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Gastronomie: Mutige Neustarts trotz Corona

28.04.2021
Die Branche leidet besonders unter den Folgen der Pandemie. Doch in der Krise sehen manche auch eine Chance. Vier Beispiele aus dem Kreis Bautzen.

Von Franziska Springer 

Bautzen. Die Frage, ob sie abenteuererprobt sei, quittiert Susanne Ramli mit emsigem Nicken und beginnt zu erzählen: von Kreuzfahrten und Expeditionen, die die gebürtige Wilthenerin an Nord- und Südpol und durch die Nordwest-Passage - den Seeweg, der den Atlantischen mit dem Pazifischen Ozean verbindet - brachten. Und von jener Flusskreuzfahrt, auf der sie ihren heutigen Mann, den Indonesier Redi Ramli kennenlernte. Im Februar 2018 kehrte die Familie nach Deutschland zurück - und wurde sesshaft.

Redi Ramli, der sich auf 5-Sterne-Schiffen vom Abwäscher zum Koch hochgearbeitet hatte, suchte sich, während seine Frau im Mutterschutz war, einen Job. Glücklich machte ihn das nicht: "Er kam und sagte: Du, ich würde mich gern selbstständig machen. Ich will zeigen, was ich kann", erinnert sich Susanne Ramli.

Die beiden Weltenbummler machten sich ans Werk, schrieben ein Konzept, bekamen Gründerförderung. Anfang 2020 planten sie noch mit einer Eröffnung im Dezember. Daraus wurde nichts: "Corona hat alles ins Stocken gebracht", sagt die Küchenmeisterin und meint vor allem die Umbauarbeiten im Haus Dresdener Straße 13 in Wilthen, in dem Redi Ramli seine Dessert- und Snackbar mit dem schwierigen Namen "T@rt@rt" einrichtete.

Redi Ramli aus Indonesien träumt seit seiner Ankunft in Deutschland 2018 vom eigenen Laden. Alles war vorbereitet, dann kam Corona. Abwarten wollen er und seine Frau Susanne trotz Notbremse aber nicht mehr: Am Sonnabend eröffnen sie ihre Dessert- und Snac
Redi Ramli aus Indonesien träumt seit seiner Ankunft in Deutschland 2018 vom eigenen Laden. Alles war vorbereitet, dann kam Corona. Abwarten wollen er und seine Frau Susanne trotz Notbremse aber nicht mehr: Am Sonnabend eröffnen sie ihre Dessert- und Snac © SZ/Uwe Soeder

Materialien seien nicht geliefert worden, Gewerke ausgefallen, zählt Susanne Ramli auf. Dabei hatten die Beiden sich alles so schön vorgestellt: wollten Mittagstisch und Kochkurse anbieten, Speisen aus aller Herren Länder nach Wilthen bringen - und Sushi. Wegen Corona aber wurde der Start ein leiser: "Wir haben um Silvester herum mit ein bisschen Außer-Haus-Geschäft begonnen", sagt Susanne Ramli. Das sei gut angenommen worden. Junge Leute kämen damit zurecht, sich im Netz zu informieren. "Aber die Älteren wollen die Auslage sehen", hat sie beobachtet.

Trotz Notbremse: Dessert- und Snackbar öffnet

Ihre Schlussfolgerung: "Es muss jetzt endlich losgehen." Am Sonnabend ist es nun soweit - eine Woche nach Inkrafttreten der Bundes-Notbremse. "Als ich davon gehört habe, standen mir die Tränen in den Augen", sagt die 35-Jährige. Das half aber nicht. "Es gibt jetzt keinen Weg zurück", kommentiert Redi Ramli trocken. Unmöglich sei der Start nicht, findet er. Wichtig sei der Zusammenhalt: "Ohne werden wir es nicht schaffen."

Diese Ansicht teilt Monique van Nuland. Sie zog im Januar 2021 mit ihrem Hofcafé aus dem Hoyerswerdaer Ortsteil Bröthen mitten ins Kamenzer Stadtzentrum. "Aloha" heißt der Ort, an dem sie jetzt süße und herzhafte Snacks anbietet - vorerst natürlich nur zum Mitnehmen. Corona gab ihr den Anstoß zum Umzug. Das alte Konzept ging nicht mehr auf: Es fehlte an Laufkundschaft, Veranstaltungen konnte sie nicht mehr durchführen.

"Ich wollte nicht ganz aufgeben. Aber bei solchen Entscheidungen ist wichtig, wer neben einem steht", sagt van Nuland. Und dort stand: ihre neue Vermieterin, die ihr nach Kräften durch die schwierige Zeit geholfen habe. Am Ende seien es "glückliche Zufälle und Zusammenkünfte in einer unglücklichen Zeit" gewesen, die sie zum Durchhalten animiert hätten.

Umzug nach Kamenz nicht bereut

Natürlich habe sie gehofft, dass ihr der zweite Lockdown erspart bleibt. Optimistisch bleibt sie dennoch: "Ich musste die Chance ergreifen und habe es keinen Moment bereut. Und: Ich habe Hoffnung." Schließlich sei Gaststätten und Cafés Orte, die derzeit schmerzlichst vermisst würden: "Orte, die uns aus unserer kleinen Welt holen, wo wir uns weiterentwickeln, uns wohlfühlen und auch mal blöde Dinge vergessen können", ist sie überzeugt. Sobald es möglich ist, werden die Kunden kommen, sitzen und genießen. Dessen ist sie sich sicher.

Die Hoffnung auf die Zeit nach dem Lockdown und die Rückkehr der Kunden - sie scheint der vornehmliche Kraft-Quell für Gastronomen im Kreis. Davon zehrt auch Vanessa Porsche, die das Erbgericht und den Ballsaal Deutsche Eiche in Neukirch im Oktober 2020 gepachtet hat. Für sie als Neugründerin sei die Situation schwierig gewesen, erzählt sie am Telefon. Aus den meisten staatlichen Hilfen falle sie raus. "Aber", lenkt sie ein, "ich musste mir noch nie Sorgen machen, was ich meinen Kindern auf den Tisch bringe."

Kunden haben sich ans Mitnehmen gewöhnt

Der Staat lasse die Gastronomen nicht im Stich. Und auch die Kundschaft signalisiere ihr, die bisher nur Essen zum Mitnehmen und kleinere Caterings anbieten kann, Rückhalt: "Die Gäste freuen sich darauf, uns kennenzulernen", sagt sie. Vor allem deshalb blickt sie positiv auf die Zukunft, widmet sich ihrer Marketingstrategie und bereut den Schritt in die Selbstständigkeit nicht.

14 Tage vor dem ersten Lockdown im März 2020 startete Maria Winkler mit ihrem Café "Waffle&more" in der Bautzener Seminarstraße in die Selbstständigkeit. Die Schließung sei ein Schlag gewesen, sagt sie heute. Aber: Trotz Corona seien die Umsätze gut - die
14 Tage vor dem ersten Lockdown im März 2020 startete Maria Winkler mit ihrem Café "Waffle&more" in der Bautzener Seminarstraße in die Selbstständigkeit. Die Schließung sei ein Schlag gewesen, sagt sie heute. Aber: Trotz Corona seien die Umsätze gut - die © Archivfoto: Carmen Schumann

Genauso wenig wie Maria Winkler, die am 1. März 2020 - 14 Tage vor dem ersten Lockdown - in der Bautzener Seminarstraße ihr Café "Waffles & more" eröffnete. Es sei nach dem fulminanten Start ein Schlag gewesen, wieder schließen zu müssen, sagt sie heute. Aber: "Die Leute haben sich an das Mitnehmen gewöhnt, wir fahren gute Umsätze." Dass trotz der Umstände alles so gut funktioniert, macht sie dankbar: "Der Schritt in die Selbstständigkeit ist immer ein Wagnis. Aber bereut habe ich ihn nie."

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