eröffnung Anfang 2017 aber ein Stück zurückgegangen. Hintenrum hab ich dann gehört, wie die Leute reden: "Mensch, der hat einen neuen Laden gebaut. Dem geht es wohl zu gut. Da müssen wir ja nicht mehr bei dem einkaufen." Der Neid und die Missgunst machen leider vieles kaputt.

Wie haben Sie trotzdem überlebt?

Mit unserem Service. Wir beliefern Büros, auch Privatleute. Seit drei Jahren sind wir außerdem im Onlinehandel aktiv. Wir liefern europaweit. Das ist ein schönes Nebengeschäft, das man mitnehmen muss. Bei den Aktionspreisen, die die großen Supermärkte und Getränkehandelsketten raushauen, kann kein kleiner Markt, wie wir einer sind, mithalten. Die Leute sehen nur noch das Geld. Das ist ihnen in den letzten 15, 20 Jahren so anerzogen worden. Dadurch haben wir ja so viele Discounter hier. Das ist das Grundübel.

Ist das Ihrer Meinung nach der Hauptgrund für das Ladensterben an der Dresdner Straße und ringsum?

Die Kunden werden immer bequemer. Wenn man bei Lidl, Netto oder im Kaufland alles auf einmal bekommen kann und billig noch dazu, klappert niemand mehr einzelne Geschäfte an der Dresdner Straße ab.

Also liegt es am Verbraucher.

Ja, letztlich schon. Die Gewohnheiten wurden den Leuten so anerzogen vom Markt.

Auf der anderen Seite bedauern viele Menschen, wenn Läden schließen müssen. Ist das nicht merkwürdig?

Ein Like bei Facebook rettet kein Geschäft. Man muss schon auch dort einkaufen. Wenn man nur redet, aber selbst nichts tut, dann ist das, wie wenn Menschen nicht wählen gehen und sich dann über die Politik aufregen. Wir brauchen einen gesunden Lokalpatriotismus. Die Leute müssten sich mehr dafür interessieren, was sie in ihrem Umfeld verbessern können.

Wäre es mit mehr Lokalpatriotismus schon getan? Der Großeinkauf im Supermarkt ist doch auch einfach sehr praktisch. Für den Bummel über die Dresdner Straße haben viele gar keine Zeit, oder?

Richtig. Das Problem mit dem Ladensterben gibt es ja nicht nur an der Dresdner Straße, sondern auch in anderen Städten sind die Straßen verwaist. Es braucht ein neues Konzept für die kleinen Läden. Denn rückgängig machen können wir nichts. Wir können weder den Weißeritzpark in Freitals Mitte umsetzen noch die Discounter abreißen.

Was schlagen Sie vor?

Es braucht zunächst einen Quartiersmanager. Die Stelle könnte im Technologiezentrum angesiedelt sein. Das heißt, der Manager könnte sich dann sowohl um die Flächen dort als auch um die leeren Läden an der Dresdner Straße oder im Mühlenviertel kümmern.

Was genau könnte der Quartiersmanager tun?

Das Erste wäre eine Werbekampagne fürs Einkaufen bei lokalen Einzelhändlern. Man muss den Leuten vor Augen führen, wer hier auch Steuern zahlt. Das sind nicht die Nettos und Fristos und die anderen großen Ketten. Das Zweite wäre, Nutzungen für die Läden zu finden. Ich könnte mir vorstellen, dass in einigen Geschäften Nachbarschaftszentren entstehen könnten, wenn die Nachfrage da ist. Wichtig ist aber, dass man alle Vermieter der Läden mit ins Boot holt, um weitere Ideen zu entwickeln.

Was wäre auch Ihrer Sicht denkbar?

Ich finde, man müsste auch über eine Förderung von innovativen Ideen nachdenken. Denkbar wäre ein Mietzuschuss für das Ladengeschäft. Vielleicht gibt es dafür ja auch Förderprogramme. Da gibt es bestimmt etliche Möglichkeiten. Außerdem sollte sich Freital mit dem Konzept der Pop-up-Läden beschäftigen. Das sind Geschäfte mit meist innovativen Konzepten, die nur für eine relativ kurze Zeit bestehen. In manchen Gegenden gibt es einen regelrechten Hype um solche Läden. Auch das könnte man in Freital versuchen.

Mit welchem Angebot könnte es gelingen, die Dresdner Straße wieder zu einem Magneten zu machen?

Ich denke, im Handel muss man sich ständig neu erfinden. Und das ist auch an der Dresdner Straße gefragt. Man kann den alten Zeiten nicht hinterherjammern. Vielleicht ist es auch möglich, Künstler aus der Dresdner Neustadt nach Freital zu locken. Die Preise für Ateliers steigen dort, hier gibt es jede Menge Platz. Es gibt viele Möglichkeiten. Letztlich muss man sich für ein Konzept entscheiden.

Was denken Sie, welchen Effekt der Zentrumsbau am ehemaligen Sächsischen Wolf haben wird?

Wenn dort wirklich, wie es gesagt wird, ein Edeka hinkommt, dann kann das ganz gut funktionieren. Denn im höherwertigen Segment gibt es derzeit in Freital kaum etwas. Davon profitieren dann auch andere Geschäfte in Deuben. Es kann ein Zugewinn sein.

Sie haben jetzt einige Ideen für eine Wiederbelebung der Dresdner Straße genannt. Was tun Sie dafür, dass es nicht nur bei der Idee bleibt?

Wir müssen Gespräche mit anderen Stadtratsfraktionen führen und schauen, ob wir für die Vorschläge Mehrheiten im Stadtrat finden. Wenn viele dahinter stehen, kann es eine gute Sache werden.

 

Das Interview führte Tobias Winzer.

Foto: Egbert Kamprath

 

 

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