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Ein Zeppelin aus der Lausitz

05.08.2020
Diplomat, Hersteller von Füllern und Kulis setzt auf urbanes Design und Luxus. Doch zurzeit muss die Firma aus Cunewalde vor allem die Krise durchstehen.

Von Peter Ufer

Wie ein Zeppelin vor dem Start liegt der Stift auf dem Tisch. Das Schreibgerät gleicht einer Zigarre, taugt aber nicht zum Rauchen, denn es besteht aus Aluminium. Kappe und Behälter tragen vertiefte Mulden, so als sollte ein Sturm ungehindert darüber gleiten. Die stromlinienförmige Form gab dem Schreiber seinen Namen: "Aero".

Er gehört zu einer Reihe neu gestalteter Federhalter, Tintenroller und Kugelschreiber des Stifte-Herstellers "Diplomat". "Wir setzen im digitalen Zeitalter auf innovatives Design und außergewöhnliche Materialien", sagt Tobias Skala, der Werkleiter des Unternehmens mit Sitz in Cunewalde im Landkreis Bautzen. Der "Aero" besitzt deshalb nicht nur ein Aluminiumgehäuse, sondern kann ebenso aus Edelstahl bestehen. Dann liegt er schwer in der Hand. Zehn verschiedene Varianten werden zurzeit angeboten. Ganz neu das Modell "Flame". Dafür flammt ein Mitarbeiter des Hauses per Hand mit einem Brenner die Metalloberfläche.

In der Modellwerkstatt der Firma liegt ein weiterer "Aero", den es ab September in limitierter Auflage geben soll. Dabei handelt es sich um einen großen Füllfederhalter aus Aluminium mit einer Feder aus Gold. Clip und Kappen-Abschluss stammen aus einem 3-D-Drucker für Metall. Das ist die edle Variante für rund 1.000 Euro. "Füllfederhalter sind für viele ein Luxusgut und dem kommen wir entgegen", sagt Skala.

Um aber auch junges Publikum anzusprechen, engagierte die Firma kürzlich die Designerin Claudia Walde. Die 39-Jährige wurde in Bautzen geboren, verdient seit Jahren ihren Lebensunterhalt mit Graffiti, gilt als Institution in der Sprüher-Welt und machte sich in der Szene als MadC weltweit einen Namen. Erst im vergangenen Jahr gestaltete die Lausitzerin ein 18 Stockwerke hohes Gebäude in New Jersey. Und jetzt setzt sie ihre Farben auf ein traditionelles Schreibgerät von "Diplomat". Der urbane Style kommt per Wassertransferdruck auf die Oberflächen der Stifte.

Rund zwei Millionen Euro Umsatz erwirtschaftete "Diplomat" mit seinen 13 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern 2019, produzierte rund 190.000 Schreibgeräte in dem Jahr. Das werde das Unternehmen 2020 nicht schaffen, schätzt der Werkleiter ein. Seit März musste er wegen der Corona-Krise alle Beschäftigten in Kurzarbeit schicken und es sei bisher nicht absehbar, wann er zur normalen Produktion zurückkehren könne. 70 Prozent der Produkte gehen in den Export, acht Prozent allein in die USA. Doch seit Geschäfte schließen mussten und Exportketten unterbrochen worden, sei der ohnehin gesättigte Markt noch schwieriger geworden. "Wir müssen jetzt den Sommer durchstehen und ab September, so hoffe ich, starten wir wieder durch", sagt Skala.

Seit 1922 stellt Diplomat Schreibgeräte her und verschrieb sich von Anbeginn einem Motto: Scribendo obligat - dem Schreiben verpflichtet. Der Ursprung des Traditionshauses liegt im niederrheinischen Hennef. Dort produzierte das Unternehmen Füller, machte als eine der ersten Firmen in Deutschland den aus Amerika kommenden Kugelschreiber populär und Ingenieure entwickelten Ende der 1950er-Jahre den ersten deutschen Patronenfüllhalter. Diplomat gehörte neben Pelikan und Mont Blanc zu den großen Schreibgeräteherstellern der Bundesrepublik. In der DDR fertigte der VEB Schreibgeräte "Markant" in Singwitz Füller. 2001 kamen beide Hersteller zusammen und die Produktion in Cunewalde wurde in dem historischen Gebäude der früheren Markant-Lehrwerkstatt eröffnet. Seit 2016 gehört Diplomat dem französischen Unternehmer Mathias Ringeard, der mit Freude sieht, wie die Lausitzer Schreibmanufaktur Innovationen vorantreibt, um alle Stürme zu überstehen.

Dieser Artikel ist in der Juli-Ausgabe von Wirtschaft in Sachsen erschienen.

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