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Fünf Millionen für IT-Komplex in Görlitz

16.09.2020
An der Bahnhofstraße entstehen bis Ende 2021 die modernsten IT-Arbeitsplätze der Stadt. Die Mieter stehen schon fest.

Von Ingo Kramer

Riesige Fenster in der Giebelwand des denkmalgeschützten Hauses Salomonstraße 20, ein langgezogenes Lichtband im Dach, dahinter ein gläserner Verbindungsbau zum Nebengebäude: Was derzeit nur eine Architektenzeichnung ist, soll bis Ende 2021 an der Ecke zur Bahnhofstraße Wirklichkeit werden. „Nach anfänglicher Ablehnung hat der Denkmalschutz mittlerweile zugestimmt, wir haben jetzt eine gute Zusammenarbeit“, lobt Daniel Patzelt.

So soll InnoLabs von der Bahnhofstraße aus aussehen. Im Haupthaus (r.) waren früher Wohnungen, das langgezogene Gebäude diente als Lager. Links davon (nicht im Bild) stehen noch weitere Gebäude. Sie werden abgerissen und durch einen Neubau ersetzt.
So soll InnoLabs von der Bahnhofstraße aus aussehen. Im Haupthaus (r.) waren früher Wohnungen, das langgezogene Gebäude diente als Lager. Links davon (nicht im Bild) stehen noch weitere Gebäude. Sie werden abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. © Zeichnung: Architekturbüro Weise
... und so sieht der Komplex, aus der gleichen Perspektive betrachtet, heute aus.
... und so sieht der Komplex, aus der gleichen Perspektive betrachtet, heute aus. © Nikolai Schmidt

Der 45-Jährige leitet seit 2017 die IT-Abteilung bei den Görlitzer Stadtwerken. Mit seinem Geschäftspartner, dem 50-jährigen Görlitzer Bauunternehmer Jens Runge, hat sich Patzelt aber noch ein zweites Standbein aufgebaut: Beide haben gemeinsam schon Gebäude saniert, zumeist Mehrfamilienhäuser. Jetzt aber gehen beide als Geschäftsführer der InnoLabs Görlitz GmbH ihr bisher größtes Projekt an: Am Kreisverkehr Bahnhofstraße/Salomonstraße errichten sie bis Ende 2021 für rund fünf Millionen Euro die wohl modernsten IT-Arbeitsplätze der Stadt. In drei Gebäuden sollen auf knapp 2.400 Quadratmetern Fläche bis zu 160 Menschen arbeiten können.

In einer Ecke des Haupthauses wurden alle Zwischendecken entfernt. Sie werden durch Stahlbetondecken ersetzt. Das ist nötig, um die Giebelwand zu stabilisieren, die mit ihren großen Fensterfronten sehr schwer wird.
In einer Ecke des Haupthauses wurden alle Zwischendecken entfernt. Sie werden durch Stahlbetondecken ersetzt. Das ist nötig, um die Giebelwand zu stabilisieren, die mit ihren großen Fensterfronten sehr schwer wird. © Nikolai Schmidt

„Wir sind voll vermietet, zum Start im Januar 2022 werden 130 Mitarbeiter einziehen“, sagt Patzelt. Die Namen der meisten Mieter will er noch nicht verraten. Eine große IT-Firma ist darunter, die jetzt schon in Görlitz vertreten ist. Sie mietet etwa die Hälfte aller Flächen. In einen Neubau, für den am hinteren Ende des Grundstückes einige Garagen und ein maroder Klinkerbau weichen müssen, siedelt sich eine noch streng geheime Medizintechnik-Firma aus Dresden an. Sie nutzt 300 Quadratmeter.

Im dritten Stock des Haupthauses zieht ein weiteres Görlitzer Unternehmen ein mit anfangs elf, zwölf Leuten. Im Dachgeschoss des Haupthauses entsteht ein sogenannter Coworking-Space mit 16 Arbeitsplätzen. Dort können also beispielsweise verschiedene Einzelunternehmer in einem großen Raum, der die ganze Etage einnimmt, zusammenarbeiten. Während der Rest ausgebucht ist, sind hier noch Plätze verfügbar. Dafür, dass die Vermietung so schnell geklappt hat, gibt es auch einen finanziellen Grund. „Wir vermieten zu sehr fairen Preisen, deutlich unter zehn Euro pro Quadratmeter“, sagt Patzelt.

Das Dach der einstigen Lagerhalle ist teilweise eingestürzt, und das schon vor langer Zeit. Doch die Außenwände des Gebäudes bleiben erhalten.
Das Dach der einstigen Lagerhalle ist teilweise eingestürzt, und das schon vor langer Zeit. Doch die Außenwände des Gebäudes bleiben erhalten. © Nikolai Schmidt

„Mit InnoLabs wollen wir IT-Firmen aus den Hinterhöfen holen“, sagt Patzelt. Insgesamt gibt es nach seiner Aussage 1.000 IT-Arbeitsplätze in Görlitz: „Die Hälfte davon ist in den vergangenen zehn Jahren entstanden.“ Das seien fast alles gut bezahlte, sichere Arbeitsplätze, die der Stadt Steuereinnahmen bringen. Doch weil sich die 1.000 Arbeitsplätze auf 25 Unternehmen verteilen, haben sie keine so gute Lobby wie Siemens oder Bombardier. Das ärgert Patzelt: „Deshalb wollen wir den Firmen Präsenz und Sichtbarkeit verschaffen.“

Viele stehen in Konkurrenz, werben sich die besten Arbeitskräfte ab. Wer bestehen will, müsse seinen Leuten neben einem guten Gehalt noch mehr bieten, sagt Patzelt. Er ist selbst das beste Beispiel für einen, der nicht sein ganzes Arbeitsleben bei der gleichen Firma verbracht hat. Ursprünglich aus Weißwasser stammend, hat er in Görlitz Wirtschaftsinformatik studiert. Danach, im Jahr 1999, ging er zu Daimler nach Stuttgart. 2007 entschloss er sich für die Rückkehr in die Heimat, aber nicht nach Weißwasser, sondern nach Görlitz: „Diese Stadt habe ich schon immer geliebt, sie hat eine super Lebensqualität.“

Daniel Patzelt steht auf der Baustelle. Neben Jens Runge ist er einer der beiden Investoren. Doch Runge ist fotoscheu.
Daniel Patzelt steht auf der Baustelle. Neben Jens Runge ist er einer der beiden Investoren. Doch Runge ist fotoscheu. © Nikolai Schmidt

Hier arbeitete er zunächst bei der IT-Firma Cideon, 2017 wechselte er als IT-Leiter zu den Stadtwerken, wo er sehr glücklich ist. Was viele nicht wissen: Die Stadtwerke kümmern sich mittlerweile um weit mehr als Strom, Gas und Wasser/Abwasser. „Wir stellen uns neu auf als Infrastruktur- und Systemanbieter“, sagt er. Neben den bisherigen Standbeinen gehören heute Glasfaser, Telefoniedienstleistungen und vieles mehr zum Portfolio: „Wir machen jetzt auch Software-Entwicklung.“ Die IT-Abteilung bestand vor drei Jahren aus vier Leuten und hat sich inzwischen verdreifacht.

Für Leute, die so innovativ sind wie Patzelt, soll InnoLabs alles bieten, was moderne Arbeitsplätze ausmacht, unter anderem hochwertig und energetisch sanierte sowie vollständig klimatisierte Gebäude, viele Fensterflächen für helle Räume, automatische Verschattung, moderne Meetingräume, Küchenzeile und WCs auf jeder Etage, eine eigene Caféteria, ein eigenes Rechenzentrum im Keller, schnelles Internet in allen Räumen, Personenaufzug, 27 Pkw-Stellplätze und 50 Fahrradständer, Ladesäulen für E-Fahrzeuge und vieles mehr. Die Stadtwerke verlegen in den drei Gebäuden über 100 Kilometer Netzwerkkabel: „Wir übernehmen auch die IT-Unterstützung für alle Mieter.“ Das Ganze sei für die Stadtwerke ein Muster-Projekt, „um zu zeigen, was wir alles drauf haben.“

Im Haupthaus waren früher Wohnungen. Irgendwer hat dort ein altes Fahrrad zurückgelassen. Künftig entstehen hier moderne Büros.
Im Haupthaus waren früher Wohnungen. Irgendwer hat dort ein altes Fahrrad zurückgelassen. Künftig entstehen hier moderne Büros. © Nikolai Schmidt

Was Patzelt ärgert: „InnoLabs bekommt aus dem Rathaus kaum Unterstützung.“ Einerseits vermisst er Wertschätzung, andererseits Fördermittel: „Wir bekommen nur zwei Prozent unserer Investition gefördert, die Waldorfschule schräg gegenüber erhält das Zigfache.“ Diesen Vorwurf will die Rathausspitze nicht auf sich sitzen lassen. „Wir haben alles getan, was möglich ist, um das Projekt zu unterstützen“, sagt OB Octavian Ursu. Bürgermeister Michael Wieler ergänzt, dass bei der Förderung grundsätzlich zwischen wirtschaftlichen und defizitären Investitionen unterschieden werde: „Eine Schule kommt da immer besser weg als ein wirtschaftlich angelegtes Projekt.“ Doch Wieler verspricht, sich noch einmal mit Patzelt und dem für Förderungen zuständigen Rathausmitarbeiter zusammenzusetzen: „Wenn sich noch irgendetwas finden lässt, wofür eine Förderung möglich ist, werde ich mich persönlich an die SAB wenden.“ Zudem könnten Patzelt und Runge über die Denkmalabschreibung rund 70 Prozent der Gesamtkosten über zehn Jahre steuerlich absetzen, also mehrere Millionen Euro.

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