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Fachkräftemangel: Ein Pulsnitzer Unternehmen geht neue Wege

27.07.2022
Der Fachkräftemangel macht vielen Firmen in der Oberlausitz zu schaffen. Hauffe Bänder aus Pulsnitz setzt auf Leute aus den eigenen Reihen. Wie das funktioniert.

Von Juliane Just

Pulsnitz. In der großen Halle rattert es. Unterhalten kann man sich hier nicht. Die Maschinen laufen auf Hochtouren, spucken meterweise Bänder aus - Gummizüge für Kleidung, Bandagen für medizinische Zwecke, Gurte für die Autoindustrie. Mittendrin in diesem Geräuschpegel steht Jens Schneidereit, zieht hier ein Band gerade, hilft dort bei einer Maschine nach, kontrolliert den Ablauf. Seit wenigen Tagen ist er gelernter Maschinen- und Anlagenführer - und hat dafür sozusagen eine Abkürzung genommen.

Der 29-Jährige ist gelernter Bäcker und arbeitete sieben Jahre in dem Beruf. Als eine Frau in sein Leben kam, schaute er sich nach alltagstauglicheren Arbeitszeiten um und kehrte dem Bäckerhandwerk den Rücken. Er kam zum Pulsnitzer Textilunternehmen Hauffe Bänder, das zwei Standorte mit 32 Mitarbeitern unterhält und auf eine 200-jährige Geschichte zurückblicken kann. Von der kleinen Bachstraße aus werden große Firmen wie Audi, Porsche und auch Hugo Boss mit Bändern "made in Pulsnitz" beliefert.

Meterweise Bänder verschiedener Art werden vom Unternehmen Hauffe Bänder hergestellt. Einsatz finden sie beispielsweise in der Bekleidungsindustrie, in der Medizin oder in der Autoindustrie.

Meterweise Bänder verschiedener Art werden vom Unternehmen Hauffe Bänder hergestellt. Einsatz finden sie beispielsweise in der Bekleidungsindustrie, in der Medizin oder in der Autoindustrie.© Matthias Schumann

Im Oktober 2020 wagte Jens Schneidereit den Quereinstieg in die Textilbranche - und machte sich laut seinem Arbeitgeber gut. Trotzdem galt er als ungelernte Fachkraft. Doch Geschäftsführer Patrick Thomschke sah Potenzial in seinem Neuzugang und fragte bei der Industrie- und Handelskammer nach Möglichkeiten, seinen Mitarbeiter weiter zu qualifizieren.

Damit hatte er einen richtigen Nerv getroffen: Denn der Fachkräftemangel beherrscht viele Branchen. Das zeigen auch Zahlen der Agentur für Arbeit. Im Textil- und Lederberuf waren im Juni 2022 im Landkreis Bautzen 51 Stellen mehr ausgeschrieben als zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr. Es gab jedoch nur fünf Arbeitslose, die auf diese Stellen passten. Zudem gehen dem sächsischen Arbeitsmarkt in den nächsten acht Jahren fast 180.000 Menschen verloren, weil sie in Rente gehen.

Doch es gibt noch mehr Faktoren, die Unternehmen zum Umdenken bewegen. Die Digitalisierung ersetzt Arbeitsschritte, neue kommen dafür hinzu. Der Strukturwandel im Zuge des Ausstiegs aus der Braunkohleverstromung in der Oberlausitz tut sein Übriges - die Arbeitswelt verändert sich und mit ihr Berufe und Tätigkeiten. Doch wie halten Firmen ihre Mitarbeiter? Und wie bilden sie sie am besten aus?

Eine verkürzte Ausbildung als Zukunftsweg

Eine mögliche Variante: eine betriebliche Einzelumschulung, wie die Arbeitsagentur es nennt. Damit hatte Jens Schneidereit die Möglichkeit, den Abschluss zum Maschinen- und Anlagenführer mit der Spezifikation Textiltechnik zu machen, ohne jedoch zwei Jahre die Schulbank drücken zu müssen. Die Ausbildung ist um ein Drittel verkürzt, die Inhalte sind jedoch identisch. Dafür stieg Jens Schneidereit im zweiten Lehrjahr ein.

"Ich habe mir von einer Kollegin die Unterlagen des ersten Lehrjahres geliehen und den Stoff zu Hause nachgeholt", erzählt er. Im Februar 2021 begann er mit der verkürzten Ausbildung, jetzt hat er ganz frisch seinen Abschluss in der Tasche. Nun ist er sozusagen Dreh- und Angelpunkt der surrenden Maschinen.

Nachdem sein Arbeitgeber in den vergangenen Jahren erfolglos nach Auszubildenden gesucht hatte, war dieser Weg der richtige, um Mitarbeiter zu qualifizieren und bei sich zu halten. "Wir brauchen dringend Fachkräfte. Viele Mitarbeiter, die in der Wendezeit den Betrieb aufrechterhalten haben, gehen bald in Rente", sagt Patrick Thomschke. Nun habe er eine Fachkraft hinzugewonnen, was den Marktwert des Unternehmens steigere. Der Mitarbeiter wiederum hat auf diese Weise auch seinen eigenen Marktwert gesteigert.

Nachdem Patrick Thomschke, Geschäftsführer des Unternehmens Hauffe Bänder, erfolglos nach einem Auszubildenden gesucht hatte, ging er einen anderen Weg. "Das Unternehmen hat eine Fachkraft dazugewonnen, und der Mitarbeiter wiederum steigert seinen Marktwe

Nachdem Patrick Thomschke, Geschäftsführer des Unternehmens Hauffe Bänder, erfolglos nach einem Auszubildenden gesucht hatte, ging er einen anderen Weg. "Das Unternehmen hat eine Fachkraft dazugewonnen, und der Mitarbeiter wiederum steigert seinen Marktwe © Matthias Schumann

"Das Angebot richtet sich an Personen, die bereits in einem Betrieb arbeiten und einen Abschluss erreichen wollen. Aber auch arbeitslose Personen können sich so im Vorfeld qualifizieren", sagt Ilona Winge-Paul von der Agentur für Arbeit Bautzen. Viele Arbeitnehmer seien motiviert, innerhalb kurzer Zeit einen Abschluss zu erhalten.

In der Region scheint diese Variante der Ausbildung erfolgversprechend zu sein. In den Landkreisen Bautzen und Görlitz haben im Zeitraum von April 2021 bis März 2022 insgesamt 104 Personen eine abschluss-orientierte Weiterbildung begonnen, wie Zahlen der Agentur für Arbeit zeigen. Das sind 33 mehr als im Vorjahreszeitraum - ein Trend ist also erkennbar. "Immer weniger berufliche Biografien verlaufen geradlinig. Um am Markt jedoch erfolgreich zu bleiben, sind Weiterbildungen wichtig", sagt Winge-Paul.

Für das Pulsnitzer Unternehmen könnte diese Variante zukunftsweisend sein. "Wir können uns vorstellen, unsere Mitarbeiter künftig weiter auf diese Weise auszubilden", sagt Patrick Thomschke. Man müsse mit dem Personal, was man habe, gut haushalten - gerade im Hinblick auf die Verteuerung durch die Ukraine-Krise, durch Mindestlohn und Strukturwandel.

 

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