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Ein Tässchen kommt selten allein

15.03.2019
Die Leuchtenburg Kahla kann ein Riesengeschenk gut gebrauchen und setzt auch Mitropa-Geschirr aus der DDR ins rechte Licht.

Für jede vernünftige Hausfrau wären die Regale ein Graus, doch für Gunnar Jakobson sind sie das Paradies. Teller und Tassen stapeln sich neben Teekannen, Saftbechern und Salzstreuern. Die Stücke sind zerbrechlich, schön und kostbar. Manche passen zusammen und manche auch nicht. Es sind 15.000 oder 20.000, „da wollen wir doch nicht kleinlich sein“, sagt Jakobson. Er hat noch immer nicht jeden Napf umgedreht mit diesem typischen Schwung aus dem rechten Handgelenk, der den Kenner verrät. Er kann aus den Mustern und Buchstaben auf der Unterseite ganze Firmengeschichten und Biografien herauslesen. Blaue Schwerter aus Meissen sind die leichteste Übung. „Monika“ heißt das Mokkaservice. Wer würde sich das heute trauen.

Wer sich für Porzellan interessiert, ist in Kahla auf der Leuchtenburg richtig, und wer sich nicht dafür interessiert, sowieso – denn dort wird das Material unterhaltungsfilmreif inszeniert. Man darf es sogar fallen lassen. Ein langer Steg führt hinaus in die Landschaft. Von da aus wirft man einen Teller mit einem notierten Herzenswunsch drauf in die Tiefe. Die Teller liefert eine benachbarte Firma. Die Scherben bringen Glück. Das sieht Gunnar Jakobson anders, wenn er mit seinen Leuten einmal im Jahr den Scherbenberg abträgt. Und doch hat er Glück, und die Burg hat es auch, und endlich gibt es mal eine rundum positive Geschichte zu erzählen. Einige Sachsen spielen dabei eine Rolle, und ein tragischer Tod kommt auch vor, wegen der Spannung.

Der Tote heißt Dieter Högermann. Er arbeitete in einem Berliner Museum und sammelte privat Porzellan der Moderne. Seine Lebensgefährtin erteilte ihm irgendwann Flohmarktverbot, doch welcher Sammler kann an dem Tässchen vorbeigehen, das er seit einer halben Ewigkeit sucht, weil es so elegant aussieht, weil es so selten ist, weil es Industriegeschichte erzählt. Gründe finden sich immer. Ein Tässchen kommt selten allein. Milchkännchen leben erstaunlich lange. Es gibt sie dünn und dickbäuchig, schlank, rund, eckig, zierlich, und da ist von zwei Dutzend Henkelvarianten noch gar nicht die Rede. Das Design stammt direkt aus dem Bauhaus oder ließ sich von dort inspirieren. Högermann liebte die klare Form. Lange suchte er den passenden Ort für seine Schätze. Er fand ihn auf der Leuchtenburg Kahla.  

Königin des Saaletals

Die Burg auf dem Berg in Thüringen ist schon von der Autobahn aus zu sehen: Königin des Saaletals und schönste Höhenburg Deutschlands, so viel Patriotismus muss sein. Wissenschaftler schließen aus jüngsten Holzschnipselfunden auf ein Alter von fast 1 000 Jahren. Immer, wenn Geld da war, wurde ein weiteres Teil angebaut. Das kennt man von Gartenlauben. Ritter oder Könige wohnten da nie. Die Leuchtenburg war Verwaltung, Zucht-, Armen- und Irrenhaus und erlebte die übliche Karriere als Jugendherberge. Burgmeister Gunnar Jakobson stammt aus Gera, er wird dieses Jahr fünfzig und erinnert sich gut, wie er als Schüler über die Steine stieg.

Vielleicht rauchte er seine erste heimliche F6 in den Räumen, die er für Högermanns Sammlung vorbereitet. Sie reicht von den Dreißigerjahren bis in die Gegenwart. Berühmte Gestalter wie Gerhard Marcks, Wilhelm Wagenfeld oder Walter Gropius sind mit Spitzenstücken vertreten. Jakobson dreht ein hauchdünnes Porzellan vor seinen Augen hin und her wie einen Edelstein. Viele dünne rote Ringe laufen rund um die weiße Teetasse. Da muss jemand eine ausgeruhte Hand gehabt haben.

Als sich der Berliner Dieter Högermann 2011 mit seinen Schätzen in Kahla meldete, war die Leuchtenburg Bauplatz, Vision und Finanzloch. Daran hat sich wenig geändert, obwohl sich alles geändert hat und sich sogar ein Toilettentourismus entwickelt. So sagt es Ulrike Kaiser mit einem schrägen Lächeln. Sie öffnet im Besucherzentrum die Tür zum Herrenklo, das darf sie als Direktorin. Hohe Fenster geben den Blick frei bis zum Feldgrün am Horizont. Das Örtchen ist rundum in Pink gestrichen, wohl für Freunde des Sprachspiels. Pardon.

Ein kühner Entwurf

Das Besucherzentrum ist der erste Neubau seit 150 Jahren. Ein kühner Entwurf der Architektin Silke Loose aus Dippoldiswalde. An dieser Stelle kommt auch Sven-Erik Hitzer ins Spiel. Das ist jener sächsische Unternehmer, der Schmilka zum Biodorf umbaut. Er kümmert sich um die Gastronomie auf dem Königstein und hatte die Schenke auf der Leuchtenburg gepachtet, als der Freistaat Thüringen das größtenteils leer stehende Areal loswerden wollte. Der Versteigerungstermin stand schon fest. Hitzer investierte 50 000 Euro und gründete kurzerhand eine Stiftung. Sie kaufte die Burganlage 2007. Sieben Jahre und sechzig Baufirmen später eröffnete die erste Ausstellung. Thüringer Porzellan war aus früheren Museumsbeständen vorhanden.

Immerhin soll es in der Region mal bis zu 400 Porzellanfirmen gegeben haben. Heute sind es rund 40, und da ist die Werkstatt des Keramikmeisters Gunnar Jakobson im Nachbardorf mitgezählt. Er kommt nur gerade nicht dazu. „Porzellan ist ein anspruchsvolles Material, es erfordert Energie, Kraft, Zeit, das kann man nicht nebenbei machen.“ Vorsichtig schiebt er einen Tellerstapel im Lager beiseite. Irgendwo müsste es die dazu passende Kanne geben. Von manchem Modell kaufte der Sammler Högermann ein zweites, wenn ihm das perfekter erschien. Bei Kannen sind ja die Schnäuzel besonders anfällig.

Es sei denn, sie stehen so geschützt wie das weiße Teekännchen hinter der Lupe in der Dauerausstellung. Es würde in einen Teetropfen passen. Die Ausstellung erzählt faszinierende Porzellangeschichten auch am Beispiel eines Fleischklopfers, mit dem eine rüstige Rentnerin zwei Diebe in die Flucht schlug. Eine fürstliche Tafel wird lebendig per Film, wenn fürstliche Hände nach Hühnerschenkel und Trauben greifen, bis die leeren Teller übrig bleiben und das Geplauder und Gekicher vergeht. Am Ende, sagt Stiftungsvorstand Sven-Erik Hitzer, sollen die Besucher ihre Kaffeetasse zu Hause mit anderen Augen betrachten.

„Zunächst sind wir im Kleinbus quer durch Europa gefahren und haben geguckt, wie es berühmte Burgen machen“, erzählt Direktorin Ulrike Kaiser. Eine Ausstellungsfläche von mehr als tausend Quadratmetern will gefüllt sein. Noch sind knapp drei Millionen Euro für Kredite zurückzuzahlen. „Wir sind eine arme Stiftung, aber reich an Ideen. Wir versuchen, ein Überlebensgesamtpaket zu schnüren.“ Dazu zählen österliche Mittelalterspiele und Weihnachtsmärkte, Konzerte in der weltweit einzigartigen Porzellankirche und eine Alchemistenküche, in der sich jeder selbst sein weißes Gold mischen kann. Wirklich jeder. Die Burg ist mit Rollator und Rollstuhl befahrbar. Im Besucherzentrum stehen solche Geräte zum Ausleihen. Dagegen wirken die meisten sächsischen Burgen und Schlösser wie uneinnehmbare Festungen. Sven-Erik Hitzer plant einen Schrägaufzug. Forstleute legen gerade die Schneise frei.

"Porzellan ist nicht sexy*

Die mittelalterliche Leuchtenburg zählt jährlich etwa 77 000 Besucher. Erhofft waren doppelt so viele. „Porzellan ist nicht sexy“, sagt die Chefin. Lieber spricht sie von einem Ort der Wünsche und Wunder. Und wunderbar war es durchaus, dass Högermann seine Schätze zum Geschenk machte. Sie waren verpackt in 1 100 Bananenkisten. Das will man sich lieber nicht vorstellen. Gunnar Jakobson packte aus und aus und aus und feierte ein Jahr lang Weihnachten. „Es ist ja nicht nur die Quantität, die Sammlung hat eine fantastische Qualität!“ Wie Högermann liebt er das zeitlose, klare Design. „Schnörkel tun den Augen weh. Nur was funktioniert, ist schön!“

Er erzählt, wie Keramiker erst in den Dreißigerjahren aufs Bauhaus kamen und wie die Bewegung „Die Gute Form“ in den Fünfzigern gegen Tütenlampe und Nierentisch opponierte. Er streicht über den glatten Bauch einer Kanne. „Erinnert das nicht in der Beschränkung aufs Wesentliche an das alte chinesische Porzellan?“

Högermann hat es nicht mehr erlebt, wie seine Kollektion geliebt wird und nun erstmals an die Öffentlichkeit kommt. Er starb 2012 mit Ende siebzig.

Zwischen Suppenschüsseln und Eierbechern liegen Zeitungspapierfetzen, mit rotem Filzstift beschrieben. Es ist die Inventarliste des Sammlers und ein Albtraum für jeden Ausstellungsmacher, der nach Systematik sucht. Gunnar Jakobson wird ohnehin nur wenige Stücke zeigen können, 150 vielleicht, man könnte von einem Bruchteil sprechen, wäre das nicht materialwidrig. Die Ausstellungsräume bleiben ungestrichen, die Löcher in den Wänden unverputzt und die Holzbalken roh. „Das wertet die Formen auf“, sagt Jakobson. Billiger ist es auch. Die Sonderschau öffnet am 1. April zum 100-jährigen Bauhaus-Jubiläum. Weil sich die Sammlung auf westdeutsches Design spezialisiert, stellt Jakobson ostdeutsche Leihgaben dazu. „Das DDR-Design der 50er- und 60er-Jahre hätte im Weltmaßstab mitmischen können.“ Das Mitropa-Geschirr nennt er ein Meisterwerk.

Der Deckel als Sensation

Es ist die bekannteste Arbeit von Margarete Jahny, die 1916 in einem Altenheim in Wittichenau starb und die gemeinsam mit ihrem Kollegen Erich Müller die innovativsten Modelle entwarf. Das Porzellan, das dann in Speisewagen und Bahnhofsrestaurants zum Einsatz kam, hatten sie unter dem Namen „Rationell“ für Hotels entworfen. Es ist nicht nur besonders leicht und stapelbar. Die Sensation ist der Kannendeckel: Man muss ihn nicht festhalten beim Einschenken. Eine Hand reicht. Jakobson demonstriert es mal, es klappt nicht, so ist das immer. Das Porzellanwerk Colditz stellte das Geschirr Anfang der Siebzigerjahre auf der Leipziger Messe vor. Eine große westdeutsche Firma kam, sah und siegte, kopierte das Deckel-Prinzip und meldete es zum Patent an. Jakobson schüttelt den Kopf. „Das ist typisch für die DDR, es dauerte alles viel zu lange.“

Der Westberliner Sammler Dieter Högermann mochte ostdeutsches Design nicht besonders. Am wenigsten gefiel ihm das Porzellan aus Kahla.

 

Von Karin Großmann

Foto: © Ronald Bonß

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