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Ein Robo-Hund im Streifendienst

04.08.2022
Weil selbst bei Sicherheitsfirmen das Personal knapp wird, arbeitet die junge Firma Security Robotics an Systemen, die Wachleute im Einsatz unterstützen. Ihr Aushängeschild ist Spot, ein Roboter auf vier Beinen.

Von Sven Heitkamp

Aleksej Tokarev hat nicht viel Zeit. Vor seiner Bürotür sitzen schon die nächsten Bewerber für eine seiner freien Stellen. Sein kleines junges Tech-Unternehmen Security Robotics, gegründet Anfang 2021, zählt bereits acht Leute, fünf von ihnen in Leipzig, drei in Berlin. Und es soll weiter wachsen. Ende Mai haben sie den ersten Roboterhund und einen fahrenden Begleiter mit 360-Grad-Kamera in Deutschland in Dienst gestellt, sie bewachen nun vollautomatisch ein Logistikzentrum in Erfurt. Selbst Thüringens Wirtschafts- und Digitalminister Wolfgang Tiefensee (SPD) kam zum Auftakt vorbei. Und das soll erst der Anfang sein.
„Wir sind noch sehr im Aufbau“, sagt Tokarev. Doch mehrere große Unternehmen verschiedener Branchen, unter ihnen Autokonzerne, Logistiker und die Deutsche Bahn, würden sich bereits mit den Sicherheitssystemen an konkreten Beispielen wie etwa Gleisanlagen beschäftigen, um ihren Nutzen zu testen. „Wir haben erwartet, dass es so schnell gehen würde, denn Studien zeigen, dass der Bedarf an solcher Technik groß ist“, erzählt der Co-Gründer des Software- und Hardware-Spezialisten.

Spot bringt die Plattform mit
Security Robotics bietet Wachschutzkonzepte an, bei denen ihr elektronischer Vierbeiner zusammen mit autonomen Fahrzeugen und Drohnen über Firmengelände patrouilliert. Das Rad neu erfunden haben die IT- und Sicherheitsspezialisten allerdings nicht. Ihr Roboterhund wurde 2019 von der amerikanischen Robotikfirma Boston Dynamics präsentiert und auf den Markt gebracht. Doch „Spot“ bietet von Haus aus nur eine Plattform mit einigen Basisfunktionen: Er ist zwar ein wendiger, mobiler Roboter, der mit fünf Stundenkilometern Streife laufen und sich im Gelände bewegen, 14 Kilo Ausrüstung tragen und Daten erfassen kann. Aber erst Security Robotics und andere Unternehmen in Europa bringen der Maschine auf vier Beinen bei, autonome Missionen auszuführen und richtige Wachdienstaufgaben zu übernehmen. Dafür müssen dann keine Wachleute mehr lange Kontrollgänge absolvieren.
Spot wurde vor allem entwickelt, um dorthin zu gehen, wo andere Roboter nicht hinkommen. Anders als fahrende Vehikel meistert er auch Stufen und Treppen, Gleise und unebenes oder gefährliches Terrain. Wenn seine hochauflösenden Kameraaugen, Wärmebildkameras und Lidar-Sensoren mithilfe Künstlicher Intelligenz etwas Ungewöhnliches feststellen, informiert er die Leitstelle und andere Kollegen. Mit der nötigen Programmierung kann er unter anderem offene Türen, fehlende Feuerlöscher oder ungebetene Personen erkennen. Auch ungewohnte Gerüche und Gase soll er bald detektieren können. Nur aufhalten darf er niemanden, geschweige denn Waffen einsetzen.

Als Entwickler begonnen
Der 37-jährige Firmeninhaber Tokarev stammt ursprünglich aus Sibirien. Als er 19 Jahre alt ist, ziehen seine Eltern mit ihm nach Deutschland. „Meine Mutter ist Russlanddeutsche“, erzählt er. Bis zum Umzug hat der junge Mann die ersten Semester Schifffahrts-Elektronik in Omsk absolviert. Bald darauf studiert er Informatik an der Berufsakademie in Leipzig und jobbt nebenbei in einer Sicherheitsfirma. Nach dem Studium fängt er bei der Firma BitCtrl als Entwickler an. Nebenher betreut er andere Projekte – unter anderem für das bundesweite Sicherheitsunternehmen Ciborius Group. Dabei lernt er auch Spot kennen, den Robotik-Hund aus den USA. „Anfangs habe ich ihn bei mir im Keller programmiert“, erzählt Tokarev. „Aber bald wurde uns klar, dass Spot nicht nur die Ciborius Group interessiert, sondern viele andere Unternehmen der Branche.“
Aus dem kleinen Forschungsprojekt wird ein eigenständiges Unternehmen: Security Robotics. Technikchef ist Aleksej Tokarev, kaufmännische Geschäftsführerin wird Katharina Ciborius. Das Unternehmen ist heute ein wichtiger Partner und Kunde der Leipziger, die Firma betreut auch das erste Pilotprojekt in Erfurt. „Mit den steigenden Auftragsvolumen der Branche steigt auch der Personalbedarf“, sagt Projektleiter Adrian Fischer von der Ciborius-Gruppe. Doch Personal sei eben knapp. „Da mussten wir gegensteuern.“ Allerdings hat der Robo-Hund mit seinen 32 Kilo Eigengewicht plus Aufbauten, mit seiner aufwendigen Beinmechanik und seinen wenigen Akku-Plätzen bisher nur eine Laufzeit von 60 bis 90 Minuten. Danach muss er für zwei Stunden an eine Ladestation. Von dort könne er aber wichtige Areale im Blick behalten, betont Tokarev. In Kombination mit einer Drohne und dem radgetriebenen Argus sei eine Rundumbewachung absolut möglich. Der Argus hält sogar zehn bis zwölf Stunden durch und verfügt neben Kameras auch über eine Gegensprechanlage, um Menschen im Gelände anzusprechen. Durch kluge Algorithmen und Vernetzung könne ein ganzes Rudel von Sicherheitsrobotern gemeinsam patrouillieren und sich als Team selbstständig organisieren.
In voller Ausstattung kostet ein Roboterhund bis zu 120.000 Euro oder bis zu 12.000 Euro Miete im Monat. Dies sei aber gemessen an den Personalkosten, die er einspart, eine relativ geringe Investition, sagt Tokarev. Wichtig ist ihm dabei eine andere Feststellung: „Die Roboter
rationalisieren keine Arbeitsplätze weg – im Gegenteil. Wir schaffen bessere Arbeitsbedingungen für die vorhandenen Kollegen.“ Indem die Technik einfachste Tätigkeiten übernimmt, würden Jobs im Sicherheitsservice umso interessanter. „Statt nachts durch die Kälte zu laufen, werden die Mitarbeiter umgeschult und lernen, in der Leitstelle Roboter zu verstehen“, sagt Tokarev. Er weiß, wovon er spricht. Er ist heute selbst Dozent für Digitaltechnik an der Berufsakademie.

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