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Grenze zu - Tschechen bleiben hier

16.02.2021
Die Baumwollweberei Zittau beschäftigt zwölf tschechische Mitarbeiter. Auch in den Kliniken Zittau geht ohne die Kollegen aus Tschechien nichts. Was ist die Lösung?

Von Jan Lange 

Sie gelten nicht als systemrelevanter Beruf: Textilarbeiter. Und deshalb dürfen tschechische Textilarbeiter seit Sonntag nicht mehr über die Grenze pendeln, um in Deutschland zu arbeiten. Andrea Schöpfer von der Baumwollweberei Zittau (BWZ) war deswegen besorgt. Immerhin beschäftigt das Textilunternehmen an der Herwigsdorfer Straße, das seit 1994 zur Firma H. Hecking Söhne GmbH & Co. KG aus Stadtlohn gehört, zwölf Mitarbeiter aus Tschechien. Wenn sie alle ausfallen, weil sie nicht mehr pendeln können, hätte das gravierende Folgen für die Zittauer Firma. Ein normaler Betrieb wäre dann nicht mehr möglich, einzelne Webergruppe müssten wahrscheinlich stillgelegt werden.

Dazu kommt es erst mal nicht. Acht der zwölf tschechischen Mitarbeiter der Baumwollweberei bleiben in Deutschland, um weiter arbeiten zu können. Betriebsleiterin Andrea Schöpfer hat für sie eine Übernachtungsmöglichkeit in Hirschfelde gefunden. "Im Frühjahr 2020 haben wir das ja schon mal erlebt und damals ein kleines Netzwerk aufgebaut, wo wir kurzfristig wegen einer Unterkunft anfragen können", sagt sie. Da es sich um beruflich bedingte Übernachtungen handelt, sind diese auch möglich. Touristen dürfen Hotels und Pensionen derzeit nicht aufnehmen.

Dennoch hätte sich Andrea Schöpfer gewünscht, "mehr Luft zu bekommen". Man könne nicht auf einmal sagen, "übermorgen darfst du nicht mehr zurück", meint sie. Da mache es sich ihrer Meinung nach die Politik zu einfach.

Die Aufgaben der ausgefallenen tschechischen Mitarbeiter müssen nun andere Beschäftigte wie Rene Lindhardt übernehmen.
Die Aufgaben der ausgefallenen tschechischen Mitarbeiter müssen nun andere Beschäftigte wie Rene Lindhardt übernehmen. © Matthias Weber/photoweber.de

Nicht wochenlang von der Familie getrennt

Die tschechischen Mitarbeiter der Baumwollweberei stammen hauptsächlich aus dem Hradeker und Liberecer Raum, haben Familien und wollen von ihren Angehörigen nicht wochenlang getrennt sein. Deshalb haben sich auch vier Beschäftigte dagegen entschieden, in Deutschland zu bleiben. Sie müssen nun ihren Jahresurlaub machen oder unbezahlt zu Hause bleiben.

Kurzarbeit kann für die tschechischen Pendler nicht beantragt werden, da sie nicht betriebsbedingt fernbleiben. Zu tun gibt es genug. Um die Aufträge abzuarbeiten, wird eigentlich jeder Mitarbeiter gebraucht. "Wir werden versuchen, den Ausfall mit Minijobbern auszugleichen", sagt die BWZ-Betriebsleiterin. Ersatz zu finden, sei nicht so einfach. Denn auch bei den tschechischen Beschäftigten handele es sich um Facharbeiter. "Die Arbeiten kann nicht jeder übernehmen", sagt Andrea Schöpfer.

Manche denken zwar, die "machen doch nur ein bisschen Stoff", so die Betriebsleiterin. So einfach sei es aber nicht: Um die Maschinen zu bedienen, brauche es Fachleute. Zudem würden deutsche Jobsuchende vor dem Drei-Schichten-Rhythmus zurückschrecken. Deshalb hat die Baumwollweberei in der Vergangenheit auch über die Grenze Mitarbeiter gesucht. "Wenn die Grenze immer wieder zu ist, macht das die Werbung schwieriger", erklärt Andrea Schöpfer.

Nur eine Zwischenlösung

Auch wenn acht der zwölf tschechischen Mitarbeiter weiter im Betrieb tätig sind, so weiß Andrea Schöpfer doch, dass es nur eine Zwischenlösung ist. Mit den Pendlern aus dem Nachbarland wurde vereinbart, dass sie erst mal zwei Wochen in Deutschland bleiben. Der bundesweite Corona-Lockdown gilt noch mindestens drei Wochen. Tschechien hat seinerseits den Corona-Notstand um 14 Tage verlängert. Wie lange die Grenzen dicht bleiben, ist derzeit noch völlig unklar. Im vorigen Frühjahr waren sie mehr als zwei Monate geschlossen.

Bleibt die Grenze auch diesmal länger zu, müsste die Betriebsleiterin nach zwei Wochen schauen, ob die tschechischen Mitarbeiter länger in Deutschland bleiben wollen oder dann doch lieber zu Hause bleiben. "In zwei Wochen stehen wir also wieder vor der Frage, wie es weitergeht", meint Andrea Schöpfer. Sollten weitere Mitarbeiter ausfallen, muss die Betriebsleiterin entscheiden, welche Aufträge Vorrang haben und zuerst abgearbeitet werden oder welche Webergruppe notfalls stillgelegt wird.

Schon der jetzige Ausfall bleibt nicht ohne Auswirkungen. Für die weiter im Betrieb tätigen Mitarbeiter - auch die deutschen - gilt derzeit ein Urlaubs-Stopp.

Während viele Betriebe im Landkreis Görlitz vorerst auf ihre Mitarbeiter aus dem Nachbarland verzichten müssen, gibt es im Klinikum Oberlausitzer Bergland kein Problem mit der neuen Grenzregelung. Alle Mitarbeiter aus Tschechien haben die Bescheinigung, dass sie hier systemrelevant arbeiten. Getestet werden sie im Krankenhaus - wenn nötig, sogar täglich. Klinikums-Sprecherin Jana-Cordelia Petzold: "Wir sind sehr froh, dass unsere tschechischen Kolleginnen und Kollegen weiter pendeln dürfen, denn ohne sie - das müssen wir ganz ehrlich sagen - wäre das Klinikum nicht arbeitsfähig."

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