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Früheres Florena-Werk in Waldheim wird geschlossen

Landkreis Mittelsachsen 27.02.2020
Der Standort des Nivea-Herstellers Beiersdorf steht überraschend vorm Aus. Die Firma baut bei Leipzig ein neues Werk. Für Mitarbeiter gibt es ein Angebot und für die Anhänger der Marke Florena gute Nachrichten.

Der ehemalige Florena-Standort in Waldheim, an dem 250 Mitarbeiter heute vor allem Cremes der Marken Nivea und Eucerin herstellen, wird mittelfristig geschlossen. Das teilte am Mittwoch der Personalvorstand der Beiersdorf AG Zhengrong Liu mit. Er war aus Hamburg angereist. Nach Gesprächen mit dem Betriebsrat der Beiersdorf Manufacturing Waldheim GmbH wurde am Nachmittag die Belegschaft über die Pläne informiert.

Hintergrund ist eine geplante Investition des Unternehmens an einem neuen Standort. 2022 will die Beiersdorf AG in Leipzig eine neue Produktionsstätte für Kosmetik und Körperpflegeprodukte eröffnen. Rund 200 Mitarbeiter sollen zunächst an dem Standort in Seehausen Produkte auf Aerosolbasis herstellen. Dazu zählen Deosprays, Rasier- und Duschschaum. 

Bevor der Konsumgüterhersteller Beiersdorf bauen kann, muss das Gewerbegebiet Seehausen II erschlossen werden. Rund neun Millionen Euro sind dafür nach Auskunft des Dezernats Wirtschaft, Arbeit und Digitales in Leipzig nötig. Neben Fördergeldern wird die Stadt rund 3,3 Millionen Euro aus Eigenmitteln in die Erschließung des 54 Hektar großen Areals stecken. Sie soll in diesem Sommer beginnen. 28 Hektar der Gesamtfläche hat sich Beiersdorf gesichertt, um hier ab Herbst einen neuen Standort zu erreichten, der Teil eines strategischen Produktionsnetzwerks in Europa sein wird. Man könne in Seehausen künftig die modernsten Umweltstandards  erfüllen, begründete Personalvorstand Liu die Entscheidung für den Neubau. Er wird inklusive des bereits abgeschlossenen Grundstückskaufs 220  Millionen Euro kosten und mache die Produktion in Sachsen dauerhaft wettbewerbsfähig. "Wer aus Waldheim mit nach Seehausen kommt, kann dort in die Rente gehen", versichert Mario Ast. Der bisherige stellvertretende Betriebsrat wird den Vorsitz noch in diesem Jahr übernehmen und die Verhandlungen maßgeblich begleiten.

Die Schließungsabsichten stellen eine überraschende Wende dar. Noch im Oktober 2019 hatte der noch amtierende Betriebsratsvorsitzender des Waldheimer Werkes, Jürgen Sager gegenüber dem mdr versichert: "Es gibt keine Konkurrenzsituation oder Angst, dass Waldheim dadurch (neuer Standort in Seehausen , Anmerkung. d. Red.) etwas wegbrechen könnte". Es gäbe keinerlei Überschneidungen bei der Produktpalette mit dem Werk in Waldheim. Zum Thema der Standortsicherheit für Waldheim äußerte sich Sager allerdings schon damals schon deutlich vorsichtiger. Die größte Herausforderung sei, das Waldheimer Werk wettbewerbsfähig aufzustellen, denn nur ein wettbewerbsfähiger Standort sei ein sicherer Standort, so der Betriebsratschef.

Das gestaltete sich über die Jahre immer mal wieder schwierig, was neben dem wachsenden Wettbewerb vor allem mit den Produktionsbedingungen in Waldheim zu tun habe, so Stephan Roelen, der seit 2018 Werkleiter in Waldheim ist. Die Produktionsanlagen wurden auf abschüssigen Gelände errichtet, man habe die Prozesse vertikal über mehrere Stockwerke, und nicht, wie heute üblich, horizontal angelegt. Für mögliche Erweiterungen fehle der Platz und aufgrund der Nähe zu  Wohngebieten wäre beispielsweise die Herstellung von Aerosolsprays gar nicht möglich. All diese Erkenntnisse hätten schließlich dazu geführt, einen Komplettumzug nach Leipzig zu planen. Roelen wird nun sowohl den Neubau des Werkes betreuen, für den anderhalb Jahre Bauzeit veranschlagt sind, genauso wie die Schulung der Mitarbeiter begleiten. 

Die beiden Standorte liegen gut 70 Kilometer auseinander. Mit dem Auto braucht man gut 50 Minuten, mit der Bahn zweieinhalb Stunden. Ob und wie viele Mitarbeiter das Angebot in Seehausen annehmen werden, ist noch völlig offen. "Die Mitarbeiter müssen jetzt erst einmal nach Hause und die Situation für sich selbst verarbeiten, dazu gehört auch das Gespräch mit den Familien", so Betriebsrat Sager. Er selbst arbeitet seit 1973 im Unternehmen, könnte jetzt in Rente gehen, wird aber noch einige Monate an Bord bleiben, "um die turbulenten Zeiten im Sinne der Belegschaft und des Unternehmens mitzugestalten". 

Der Beiersdorf AG hatte bereits 2019 eine Investitionsoffensive angekündigt. Bis zu 80 Millionen Euro sollen in den kommenden Jahren zusätzlich in die Internationalisierung, Innovation, Digitalisierung und Mitarbeiterqualifizierung fließen. Man wolle sich so für die tiefgreifenden Branchenumbrüche wappnen, erklärte  Stefan De Loecker damals. Er hat seit 1. Januar 2019 den Vorstandvorsitz der Beiersdorf AG inne. Das Unternehmen konzentriert sich auf die Entwicklung, Herstellung und Vermarktung innovativer Haut-, Schönheits- und Pflegeprodukte. Zu den bekanntesten Marken zählen unter anderem Nivea, Eucerin, Labello, 8x4 und La Prairie.

Seit April 2002 gehört auch die Marke Florena komplett zu der Beiersdorf AG. Ein Jahr zuvor hatte sich der Hamburger Konsumgüterhersteller mit zunächst knapp  25 Prozent in das Unternehmen eingekauft. Eine Firma, die man gut kannte, denn schon in den 1990-er-Jahren wurden in Waldheim im Rahmen der so genannten Gestattungsproduktion Cremes und Salben für Beiersdorf abgefüllt.  Zur Komplettübernahme  wurde zugesichert, dass das Unternehmen als wirtschaftlich selbstständige Tochtergesellschaft weiter agieren könne und auch der Markenname Florena erhalten bleiben soll. Ihn gibt es noch heute, allerdings auf deutlich weniger Produkten als früher. Von der Herstellung von Duschbädern, Flüssigseifen oder Rasierschaum der Marke Florena hat sich Beiersdorf bereits 2014 verabschiedetet. Die Hamburger begründeten die Verschlankung des Portfolios mit einem nachlassenden Kaufinteresse für einige Produkte. Vor allem die jüngere Kundschaft identifiziert sich seltener mit der Marke und ihren Produkten, heißt es von Seiten des Handels. Allerdings gäbe es gerade zwischen Rostock und Suhl immer noch eine sehr treue Käuferschaft. Und für die gibt es  durchaus auch eine gute Nachricht. Vor zwei Monaten hat die Beiersdorf AG einer Vermarktungoffensive in Italien und Frankreich gestartet. Unter dem Namen Florena werden künftig vegane Kosmetikartikel vertrieben. Die ersten Verkaufszahlen sind vielversprechend. Wenn sich der Trend verfestige, sei auch wieder einer Erweiterung der Produktpalette denkbar, so Vorstand Lui: "Am Ende entscheiden das Kunden".

 

Von Ines Mallek-Klein

Foto:  © Christian Charisius/dpa

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