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Frau, Ostdeutsche, trotzdem ganz weit oben

07.11.2018
Hiltrud Werner ist in Thüringen aufgewachsen. Heute verantwortet sie im VW-Vorstand den Bereich Integrität und Recht. Ein ungewöhnlicher Lebensweg.

Als Hiltrud Werner am späten Nachmittag die Räume der Leipziger Handelshochschule HHL betritt, muss man erst mal genauer hinsehen. Ist sie das wirklich? Ein großer Auftritt mit Bodyguards und viel Tamtam ist nicht ihr Ding. Sie kommt eine Viertelstunde vor dem Termin und lässt unauffällig ein paar Fotos mit ihren Gastgebern machen. Seit Februar vorigen Jahres gehört die 52-Jährige zum Konzernvorstand von Volkswagen, dem größten Unternehmen Europas mit weltweit 640 000 Mitarbeitern. Die Managerin ist in Wolfsburg verantwortlich für das Ressort Integrität und Recht, das der Autobauer 2016 in der Dieselaffäre eingerichtet hat, damit sich solche Skandale nicht wiederholen.

Jetzt ist Hiltrud Werner in die private Hochschule für angehende Wirtschaftslenker nach Leipzig gekommen, um über ihren ungewöhnlichen Weg nach oben zu sprechen. Schließlich ist sie eine seltene Spezies: Unter den fast 200 Vorständen der 30 größten Dax-Unternehmen sind nur vier Ostdeutsche, drei von ihnen Frauen: Neben Hiltrud Werner die Pritzwalkerin Kathrin Menges beim Waschmittel- und Kleberiesen Henkel sowie die Merseburgerin Hauke Stars bei der Deutschen Börse.

Angstfrei groß geworden

Geboren im April 1964 in Bad Doberan und aufgewachsen in Apolda, beginnt Hiltrud Dorothea Werner in den 80er-Jahren ihren Berufsweg als Facharbeiterin für Textiltechnik in Mühlhausen, 1989 macht sie ihren Studienabschluss als Diplom-Ökonomin in Halle. Den Fall der Mauer verfolgt sie in einem Computerraum an der Uni. Ihr Vater war Diakon und mit Kirchenkreisen um Manfred Stolpe befreundet. „Ich bin viel mit angstfreien Menschen aufgewachsen“, sagt sie. Mit Mitte 20 geht sie in den Westen, sie ist eine von Millionen.

Bei ihrem Leipziger Auftritt trägt Hiltrud Werner einen pinkfarbenen Mantel und ein Oberteil mit schwarz-weißen Rauten – kein maßgeschneidertes Designerkostüm. Die schulterlangen Haare hat sie pragmatisch zum kurzen Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie spricht frei und mit leichtem Thüringer Akzent. Einen Sprechzettel des Konzernapparates hält sie nicht in der Hand. Sie wolle lieber, sagt sie, ein paar Anekdoten ihres Lebenslaufs zum Besten geben, auch wenn dieser mit einer herben Enttäuschung begann: Anfang 1991 wird die Firma ihres Mannes von der Treuhand geschlossen. Als er arbeitslos wird, ist der gemeinsame Sohn gerade zwei Jahre alt. Die Familie muss sich bewegen, um über die Runden zu kommen. „Also haben wir beschlossen: Einer von uns bewirbt sich im Westen“, erzählt sie.

Die junge Mutter findet schnell einen Job als Telefonberaterin bei einem IT-Dienstleister in München. Die Stadt hat sie gewählt, weil dort einer ihrer beiden großen Brüder lebt. Doch die Aufgabe macht ihr nicht lange Spaß, sie muss immer wiederkehrende Fragen von Kunden beantworten. Als man im Unternehmen erkennt, dass sie hoffnungslos unterfordert ist, macht man sie zur Projektmanagerin für Prozessoptimierung. Es ist ihr erster Aufstieg und ein Grundstein für ihren weiteren Lebensweg. Parallel dazu habe sie sich weiter in Thüringen beworben, erzählt sie. Aber es war ein Trauerspiel. „Damals war ja nie klar, welche Firma es in drei Jahren noch gibt.“ Stattdessen bekommt sie ein internationales Management-Traineeprogramm bei BMW, danach wird sie Abteilungsleiterin bei der BMW-Bank. 2003 leitet die inzwischen zweifache Mutter bereits große Bereiche der Revisionsabteilung für Großbritannien, wo sie ein paar Jahre lebt. 2008 managt sie die Konzernrevision für Finanzdienstleistungen. Eine kometenhafte Karriere in kaum 15 Jahren. Ihre Kinder, sagt Hiltrud Werner, seien eher nebenbei groß geworden – aber sie seien ihr bis heute das Wichtigste.

Als Ostdeutsche im Westen – auch das eine prägende Erfahrung – habe sie sich oft fremd gefühlt wie eine Giraffe im Zoo. Harten Vorurteilen sei sie damals begegnet. Manche Menschen hätten die Vorstellung vertreten, die DDR-Bürger könnten nicht selbstständig denken, sie seien Opportunisten und hätten ihr Land verkommen lassen. Die Frau aus Apolda dürfte sie eines Besseren belehrt haben. Auch sie hat dabei viel gelernt: Das es gar nicht notwendig ist, sich immer anzupassen, um in der Welt zu bestehen. Aber warum macht sie Karriere ausgerechnet in der Revision, wo man sich als Prüfer im eigenen Nest eigentlich nur Feinde machen kann? „Die Revision hatte eines meiner Projekte geprüft“, erzählt die bodenständige Macherin. „Ich habe den Bericht gelesen und gesagt: Das kann man besser machen.“ Da habe sie sich in der Abteilung beworben. Oft habe sie sich Jobs zugetraut, in die sie erst hineinwachsen musste. Revision, das bedeute für sie eben nicht, Fehler im Kleinklein zu finden, sondern Dinge zu verbessern, die verbesserungswürdig sind. „Weg vom Häkchen setzen, hin zu einer wertschöpfenden Einheit.“ Dafür habe sie ihre Stelle mit einem Millionenetat und viel Personal freiwillig aufgegeben – unter Kopfschütteln mancher Kollegen.

Herrisch oder was?

Es ist wohl diese pragmatische Haltung, die die Managerin mehr treibt als das Streben nach Macht: „Macht heißt für mich: Ich werde ermächtigt zu etwas. Jemand vertraut mir.“ Hüten müsse man sich nur vor deren Missbrauch. Für sie zähle die Chance, etwas zu gestalten und Verantwortung zu übernehmen. Die erste Voraussetzung für das Führen von Menschen sei es dabei, die Menschen zu lieben. Diesen Eindruck teilen offenbar nicht alle. Ein Vierteljahr nach ihrem Antritt im VW-Vorstand druckte eine große Wochenzeitung einen bösen Verriss. Man hatte frühere Kollegen und Betriebsräte gesprochen. Tenor: Ihr Führungsstil sei „autoritär, aggressiv, erniedrigend“, wahlweise „herrisch nach unten und opportunistisch nach oben“. Werner kann sich den Artikel nicht erklären. Mit ihr und ihren Kollegen habe der Journalist nicht gesprochen. Und im Gespräch an der Hochschule bestätigen sich die Beschreibungen auch nicht. In einem anderen Porträt fällt auch der erniedrigende Begriff von den „Minderleistern“. Wenn Werner ihn erklärt, klingt er etwas anders. Leistung heiße doch, dass jeder im Team das tue, was er gut könne. Wenn jemand aber weniger macht, als er kann und Kollegen Mehrarbeit aufbürdet, sei er ein „Minderleister“. An ihnen wolle sie sich nicht ausrichten.

Beherrscht auch Lkws

Werner räumt offen ein, auch sie habe „schon viel Mist gebaut“. Doch Scheitern und Misserfolg seien kein Dauerzustand. Und überhaupt: Sie vergleiche sich ungern mit anderen und gehe lieber den eigenen Weg. „Wenn jemand nicht zufrieden ist, wo er steht, sage ich ihm: Bewege dich, du bist kein Baum!“ Natürlich gehöre zu ihrem Erfolg auch viel Biss und eine Menge Selbstvertrauen, selbst wenn die Schuhe vielleicht zu groß erscheinen. „Wenn man sich’s zutraut, sollte man es probieren – jeder macht doch mal Fehler.“ Im Bewerbungsgespräch für den VW-Vorstand habe sie auf die Frage, warum sie den Job wolle, geantwortet: „Weil ich es kann!“ Obwohl ihr vorher die Knie schlotterten.

Zur Not zeigt Hiltrud Werner auch, wo der Hammer hängt. Als sie 2011 für den Lkw-Bauer MAN arbeitete und nach Brasilien flog, habe man ihr geraten, lieber Hose statt Rock zu tragen. Frauen als Chefs hatten dort noch keinen hohen Stand. Zum Glück hat sie zu DDR-Zeiten bei der GST den Lkw-Führerschein gemacht. Also stieg sie in ein paar Trucks und zeigte den Jungs auf der Teststrecke, dass sie auch die Doppel-H-Schaltung mit 16 Gängen beherrscht. Danach genoss sie den Respekt. Bis heute sei es leider nötig, über Frauen und über Toleranz in Führungspositionen zu sprechen: „Erst, wenn eine chinesische Frau CEO von VW ist, haben wir es geschafft.“

 

Von Sven Heitkamp

Foto: © dpa/Holger Hollemann

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