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Geht das Licht bei MS Powertec ganz aus?

19.11.2020
Mitarbeiter berichten, dass sie heute in kürzester Frist den Betrieb in Zittau verlassen mussten - flankiert vom Sicherheitsdienst. OB Zenker bietet Hilfe an.

Von Thomas Mielke 

Es ging MS Powertec schon lange nicht mehr gut. Bereits vor einem Jahr kündigte der Automobil-Zulieferer vielen Mitarbeitern und schrumpfte die rund 150-köpfige Belegschaft auf 80. Im Sommer mussten weitere Beschäftigte gehen und wurden Maschinen abgebaut. Nun scheint der von den verbliebenen Mitarbeitern befürchtete Todesstoß passiert zu sein: Nach übereinstimmenden Aussagen von mehreren Beschäftigten wurden sie heute früh darüber informiert, dass sie gekündigt und mit sofortiger Wirkung freigestellt werden.

Innerhalb von 1,5 Stunden mussten sie ihren Aussagen zufolge das Werksgelände verlassen. Ein Sicherheitsdienst hätte das überwacht, heißt es. Schlüssel und anderes Firmen-Eigentum habe abgegeben werden müssen. Die Produktion vorübergehend fortführen sollen wohl Kollegen vom westdeutschen Standort, die heute in dem Betrieb erschienen sein sollen. Noch vorige Woche hat es nach Angaben der Gekündigten geheißen, dass sich die Belegschaft keine Sorgen um ihre Arbeitsplätze machen muss. Heute nun soll sogar angekündigt worden sein, dass keine Abfindungen gezahlt würden.

Laut der Mitarbeiter ist auch verkündet worden, dass der Betrieb zum 31. Dezember geschlossen wird. Das bestätigt der Mutterkonzern. "Der Vorstand und die Geschäftsführung der MS Powertrain Technologie GmbH haben die Stilllegung der Produktion der Tochtergesellschaft MS PowerTec GmbH in Zittau beschlossen", heißt es in einer Mitteilung der MS Industrie AG. "Von dieser Maßnahme sind am Standort Zittau rund 60 Arbeitsplätze betroffen." Auf konkrete Fragen der SZ antwortete das Unternehmen bisher nicht. Auch die Industrie- und Handelskammer ist von den Vorgängen überrascht. "Uns liegen keine Informationen vor", teilte Thomas Tamme, Vize-Chef der Zittauer Geschäftsstelle, mit.

Zittaus OB Thomas Zenker (Zkm) hat die Nachricht vom Vorgehen der Firma ebenfalls heute erreicht. "Der Schritt zur Schließung kommt jetzt sehr plötzlich, befürchtet haben ihn aber viele - langjährige Mitarbeiter waren längst in andere Firmen gewechselt", teilte er mit. "Die hiesige Produktion war innerhalb der Gruppe offensichtlich logistisch schon in der Kritik, denn der vormalige GF plante eine große Umverlagerung und Erweiterung. Dazu waren wir wegen Grundstücken und Fördermitteln im Gespräch, als uns mehrfach personelle Wechsel an der Führungsspitze überraschten." Zum 10. Jubiläum in Zittau habe eine große Feier noch große Zuversicht verbreiten sollen, aber es sei auch deutlich geworden, dass es für die Herausforderungen im Nutzfahrzeugsektor noch keine echten Lösungsansätze gab.

Zenker: Kein Verständnis

"Jetzt zeigt sich wieder einmal aufs Bitterste, wenn die Führungsspitze keine Bindung zum Standort entwickeln konnte", so Zenker." Scheinbar sei jetzt die Zweckbindung der Fördermittel abgelaufen und müsse das Unternehmen Kosten senken. "Ich habe dennoch kein Verständnis dafür, wenn man die Verantwortung ausschließlich politischen Entwicklungen, die weltweit greifen, und der Corona-Pandemie zuweist", teilte Zenker weiter mit. "Die Art und Weise, wie heute die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – so wie kürzlich bereits viele ihrer Kollegen - vor vollendete Tatsachen gestellt wurden, ist mehr als unschön." Für sie sei das in der jetzigen Situation ein harter Schnitt. Er hofft, dass der viel diskutierte Fachkräftemangel hier schnell einen Neuanfang ermöglicht. Zenker bietet dafür die Unterstützung der Stadt an.

Als Grund für die Schließung nennt das Unternehmen wie bereits bei den Kündigungswellen im Herbst vergangenen Jahres und in diesem Sommer "die anhaltenden Diesel-Diskussionen". Dadurch sei das Marktumfeld erheblich eingetrübt und eine Kapazitätsanpassung notwendig geworden, heißt es in der Mitteilung. "Die Situation hat sich zuletzt durch zusätzliche Einbrüche als direkte Folge der Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung verschärft." Die Entwicklungen der letzten Monate sowie der politisch geforderte Umbruch in der Automobilwelt würden diese Maßnahme für die MS Industrie Gruppe leider unumgänglich machen. Zudem würden Automatisierung, Digitalisierung und Flächenverdichtung der Fertigung am Hauptstandort der MS Powertrain Technologie GmbH in Trossingen verstärkt vorangetrieben, um die Profitabilität für die Zukunft abzusichern.

Für den Firmensitz in Zittau sollen neue Betreiber gefunden werden. "Die im Eigentum der MS PowerTec GmbH befindliche Betriebsimmobilie in Zittau soll ab dem kommenden Jahr Dritten zur industriellen Nutzung angeboten werden", heißt es in der Mitteilung der MS Industrie AG.

MS PowerTec war lange Zeit die am schnellsten wachsende Firma in Zittau und wurde vor allem deshalb 2015 zum Unternehmen des Jahres gekürt. 2008 war der Ableger der Maschinenfabrik Spaichingen - daher das MS im Firmennamen - mit vier Mitarbeitern gestartet. Zwischenzeitlich hieß es sogar, dass der Betrieb bis auf 300 Mitarbeiter wachsen könnte. Die Firma stellte vor allem Teile für Dieselmotoren, die in Lastwagen verbaut werden, her.

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