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"Frauen werden häufig abgewatscht"

03.06.2021
Die Sozialwissenschaftlerin Julia Gabler von der Hochschule Görlitz/Zittau über die Gründe, warum junge Frauen nicht in der Lausitz bleiben wollen.

Frau Gabler, der neue Lausitz-Monitor zeigt, jede fünfte junge Frau in der Lausitz wird wegziehen. Überrascht Sie das?

Nein. Das bestätigt den Befund, den wir schon vor fünf Jahren in der Studie „Wer geht, wer kommt, wer bleibt“ festgestellt haben. Dabei gilt: Die Mobilität gut ausgebildeter, qualifizierter Menschen ist geschlechtsneutral, weil sie in einer Region leben, die kaum berufliche Perspektiven für Uniabsolventinnen hat und Cottbus als Universitätsstandort offensichtlich nicht für alle attraktiv ist. Der Lausitz-Monitor zeigt jedoch auch, dass auch unter den Mädchen, die eine Ausbildung machen wollen, die Abwanderungsorientierung extrem hoch ist. Das hängt mit der Wirtschaftsstruktur und mit dem Selbstbild der Region zusammen.

Wie meinen Sie das?

Man versteht sich als Industrieregion und das Selbstverständnis reicht bis in die DDR zurück, dass junge Frauen wie junge Männer gleichermaßen in Industriebranchen wie dem Maschinenbau tätig sind. Aber auch in der Lausitz nimmt die Orientierung junger Frauen auf klassische weibliche Berufsfelder zu. Sie suchen Jobs in Bereichen der sozialen Dienstleistungen, Multimedia und Kulturmanagement. Da gibt es anderswo einfach mehr Angebote.

Gibt es noch weitere Ursachen, warum junge Frauen wegziehen wollen?

Ja, es ist auch eine Frage der Bedürfnisse: Junge Frauen wünschen sich eine andere Freizeit-Infrastruktur, mehr Kulturangebote rund um Theater, Kino und Konzerte. Ich sehe da aber auch eine gewisse Wahrnehmungsstörung, denn die Region bietet schon sehr viel an freien Kultureinrichtungen, kleinen Festivals etc. Das zieht sich über den ganzen ländlichen Raum, ist allerdings mit Mobilität verbunden. Da liegt der nächste Punkt, junge Frauen fordern mehr öffentlichen Nahverkehr. Sie wollen nicht nachts mit dem Auto durch die Gegend gurken. Und sie wünschen sich deutlich mehr Flexibilität bei der Bildungsinfrastruktur.

Aber viele Gemeinden haben doch als Antwort auf die Abwanderung von Frauen schon das Kitaangebot verbessert?

Das stimmt. Aber wir sind auch in der Lausitz in der Moderne angekommen. Frauen suchen Vielfalt für sich und für ihre Kinder, also einen Waldorfkindergarten, eine Montessori-Schule, kleinteilige Tagesmütter-Konstruktionen oder freie Waldkita-Konzepte – Angebote, die attraktiver sind als der klassische staatliche Kindergarten. Im Übrigen passiert da jetzt auch viel.

Empfinden junge Frauen das Lebens- und Arbeitsumfeld vielleicht auch als zu konservativ?

Vor sechs Jahren hätte ich darauf uneingeschränkt mit Ja geantwortet. Inzwischen beobachte ich einen kollektiv geteilten Konservativismus, den ich nicht diffamieren möchte. Hier knallen unterschiedliche Lebensmodelle und Wertorientierungen aufeinander. Es gibt Frauen, die mit unserem geschlechtersensiblen Ansatz im Frauennetzwerk F wie Kraft nichts zu tun haben wollen. Dann jene, die sich entscheiden können wollen, ob sie Teilzeit arbeiten und die Familie versorgen wollen, ohne dafür vorwurfsvolle Blicke von Feministinnen zu ernten. Vielfalt bedeutet Arrangements zu treffen, in denen alle Lebensentwürfe ihre Legitimation haben.

Wie unterscheiden sich Männer und Frauen bei der Prioritätensetzung für den Strukturwandel?

Frauen legen mehr Wert auf sogenannte weiche Standortfaktoren und bekommen zu hören: Das bringt keine Arbeitsplätze. Dahinter verbirgt sich ein Problem, wie wir Strukturpolitik verstehen. Als wir vor sechs Jahren anfingen, kamen Vertreter der Landesregierung und von den Wirtschaftskammern aus Dresden zu Veranstaltungen mit einer überheblichen Haltung, die das Frauennetzwerk als Stricktantenverein abgetan haben. Das, was Frauen hier leisten, tun und aktivieren, wird häufig abgewatscht. Im Übrigen auch aus Unsicherheit darüber, was eine lebenswerte Region außerhalb der Frage nach Arbeitsplätzen auszeichnet.

Der Strukturwandel-Prozesse bietet die Chance, das zu ändern. Wird das von den Entscheidungsträgern vor Ort und in der Landesregierung ausreichend erkannt?

Nein. Es fällt mir sogar schwer, Lippenbekenntnisse der Entscheidungsträger zu zitieren. Selbst an denen mangelt es. Das fängt schon damit an, dass die Gremienbesetzung eigentlich paritätisch sein müsste . Soweit ich Einblick habe, gibt es diese paritätische Besetzung kaum.

In welchen Gremien wird Parität angestrebt und nicht eingehalten?

Zum Beispiel in den regionalen Begleitausschüssen und in den Werkstätten auf Brandenburger Seite. Ob das auch in den Fachbereichen der Ministerien vorgeschrieben ist, wo die Prüfung und Priorisierung der Strukturwandel-Projekte stattfindet, also eine Art Vorauswahl getroffen wird, weiß ich nicht. Der Strukturwandelprozess ist extrem beschleunigt. Es wird agiert, als ob wir alles in den nächsten zwei Jahren für die nächsten 20 Jahre entscheiden müssten. Die Akteurinnen vor Ort wie die Gleichstellungsbeauftragten formulieren sehr wohl Kritik an den bestehenden Systemen und der starken Männerdominanz. Aber über die Gremien diese Perspektiven einfließen zu lassen und dafür zu sorgen, dass da auch ein fachlich versierter Austausch dazu stattfindet - da sind wir noch nicht. Das braucht Zeit und Geld: Aber eben nicht für Beton, sondern für Organisationsaufbau und-entwicklung.

Was würden mehr Frauen in den Begleitausschüssen bewirken?

Vielleicht eine andere Strukturwandelpolitik? Beim Auftakttreffen des Regionalen Begleitausschusses für die Lausitz wurde deutlich, dass die Indikatoren für die investiven Maßnahmen starke Wirtschaftsorientierung, Innovationsfähigkeit und Arbeitsplätze sind. Maßnahmen wie der bessere Ausbau des ÖPNV, die keine unmittelbaren Arbeitsmarkteffekte haben, werden dagegen im Bewertungsranking niedriger angesetzt. Wie kommt man also zu einer Bewertung, die eine Lebensqualitätsperspektive berücksichtigt, damit solche Maßnahmen wie ÖPNV-Ausbau, öffentliche Bildungsinfrastruktur, Pflege durch Investitionsmaßnahmen besser unterstützt werden. All diese Standortfaktoren sind in der Werbung um junge Familien und gut ausgebildete Menschen wichtig, weil sie bei ihrer Entscheidung hierher zu ziehen oder hier bleiben zu wollen, darauf achten werden.

Welche drei Punkte stehen auf ihrer Prioritätenliste ganz oben, was getan werden muss, damit junge Frauen in der Lausitz bleiben?

Ganz oben steht, dass die Aktivitäten von Frauen in der Lausitz dargestellt, anerkannt und stabilisiert werden. Zweitens müssen die Frauen stärker in die Umfeldentwicklung eingebunden werden, damit sie von den lukrativen Jobperspektiven profitieren können, die hier entstehen. Wenn ein Medizincampus entstehen und der Bereich Pflege ausgebaut werden soll, dann müssen Frauen am Aufbau von Führungs- und Organisationskulturen beteiligt werden. Dafür wünsche ich mir drittens von den jetzigen Verantwortlichen ein explizites Bekenntnis und Aufmachen dieser Räume für Frauen. Wir wollen Modellregion für Strukturwandel in Europa sein. Dann müssen wir diesen Geschlechteraspekt systematisch integrieren, sonst werden viele Frauen nicht bleiben und unsere Söhne und Töchter werden hier keine für sie lebenswerte Region vorgefunden haben.

Das Gespräch führte Nora Miethke

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