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„Es werden Krankenhäuser schließen müssen“

Landkreis Bautzen 22.11.2019
Die Rückzugspläne der Malteser sorgen in Kamenz für Unruhe. Der Bautzener Klinikchef sagt weitere Einschnitte vorher.

Die Nachricht überraschte das sächsische Sozialministerium ebenso wie den Geschäftsführer der Oberlausitz-Kliniken (OLK), Reiner Rogowski: Die Malteser wollen sechs ihrer Krankenhäuser verkaufen, darunter das in Kamenz. Die Vergütungen im Krankenhausbereich deckten die Kostensteigerungen nicht mehr, erklärten sie. Die SZ sprach mit Reiner Rogowski darüber, wie es den Kliniken in der Region geht.

Herr Rogowski, wie haben Sie reagiert, als Sie erfuhren, dass die Malteser das Krankenhaus in Kamenz abgeben?

Ich war überrascht, ich war baff. Meine Spontan-Reaktion war: Schon wieder? Es gab schließlich schon einmal eine solche Situation der Unsicherheit, als jüngst die Führung ausgewechselt worden ist.

Was bedeutet das jetzt für die Region?

Schon die Unsicherheit durch den Geschäftsführerwechsel haben wir deutlich gespürt. Es ist wichtig, dass die Krankenhäuser in der Region zusammenarbeiten. Wir sind eine Versorgungsinfrastruktur. Das heißt: Sind alle Betten belegt oder gibt es eine Katastrophe, helfen wir uns. Dabei ist ein Vertrauensverhältnis wichtig. Das muss über lange Zeit aufgebaut werden. Ich bin zu hundert Prozent überzeugt, dass das Krankenhaus in Kamenz bestehen bleibt. Das ist auch das Anliegen des Trägers. Trotzdem bleibt die Verunsicherung. Das Krankenhaus ist sehr wichtig für die sorbische Bevölkerung, ich erinnere an die Geburtenstation von Räckelwitz und die Versorgung großer Teile der sorbischen Region. Das muss mitbedacht werden.

Sie haben Interesse signalisiert – wie ist denn der Stand der Verhandlungen?

Wir haben bisher ein Gespräch geführt. Entscheidungen gibt es noch nicht. Wir prüfen, ob wir ein indikatives Angebot abgeben werden, oder nicht. Da sind wir nicht sicher. Dazu ist alles zu frisch. Bislang haben wir nicht einmal eine offizielle Anfrage erhalten. Am Ende entscheidet unser Gesellschafter. Bei den OLK als kommunale Einrichtung ist das der Kreistag.

Es gibt noch den Standort in Görlitz, die Malteser wollen als Paket verkaufen ...

Die Malteser wollen ein Paket mit sechs Krankenhäusern schnüren. Da wären wir außen vor, das ist völlig klar. Auch eine Übernahme des Kamenzer und Görlitzer Krankenhauses ginge nur mit der Stadt Görlitz gemeinsam.

Die Malteser begründen das Ganze mit einer finanziellen Schieflage. Die Kostensteigerungen seien nicht mehr durch die Vergütungen gedeckt. Sind die Krankenhäuser in einer Krise?

Die Krise droht. Das ist unterschiedlich von Haus zu Haus. Es liegt daran, dass Leistungen in Krankenhäusern erbracht werden, die von den Kostenträgern nicht kostendeckend vergütet werden. Es gibt Fälle, da kann man sich nur an den Kopf greifen. Die Ärzteschaft ist frustriert, denn sie wird so dargestellt, als hätte sie keine Ahnung und würde falsche Behandlungen durchführen. Das Problem sind dabei die sogenannten Fallpauschalen. Jede Behandlung ist mit einer pauschalen Summe vorgegeben.

Wo ist das Problem dabei?

Früher haben wir nach Behandlungstagen abgerechnet. Seit 2003 gibt es die Pauschalen – und der Medizinische Dienst der Kassen und die Krankenkassen prüfen das, sagen wir mal, akribisch. Sobald irgendetwas als auffällig deklariert wird, lehnen sie die Rechnung kurzerhand ab. Monate später kommen dann Anfragen. Wir bekommen so viele Behandlungen, die wir gemacht haben, schlechter oder gar nicht bezahlt.

Machen Sie das bitte einmal konkret.

Eine Patientin kam mit einer stark entzündeten Hand, weil ein Hund sie gebissen hatte. Die Haut war extrem entzündet, musste großflächig abgetragen werden. Nun gibt es zwei Fallpauschalen, wie das abgerechnet werden könnte. Eine geht von einer Wunde aus, die größer als vier und die andere von einer, die kleiner als vier Quadratzentimeter ist. Der behandelnde Arzt hat dokumentiert, wie er die Haut der linken Hand vom kleinen Finger bis zum Daumen abgetragen hat. Er hat aber leider nicht geschrieben, dass dies mehr als vier Quadratzentimeter waren. Mit gesundem Menschenverstand weiß man, dass eine Hand nicht kleiner ist. Nun kam aber ein Gutachten, das das kritisiert hat und behauptet hat, die kleinere Pauschale treffe zu.

Haben Sie nicht widersprochen?

Den Krankenhäusern in Deutschland ist seit einigen Jahren der Einspruch gegen Rechnungskürzungen aufgrund der Prüfungen untersagt. Es bleibt nur der aufwendige und teure Weg zum Sozialgericht. Im Vorfeld gibt es elendig lange Diskussionen, einen Haufen Schreibkram, aber wenn der Medizinische Dienst der Kassen entscheidet, dass es so ist, wie er sich das vorstellt – und nicht wie die behandelnden Ärzte es festgestellt haben – dann kommt es am Ende zu solchen Rechnungskürzungen.

In Zahlen: Wie viel ist den Oberlausitz-Kliniken so verloren gegangen?

Da kommen Abzüge in siebenstelliger Höhe zusammen im Verlauf eines Jahres. Und so geht es sämtlichen Krankenhäusern in Deutschland. In den ersten neun Monaten dieses Jahres haben wir Kürzungen in Höhe von 978.000 Euro gehabt. Man kann also sagen, von rund 60 Millionen Euro der Krankenhausleistungen fehlt uns etwa eine in der Kasse. Wir sind gemeinnützig, aber um investieren zu können, müssen auch wir Überschüsse erwirtschaften.

Die OLK waren im Jahr 2017 um etwa zwei Millionen Euro im Minus, schrieben schlechtere Zahlen als andere …

In dem Jahr hatten wir Rechnungskürzungen von etwa einer Million Euro, bei denen wir das Geld für erbrachte Leistungen nicht erhalten haben. Die Summe liegt aber auch daran, dass wir die alte Kinderklinik zum Ärztehaus umgebaut haben – für etwa fünf Millionen Euro. Ein Teil der Summe fiel auf das Jahr 2017. Die OLK haben aber Rücklagen erwirtschaftet, die es uns erlaubt haben, diese Investitionen zu finanzieren. Wir haben seit der Gründung keine Zuschüsse vom Landkreis bekommen.

Was bedeutet das für die Kliniken?

Das, was ich geschildert habe – was wir erleben und was die Malteser erlebt haben – betrifft ja alle Krankenhäuser, im Osten und im Westen Deutschlands. Vor allem kleinere Krankenhäuser werden in Zukunft schließen müssen, davon gehe ich aus. Ich denke aber nicht, dass hier in der Region Einrichtungen schließen werden. Um das zu ändern, ist auch die Landespolitik gefragt, Druck auf den Bund auszuüben, damit sich das System verbessert.

 

Von Theresa Hellwig 5

Foto: © Uwe Soeder

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