Torgauer Hafen.jpg

Elbhafen Torgau: Mit Millionen saniert - für ein Schiff im Jahr

12.01.2022
Die Bilanz des Torgauer Hafens ist ernüchternd. Heiko Loroff, Chef von Sachsens Binnenhäfen, erklärt die Gründe und sieht kein Desaster.

Tatsächlich sei 2021 nur ein Schiff im modernisierten Hafen Torgau abgefertigt worden, räumt Heiko Loroff, Chef der Sächsischen Binnenhäfen Oberelbe GmbH (SBO), ein. „Dennoch ist der Hafen kein Desaster“, entgegnet er Kritikern. Anfallende Kosten würden über Vermietung und Verpachtung sowie den Umschlag über Bahn und Lkw gedeckt, so der Geschäftsführer des landeseigenen Hafenverbunds. Das Personal gehöre sowieso zur Gruppe und arbeite in den Häfen Riesa und Dresden.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) hatte im Mai 2018 selbst am Steuerknüppel gesessen und vor 100 Gästen den ersten Hub mit dem neuen Hafenkran erledigt. Der Makel: Schon damals fehlte ein Schiff – wegen Niedrigwassers. Dass der Premier den symbolträchtigen Akt vollzog, kommt nicht von ungefähr: Schließlich hat der Freistaat als SBO-Eigner das Gros der 18,6 Millionen Euro für Kaimauer, Kranbahn, Gleisanlagen, den 25-Tonnen-Hydraulikkran und technische Ausrüstungen bezahlt. Auch Bahnübergänge wurden erneuert, Gleise zwischen Bahnhof und Hafen instand gesetzt. Einen Teil des Geldes steuerte die EU bei. 2014 war mit 10,6 Millionen Euro noch gut die Hälfte jener Gesamtkosten veranschlagt worden.

Zur Sächsischen Binnenhäfen GmbH gehören Häfen in Dresden, Riesa, Torgau (Sachsen), Roßlau (Sachsen-Anhalt), Mühlberg (Brandenburg), Decin, Lovosice (Tschechien). Verschifft werden u. a. Sojaschrot, Holz (Heidegesellschaft Trittau), Chemikalien (Wacker), Baustoffe (Lausitzer Granit), Stahl (Feralpi), Container (Kronospan), Getreide, Turbinen, Trafos (Siemens, VEM) und Schrott. 2020 hatte die SBO einen Umsatz von 19,2 Millionen Euro erwirtschaftet, eine Million weniger als im Jahr zuvor.

Nur jede 17. Tonne per Schiff

„Wir wussten, dass es nach vierjähriger Schließung schwer wird, den Hafen Torgau aus dem Nichts wieder zum Laufen zu bringen“, gesteht Heiko Loroff. Erschwerend komme hinzu, „dass die Deutsche Bahn den Hafen Torgau immer noch nicht wieder in ihr Verkehrsnetz als Güterumschlagstelle aufgenommen hat – so wie es vor der Stilllegung der Fall war“, sagt er. So werde der Hafen nur eingeschränkt bedient.

Torgau ist ein Universalhafen für Stück-, Schütt- und Schwergüter sowie für Container, in der SBO Holz-Spezialist und seit 2007 an die norddeutschen Seehäfen angebunden. Laut Plan sollten dort 120.000 Tonnen pro Jahr umgeschlagen werden. Oft macht niedriger Wasserstand einen Strich durch die Rechnung. Wegen eines Elbpegels um 90 Zentimeter können Frachter mit 1.000 Tonnen Kapazität kaum zur Hälfte beladen werden. „An bis zu einem Drittel der Tage im Jahr ist die Elbe nicht befahrbar und das Schiff für die Wirtschaft ein unzuverlässiger Verkehrsträger“, hatte Wolfram Günther (Grüne), heute sächsischer Umweltminister, damals moniert und von einer Fehlinvestition gesprochen.

Der Güterverkehr auf der Elbe, um 1900 noch verkehrsreichster Fluss Europas, ist auf dem Rückzug. Er macht 0,2 Prozent der auf deutschen Wasserstraßen beförderten Ladung aus. In Sachsen wandert nur jede 17. Tonne vom oder aufs Schiff.

Es geht um Zeit statt Menge

Corona habe zur völligen Verschiebung der Lieferketten geführt, erklärt Loroff, der den deutsch-tschechischen Konzern seit zehn Jahren führt. Da es nicht mehr um Menge, sondern um Zeit gehe, hätten Lkw und Bahn die Nase vorn. „Ein Schiff braucht fünf Tage von Hamburg, ein Lkw acht und ein Zug zehn Stunden“, vergleicht der 53-Jährige. Die Elbe sei 2021 fast durchgehend schiffbar gewesen. Zwar gebe es „eine sehr gute Auftragslage im Schwerguttransport ab Dresden, aber die Schifffahrt im konventionellen Bereich ist massiv zurückgegangen“. Das sei kein Phänomen an der Elbe, sondern treffe pandemiebedingt fast alle Binnenhäfen in Europa und werde, mindestens bis zum Jahresende so bleiben, prognostizieren Experten.

„Dennoch wird die SBO 2021 eines der besten Geschäftsjahre überhaupt abliefern“, sagt Loroff. Das sei „ein toller Erfolg“. Die Umschlagmenge werde um 20 Prozent über der des Vorjahres liegen. Vor allem die Häfen in Dresden und in Tschechien hätten massive Zuwächse zu verzeichnen.

Für Torgau müsse man die langfristige Entwicklung im Auge haben und dürfe nicht in Aktionismus verfallen, sagt Loroff. Ziel müsse es sein, „hafentypische Leistungen und Verkehrsverlagerung für die umliegende Industrie und Logistikbranche als dauerhaftes Angebot zu etablieren“. Ursprüngliche Umschlaggüter, wie Düngemittel, Holz und Rohstoffe würden wieder nachgefragt, „und das gibt uns Zuversicht“.

Hoffnung auf Kohlereviere

Loroff sieht eine hohe Nachfrage zur künftigen Nutzung des Torgauer Hafens, vorrangig aus der Holzindustrie und dem Rohstoffsektor. Weil die Häfen Dresden und Riesa eisenbahntechnisch ausgelastet seien, würden dort auch Ideen zur Verkehrsverlagerung Straße–Schiene verfolgt. Auch bei der Entwicklung der Ex-Kohlereviere in der Lausitz und um Leipzig werde Torgau an Bedeutung gewinnen können.

Für Sachsens Wirtschafts- und Verkehrsminister Martin Dulig (SPD) hat der Hafen „noch immer größte Entwicklungsreserven“. Die SBO benenne „nachvollziehbare Gründe für die derzeitige Situation“, sagt er zur SZ. Zugleich zeige die Gesellschaft auf, wie sie die Reserven künftig erfolgreich erschließen wolle. „Somit ist die Erwartung der Staatsregierung an die SBO hier ebenso groß wie das Entwicklungspotenzial des Torgauer Hafens“, sagt Dulig.

Zur Newsletter-Anmeldung

Bestellen Sie jetzt den kostenlosen E-Mail-Newsletter WIRTSCHAFT in Sachsen und erhalten Sie ab sofort 1x die Woche aktuelle Neuigkeiten aus dem sächsischen und dem nationalen Wirtschaftsgeschehen.

Newsletter bestellen

Weitere Artikel

Chefin der Dresdner UN-Universität verstärkt Unternehmerpreis-Jury

Chefin der Dresdner UN-Universität verstärkt Unternehmerpreis-Jury

Edeltraud Günther, Direktorin des Unu-Flores-Instituts der Vereinten Nationen, unterstützt die Suche nach den besten Ressourcenmanagern in Sachsen.

"Bitte nicht noch einen Lockdown"

"Bitte nicht noch einen Lockdown"

Nach der erneuten Corona-Zwangspause dürfen Fitnessstudios wieder öffnen. Wie es im My Gym in Kamenz jetzt läuft und was die Chefin besonders kritisiert.

Sachsens DGB-Chef: "Entsetzt über Umgang mit Kohle-Millionen"

Sachsens DGB-Chef: "Entsetzt über Umgang mit Kohle-Millionen"

Markus Schlimbach wurde im Amt bestätigt. Nach der Wiederwahl spricht er über die Schuldenbremse und eine neue Arbeiterbewegung.

Kommt langsam wieder Leben in die Stadt?

Kommt langsam wieder Leben in die Stadt?

Lokale dürfen länger öffnen, Kinos sind offen. Das zieht vor allem am Wochenende Besucher in die Dresdner City. Warum das nicht reicht.