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Er holt die Sonne in den Osten zurück

04.01.2021
Mit der Schweizer Firma Meyer Burger kündigt sich ein Revival der Solarzellenproduktion in Deutschland an.

Von Nora Miethke 

Gunter Erfurt, Vorstandschef der Meyer Burger Technologies AG, machte im Frühjahr Schlagzeilen, als er in einem Interview mit dem Radiosender Rur die Idee äußerte, im Hambacher Tagebau einen riesigen schwimmenden Solarpark mit einer Leistung von zehn Gigawatt bauen zu wollen und die dafür notigen Solarzellen und -module in Deutschland zu produzieren.

Ausgerechnet die Schweizer Unternehmensgruppe Meyer Burger will den Chinesen Konkurrenz machen? Viele Politiker und Banker winkten ab. Gehörten doch die Schweizer, die 2011 den sächsischen Solar-Maschinenbauer Roth & Rau AG übernommen hatten, in ihren Augen zu den Totengräbern der deutschen Solarindustrie. Ihre aus Hohenstein-Ernstthal nach Fernost gelieferten Fertigungslinien und hohe Staatssubventionen ermöglichten es den Chinesen, Solarmodule so viel billiger anbieten zu können als die Deutschen.

Im alten Solarworld-Werk in Freiberg baut Meyer Burger eine Fertigung mit neuer Technik auf. Mitte Dezember kam die erste Maschine an.
Im alten Solarworld-Werk in Freiberg baut Meyer Burger eine Fertigung mit neuer Technik auf. Mitte Dezember kam die erste Maschine an. © Meyer Burger

Doch Meyer Burger meint es mit dem Wandel vom Maschinenhersteller zum Produzenten von Solarmodulen offenbar sehr ernst, denn seit dem Frühjahr ist viel passiert. Im Juli kündigte das Unternehmen den Aufbau der eigenen Fertigung an zwei Standorten an: in Freiberg und Bitterfeld-Wolfen. Gunter Erfurt, einst Technologiechef bei Solarworld, und sein Team hatten es geschafft, die Aktionäre, darunter viele Kleinanleger, von ihrer Vision zu überzeugen. Sie stimmten auf einer außerordentlichen Generalversammlung einer kräftigen Kapitalerhöhung zu – Grundvoraussetzung für den Aufbau der Produktion, die mittelfristig rund 3.500 Arbeitsplätze schaffen könnte. Die Wahl der Standorte Freiberg und Bitterfeld-Wolfen seien nicht nur vor Ort, sondern auch überregional auf viel Zustimmung gestoßen. „Das lässt sich auch an den Hunderten Bewerbungen ablesen, die seit Sommer in der Personalabteilung in der deutschen Firmenzentrale in Hohenstein-Ernstthal eingegangen sind“, berichtet die Pressesprecherin. Derzeit laufen viele Bewerbungsgespräche.

Der Zeitplan ist ambitioniert. Schon im zweiten Quartal kommenden Jahres soll die Serienproduktion starten. In Freiberg wird in diesen Tagen viel umgebaut. Denn die Module werden mit einer neuen Technologie hergestellt, durch die die Module deutlich leistungsfähiger sind als jene, die hier früher von Solarworld hergestellt wurden. Die Solarzellen, die vom neuen Standort Bitterfeld-Wolfen kommen werden, sind hocheffiziente Heterojunction-Zellen. Das heißt: Sie sind dünner, speziell beschichtet und wandeln deutlich mehr Sonne in Strom um – sogar auf beiden Seiten der Solarzelle. In Freiberg werden sie mit einem hauchdünnen Gitter von Drähten verbunden (SmartWire). Denn nur so kann das volle Potenzial der besonderen Solarzellen auch komplett genutzt werden.

Vom Solarstrom elektrisiert

Kurz vor Weihnachten sind die ersten Maschinen in Freiberg eingetroffen, die diesen Produktionsschritt ausführen werden. Entwickelt und gefertigt wurden sie bei Meyer Burger in der Schweiz, wo auch die neue Smartwire-Technologie erfunden wurde. 100 Millionen Euro hat das Unternehmen in die Entwicklung der nächsten Technologiegeneration investiert, unterstützt mit Fördergeldern des Bundes. Vorstandschef Erfurt vergleicht sie gern mit dem Übergang von 4G auf 5G in der mobilen Kommunikation. Er hat das Verfahren durch Hunderte Patente schützen lassen, verkaufen wird Meyer Burger es an andere Hersteller nicht mehr. Dadurch hat sich das Unternehmen einen etwa dreijährigen Vorsprung vor dem Wettbewerb gesichert, bescheinigen Experten der Fraunhofer-Gesellschaft in einem Gutachten. Die nächsten Technologieschritte sind nach eigenen Angaben schon in Vorbereitung, um diesen Vorsprung zu halten. „Wir haben eine tolle Entwicklungsroadmap“, freut sich Erfurt.

In Thalheim, einem Stadtteil von Bitterfeld-Wolfen in Sachsen, dem ostdeutschen „Solar Valley“, hat Meyer Burger eine stillgelegte Solarzellenfabrik direkt gegenüber von Hanwha-Q-Cells langfristig gemietet, um ab 2021 wieder echte europäische Solarzellen herzustellen. Die drei riesigen Hallen sind vorbereitet für den Einzug der neuen Maschinen. Die ersten Anlagen haben die Mitarbeiter in Hohenstein-Ernstthal schon gefertigt und nach Thalheim gebracht. Auch die Technologie dieser Maschinen und der daraus resultierenden Solarzellen sind patentgeschützt. Die neuen Solarzellen werden mit weniger Prozessschritten, bei niedrigeren Temperaturen und mit weniger Verbrauch hergestellt. Das spart viel Energie und Ressourcen. Auch der Ausstoß von CO2 ist niedriger als der bei in Fernost produzierten Solarzellen. Wettbewerbsfähige Kosten sind daher möglich und entscheidend in der Solarbranche.

Image der Solarindustrie deutlich verbessert

Im Juni nächsten Jahres sollen die neuen Solarmodule auf der Intersolar-Messe in München präsentiert werden. Dann müssen Vertrieb und Marketing einsatzbereit sein. Die Weichen für einen neuen Markenauftritt und die Vertriebsorganisation seien schon gestellt worden, heißt es. Nicht nur Bewerbungsgespräche werden geführt, es laufen auch zahlreiche Gespräche mit Solarhändlern, den künftigen Kunden. Das Interesse an den Hochleistungs-Solarmodulen „Made in Germany, engineered in Switzerland“ sei groß. Die wichtigsten Märkte sind in 2021 Deutschland, die Schweiz, Österreich, Frankreich, Benelux und Polen. Die Meyer-Burger-Module mit der dunklen Optik sollen zunächst vor allem auf private und gewerbliche Dächer montiert werden.

Die Wahrnehmung der Solarindustrie und insgesamt der Erneuerbaren Energien hat sich deutlich verbessert. Stieß Gunter Erfurt anfangs oft auf taube Ohren, haben sich inzwischen viele Türen geöffnet. Auch in der Politik und bei Parteien, die bisher nicht durch Engagement für die Umwelt auffielen. Meyer Burger steht heute im Vergleich zum Frühjahr vernetzter da. Mitgliedschaften in Solarverbänden verschiedener Länder sind entstanden wie auch in globalen Initiativen, die sich für ein neues „Green Solar“ mit lokaler Wertschöpfung stark machen. Der Meyer-Burger-Chef freut sich sehr, wie sich die Dinge seit dem Frühjahr und dem Interview im Radio Rur entwickelt haben. „Geglaubt habe ich immer daran, dass Solarproduktion in Europa machbar und notwendig ist“, sagt der 47-Jährige. Aber es gab und gibt immer noch viel Gegenwind. Da brauche man viele Unterstützer, damit dieses Mega-Projekt gelinge, betont er und dankt vor allem den Aktionären, „die an uns glauben und uns mit der Kapitalerhöhung einen Vertrauensvorschuss gegeben haben“. Doch Meyer Burger habe auch einen durchdachten Plan und setze diesen trotz der Pandemie konsequent um, sagt der Physiker, der seit seiner Studienzeit an der Bergakademie in Freiberg von der Solarenergie elektrisiert ist.

Nur eines hat sich seit dem Frühling nicht geändert. Corona-bedingt ist auch bei Meyer Burger Homeoffice angesagt, zumindest für alle Mitarbeiter, die nicht an Maschinen und Anlagen arbeiten.

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