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Gesetz gefährdet DDR-Erbe des sächsischen Weins

Landkreis Meißen 11.02.2020
Die Winzer im Elbtal sind stolz auf ihre Sortenvielfalt. Doch die ist jetzt bedroht.

Das sächsische Anbaugebiet glänzt mit einem besonderen und wenig bekannten Reichtum. Insgesamt 67 Weinsorten umfasst das amtliche Register. Der Goldriesling zum Beispiel kommt in nennenswertem Umfang nur hier vor. Auch die Scheurebe verschwindet zusehends aus anderen deutschen Anbaugebieten.

An der Elbe sowie an der Schwarzen Elster in den Enklaven von Sachsen-Anhalt und Brandenburg haben Weinfreunde dagegen die einmalige Möglichkeit, auf engem Raum ganz unterschiedliche Aromen und Ausbauarten zu genießen.

Dieses zum Teil noch den speziellen Umständen des Weinbaus in der DDR geschuldete Alleinstellungsmerkmal könnte nun unter die Räder der europäischen Gleichmacherei geraten. Anlass dafür ist die längere Zeit zurückliegende europäische Weinmarktreform. Über mehrere Jahre wurden ihre Vorgaben von den zuständigen Ministerien ignoriert. Nun allerdings sollen die Richtlinien durchgesetzt werden. Das Versäumte wird durch Übereifer und hohes Tempo bemäntelt.

Grundsätzlich sieht die Weinmarktreform vor, dass die Etiketten deutscher Weinflaschen ähnliche Qualitätsmerkmale wiedergeben, wie die Aufdrucke in Frankreich oder Italien. Bislang konnten sich die Verbraucher bei deutschen Weinen an Stufen wie Kabinett, Spätlese und Auslese orientieren. Künftig jedoch soll die regionale Herkunft entscheidend sein.

Illustriert wird das sogenannte romanische Prinzip in Fachmedien und Vorträgen gern mit einer Qualitätspyramide. Auf der untersten Stufe steht jener Wein, welcher lediglich das sehr allgemeine Label „sächsisch“ trägt. Höherwertig wären zum Beispiel Ortsweine, die aus Radebeul, Meißen oder Pillnitz stammen. 

Ganz an der Spitze schließlich tummeln sich edle Tropfen, welche in einer eng umgrenzten Lage mit einem spezifischen Mikroklima wachsen und ganz auf diese Faktoren abgestimmt sind. „Terroir“ dürfte ein Modebegriff sein, der hierfür in den letzten Jahren teils schon inflationär genutzt wird.

Intensiv mit diesem Thema beschäftigt sich seit längerer Zeit der stellvertretende Vorsitzende des sächsischen Weinbauverbandes Felix Hößelbarth. Zum Weinbautag am Dienstag in Pillnitz erntete sein Statement zum aktuellen Stand viel Applaus von der versammelten Winzerschaft. 

Zu den Zuhörern zählten der größte Privatwinzer im Freistaat, Georg Prinz zur Lippe, Vertreter der mittleren Weingüter wie Jan Ulrich und Repräsentanten der Kleinwinzer wie Frank Sparbert von der Weinbaugemeinschaft Zitzschewig.

Hößelbarths Angaben zufolge werden gegenwärtig ein Vorschlag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft sowie ein Plan des Deutschen Weinbauverbandes diskutiert, wie genau in Zukunft die Etiketten auf deutschen Weinflaschen aussehen sollen. 

Die behördliche Variante lehne aufgrund ihrer Kompliziertheit und der damit verbundenen Bürokratie eine große Mehrzahl der Weinbauregionen ab, so der Kellermeister des Weinguts Hoflößnitz. Doch auch das Konzept des DWV habe seinen Tücken.

Als wesentliche Kritikpunkte aus sächsischer Sicht benennt Hößelbarth die limitierte Sortenzahl für bestimmte Lagen. Hierunter dürfte die Vielfalt an Elbe und Schwarzer Elster leiden. Als problematisch könnten sich zudem Vorgaben für das einheitliche Geschmacksbild und Mindestmostgewichte, etwa für die Spätlesen, erweisen. 

Auf diese Weise würde Sachsen eines seiner großen Vorteile, der Kleinräumigkeit und der feinen Nuancen, beraubt. Wenn auf die trockenen und heißen Jahre 2018 sowie 2019 wieder Jahrgänge folgten, welche dem Label „Cool Climate“ besser entsprechen, dürften hiesige Weine die an südlichen Anbaugebieten orientierten Mindestmostgewichte verfehlen und einen Wettbewerbsnachteil erleiden.

Statt staatlicher Vorgaben plädiert Hößelbarth für mehr Eigenverantwortung des Berufsstandes. Diesem sollte – wie ursprünglich angedacht – erlaubt sein, über Schutzgemeinschaften selbst die Qualitätsmerkmale für den eigenen, regionalen Wein festzulegen.

Rückenstärkung für die Winzer gab es in der vergangenen Woche von staatlicher Seite. Weinbauberater Frieder Tränkner warnte davor, das bereits jetzt teure Probe- und Kontrollwesen weiter auszubauen. Aus seiner Sicht müsste die Kennzeichnungsreform zudem vor allem auf eines abzielen: Die Angaben auf den Flaschen sollten für den Verbraucher verständlich sein.

 

Von Peter Anderson

Foto: © Claudia Hübschmann

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